Preiswut Sprit-Schock wird zum Dauerzustand
Hamburg - "Benzinwut", "Autofahrer-Abzocke", "unzulässige Preisabsprachen" - kaum sind die Benzinpreise in den vergangenen Tagen auf neue Jahreshöchststände geklettert, geht sie wieder los: die Diskussion über zu hohe Spritpreise.
Die "Bild"-Zeitung entlarvt die "miesen Tricks der Benzin-Bosse", die Verbraucher stöhnen, und Politiker fordern das Kartellamt auf, zu "prüfen, ob hier keine unzulässigen Preisabsprachen vorliegen". Vergessen scheint der Klimawandel - vor allem aber vergessen die Knappheit des Rohstoffs.
"Momentan steigt die Nachfrage in den USA, und die Kapazitäten der Raffinerien sind zu gering", sagt Klaus Matthies, Energieexperte des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Das mache ein paar Cent der Erhöhung aus.
Und "die Benzinpreise werden auch in Zukunft nicht signifikant sinken", sagt Matthies. "Denn die Nachfrage wird generell hoch bleiben." Der Hauptgrund: China.
Schon in ein paar Jahren wird die asiatische Boom-Nation den höchsten Ölverbrauch weltweit haben. Derzeit liegen die USA im Ölbericht der Internationalen Energieagentur (IEA) noch knapp vor China, aber der Energiehunger wächst eindeutig am stärksten in Fernost.
In Nordamerika geht der Verbrauch um 1,7 Prozent nach oben, in China um 6,1 Prozent, prognostiziert die IEA. Zum Vergleich: In Europa sind es gerade 0,1 Prozent - praktisch Stagnation.
Die Schätzung für 2007: Insgesamt werden im Asien-Pazifik-Raum rund 24,9 Millionen Barrel (159 Liter) am Tag verbraucht. In den USA werden es 31,1 Millionen Barrel sein, in Europa nur 16,1 Millionen Barrel.
"China war in den vergangenen Jahren für etwa ein Drittel der Nachfragesteigerungen verantwortlich", mahnte eine Studie der KfW Bankengruppe zur Zukunft des Öls schon 2005. "Langfristig sind aufs Neue steigende Ölpreise zu erwarten, da das Angebot an Öl endlich ist und die Nachfrage weiterhin hoch bleiben wird."
Schon heute ist zum Beispiel China der zweitgrößte Automarkt der Welt. Alleine im vergangenen Jahr schnellten die Autoverkäufe um 30 Prozent in die Höhe - Tendenz steigend.
"Ölpreis nie wieder auf zehn Dollar"
"Der Ölpreis wird deshalb nie wieder auf zehn Dollar pro Barrel sinken, wie das in den neunziger Jahren der Fall war", sagt Felix Matthes, Energieexperte des Öko-Instituts. "Solche Hoffnungen zu wecken, ist falsch." Jetzt politisch eine Benzinpreissenkung zu fordern, verzerre die Signale des Marktes: "Wir werden in den nächsten hundert Jahren mit dem Mineralöl nicht einfach so weitermachen können wie bisher. Weniger zu verbrauchen - dazu gibt es keine Alternative."
Dabei sei die Debatte in Europa noch harmlos im Vergleich zu dem, was die Amerikaner gerade erlebten. "Der Benzinpreis in Europa ist in der letzten Zeit um etwa 20 Prozent gestiegen - die Amerikaner bezahlen dagegen heute das Doppelte des Gewohnten." Denn im Gegensatz zu Deutschland und Europa gebe es in den USA so gut wie keine Steuern auf Benzin. Die Kursschwankungen an den Rohstoffbörsen schlagen umso heftiger auf die Endkundenpreise durch. "Deshalb hat der hohe Benzinpreis die Amerikaner sehr viel mehr getroffen als uns. Er hat zu enormen Kaufkraftverlusten geführt."
Sehr viel intensiver diskutieren die Amerikaner deshalb auch die Alternativen zum herkömmlichen Sprit, sogenannte Biokraftstoffe wie Ethanol. "Die Technologien sind in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt worden", sagt Matthes. "Das ist ein direktes Ergebnis der Ölpreissteigerung und der darauf folgenden Debatte." Derzeit sei die Technik allerdings teuer und noch lange nicht konkurrenzfähig. Aber auch das wird sich ändern, da ist sich Matthes sicher: "Man muss die Preissignale ernst nehmen, und wir müssen unser Energiesystem langfristig dahingehend umstrukturieren."
Tortilla-Krise statt Benzinwut
"Wir müssen zwangsläufig herkömmliches Benzin durch Biotreibstoffe ersetzen", sagt auch Klaus Matthies vom HWWI. Der Anteil der regenerativen Kraftstoffe sei momentan noch sehr gering. "Durch den Druck der Politik in den vergangenen Jahren geht es zwar voran - aber immer noch sehr langsam."
Allerdings können auch regenerative Kraftstoffe nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Verbrauch grundsätzlich gedrosselt werden muss. In den USA, aber auch in Mexiko werden inzwischen auf so vielen Agrarflächen Biokraftstoffe angebaut, dass der Mais teuer wird.
In Mexiko haben sich die Tortilla-Preise deshalb drastisch erhöht. In den USA ist das Tierfutter teuer geworden. Neben der Benzinwut wird dort darum die Tortilla- und die Chicken-Pork-Beef-Krise diskutiert.