Presse: Wirtschaftskrise beutelt Anlegermagazine - DER SPIEGEL
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Presse Wirtschaftskrise beutelt Anlegermagazine

Nicht nur die Anleger sind Opfer des Börsenfrusts, auch die Wirtschaftspresse: Insbesondere bei Anlegermagazinen haben Auflagenschwund und Anzeigeneinbruch zu drastischen Einbußen geführt.
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Hamburg - "Die Anlegerblätter waren von der Börsenkrise als erste betroffen", sagt Roland Tichy, Chefredakteur der "Telebörse". Das Anlegermagazin war Ende Januar 2000 zum Gipfel des Börsen-Hypes an den Start gegangen - mit Erfolg: 170.000 Exemplare verkaufte das zur Verlagsgruppe Handelsblatt (Holtzbrinck-Konzern) gehörende Blatt. Doch nach der Spekulations-Hausse blieben die Käufer aus: Im ersten Quartal 2002 gingen wöchentlich nur noch 115.000 Ausgaben über den Ladentisch.

Beim Marktführer "Börse online" aus dem Haus Gruner+Jahr ist der Rückgang noch gravierender: 172.000 Hefte wurden im ersten Quartal im Schnitt abgesetzt - zwei Jahre zuvor waren es mehr als doppelt so viel gewesen. Relativ gut gehalten in der Krise haben bei der Auflage die klassischen Wirtschaftstitel wie die "Wirtschaftswoche" oder das zur SPIEGEL-Gruppe gehörende "manager magazin", welches mehr Hefte verkauft.

Schmerzhafter Anzeigenschwund

Schlimmer als der Auflagenrückgang ist jedoch der massive Anzeigeneinbruch: Schalteten die Telekommunikationsbranche und auch die Finanzdienstleister während des Wirtschaftsbooms noch kräftig Anzeigen, haben sie ihre Werbeetats nun radikal zusammengestrichen. Fast durchweg sind die Anzeigenumfänge bei den Titeln im zweistelligen Bereich geschrumpft. So verzeichnete "Börse online" im ersten Quartal 2002 laut Zentraler Anzeigen-Statistik (ZAS) der Zeitschriftenverleger binnen Jahresfrist ein Minus von 34 Prozent, "Focus Money" von mehr als 40 Prozent, "Euro am Sonntag" sogar von mehr als 60 Prozent.

Gehaltskürzung nach Börsen-Hype

Mit teilweise drastischen Sparprogrammen reagierten die Verlage. Die Redakteure von "Börse online" verringerten ihre Arbeitszeit und entsprechend ihr Gehalt.

Chefredakteur Johannes Scherer wehrt sich zugleich vehement gegen den Vorwurf, mit entsprechenden Aktientipps den Börsen-Hype angestachelt zu haben. Kritische Analysen zu hochgejubelten Unternehmen wie der EM.TV & Merchandising AG habe es in seinem Blatt auch in der Hausse-Phase gegeben. Der "Börse online"-Chef räumt jedoch ein: "Wir sind auch nur Menschen. Wenn es der Börse schlecht geht, dann wird man kritischer."

Nutzwert-Konzept

Scherer, dessen Blatt mit Enthüllungsgeschichten über die Bilanzpraktiken bei ComROAD und jüngst über angebliche Tricksereien bei Marschollek, Lautenschläger und Partner AG (MLP) für Aufsehen sorgte, will am Nutzwert-Konzept für den Leser weiter festhalten.

Ganz auf "news to use" setzt auch "Focus Money". Allerdings will die Zeitschrift aus dem Burda-Konzern, die Ende März 2000 startete und heute wöchentlich rund 140.000 Hefte verkauft, neben der Börse auch andere Wirtschaftsthemen wie Steuern oder Versicherungen abdecken. "Je breiter unser Spektrum ist, desto flexibler sind wir", sagt Chefredakteur Frank Pöpsel, der sein Blatt eher in Konkurrenz zu den klassischen Wirtschaftstiteln sieht.

Bei der "Telebörse" glaubt Chefredakteur Tichy, dass sich die "trimediale Marke" aus Zeitschrift, Online-Angebot und der Fernseh-Präsenz beim Sender n-tv am Markt durchsetzen wird.

Licht am Ende des Tunnels

Zwar ist die Lage für die Wirtschaftstitel und insbesondere die Anlegermagazine weiterhin unsicher, doch bei den Verlagen keimt die Hoffnung auf eine Wende: "Es spricht einiges dafür, dass wir Licht am Ende des Tunnels sehen", sagt "Focus"-Verlagsleiter Frank-Michael-Müller. "Bei den Wirtschaftstiteln gibt es einen glasklaren Zusammenhang zur konjunkturellen Entwicklung." Auf den Zeitpunkt, wann "Focus Money" die Gewinnzone erreicht, will sich Müller jedoch nicht festlegen.

Tichy geht davon aus, dass die "Telebörse" im kommenden Jahr schwarze Zahlen schreibt. Eigentlich war dies schon für 2002 geplant gewesen.