ÖKONOMIE Primus im Pech
Alan Greenspan, Immer-noch-Chef der mächtigen US-Notenbank Federal Reserve (Fed), lässt sich auch von Naturgewalten nicht beeindrucken. Wirbelstürme wie »Katrina«? Ach was, die Zerstörungswut der herbstlichen Hurrikane und der auch deshalb starke Anstieg der Energiepreise würden die amerikanische Wirtschaft nur kurzfristig bremsen, sagte der 79-Jährige noch vor vier Wochen.
Keine Panik - so seine wie üblich in verklausulierte Worthülsen verpackte Botschaft an die Finanzmärkte: Die Wirkung solcher Schocks halte nicht lange an. Und dann komme ja schon der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete.
Doch in den Handelsräumen der Banker und Broker in London und New York blieben Zweifel. Ängstlich beäugten sie einen ihrer zuverlässigsten Frühindikatoren: die Zinsdifferenz. Und da braute sich etwas zusammen. Wer sein Geld in den USA auf zehn Jahre verliehen hatte, bekam nur noch 0,3 Prozentpunkte mehr Zinsen als jemand, der das Kapital schon nach einem Monat zurückhaben wollte. Sollte kurzfristiges Geld aber tatsächlich teurer werden als langfristiges Kapital, würde eine Rezession drohen, möglicherweise sogar bei steigender Inflation.
Vergangene Woche schließlich war Schluss mit der Schönrednerei. Offen warnte Greenspans Fed-Vize Roger Ferguson, die Notenbank werde »das Tempo ihrer Zinserhöhungen verschärfen, sollte die Inflationsgefahr weiterwachsen«.
Energie hat sich in den USA innerhalb eines Jahres um rund 15 Prozent verteuert, die amerikanischen Verbraucherpreise kletterten im Jahresvergleich um 4,7 Prozent, die der Hersteller sogar um 6,9 Prozent - allesamt Rekordzuwächse seit mindestens zehn Jahren.
Gerade die sogenannten Zweitrundeneffekte der mit den Energiepreisen wachsenden Folgekosten bereiten den Beobachtern Sorgen. Zudem hat die Teuerungswelle längst auch den zweiten großen Wirtschaftsraum erreicht, die Europäische Union: In der EU stieg die Inflationsrate jüngst auf 2,6 Prozent, und das, obwohl ein Zielkorridor von allenfalls zwei Prozent angestrebt wird. Die deutschen Herstellerpreise schwollen sogar um 4,9 Prozent an.
Diese geballte Ladung schlechter Nachrichten schürte die Inflationsangst und führte zu wachsender Zittrigkeit auch an der Börse: Der Deutsche Aktienindex Dax verlor allein am Mittwoch vergangener Woche 2,1 Prozent.
Wie werden sich die steigenden Kosten der Unternehmen auf deren Gewinne auswirken? Was passiert mit dem ohnehin flauen Konsum? Wann folgt der Preis- eine Lohnsteigerung, die das Teuerungskarussell weiter antreiben würde? Bange Fragen, die die Furcht vor einer von vielen gefürchteten Spirale - steigende Preise, gefolgt von steigenden Löhnen und einem schwächeren Euro - spiegeln.
»Wir betrachten das als sehr ernst«, orakelt der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing. Auf einmal kehrt nun ein Gespenst zurück, das man seit dem Boom der Globalisierung und dem damit einhergehenden weltweiten Preisdruck gebannt zu haben glaubte: die Inflation.
Waren nicht gerade aufkommende Wirtschaftsmächte wie Indien und vor allem China mit ihren Billiglöhnen bislang ein Garant dafür, dass die Preise eher stabil bleiben oder gar fallen würden? Doch China wandelt sich vom Hoffnungsträger zum Risikofaktor: Der Energiehunger der Volksrepublik treibt global die Rohstoff- und Energiepreise an.
Während in den USA schon vielerorts Alarmstimmung herrscht, wägt man in der EU noch ab: Viele europäische Staaten haben bislang gut mit satten Teuerungsraten gelebt, denn die gehen fast immer mit hohen Wachstumszahlen einher. Allerdings führt die unterschiedliche Inflation in einzelnen Ländern europaweit inzwischen zu großen Ungerechtigkeiten.
Länder wie Deutschland, in denen Preise und Löhne bislang vergleichsweise stabil
blieben oder sogar sanken, schneiden dabei schlecht ab. Inflation ist für die angstvollen Deutschen ein Menetekel. Geldwertstabilität gilt hierzulande traditionell als nationale Tugend. Das wiederum hat viel mit der Bundesbank und ihrer einstigen politischen Macht sowie ihrer Akzeptanz in der Bevölkerung zu tun.
Die Denkmuster der Ex-Notenbanker haben sich scheinbar unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis gebrannt: Inflation schwächt die Währung, gilt als Sündenfall der Wirtschafts- und Finanzpolitik und wird am wirkungsvollsten mit steigenden Zinsen bekämpft.
Der von der Bundesbank oft ignorierte Schönheitsfehler: Das droht eine ohnehin laue Konjunktur endgültig abzuwürgen. Dabei hat Deutschland längst keine eigene Währung mehr und die Bundesbank nichts zu verteidigen. Verantwortlich ist nun EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Die D-Mark ist Geschichte. Inflation dagegen gibt es immer noch, auch wenn sie durch die gemeinsame Währung zunächst ihren Schrecken verloren hatte.
Spanien, Griechenland und Irland beispielsweise haben seit fünf Jahren Teuerungsraten zwischen drei und fünf Prozent. Immerhin: Mit Wachstumsraten von etwa drei bis über sechs Prozent sind die Staaten mit hoher Inflation auch die dynamischsten Länder Europas. Die hohe Teuerungsrate, so glauben zahlreiche Experten, ist in vielen Fällen sogar Teil der gesamtwirtschaftlichen Erfolgsgeschichte.
Regierungen, die nichts unternehmen, um der Inflation in ihrem Land Einhalt zu gebieten, oder die laufende Verteuerung beispielsweise durch hohe Lohnabschlüsse sogar noch fördern, brauchen im vereinigten Europa keine Strafe zu fürchten. Der Leitzins wird von der Zentralbank vorgegeben und bleibt für alle Euro-Staaten gleich, egal, wie sich die Preise in den jeweiligen Ländern entwickeln. Ein Euro ist ein Euro - egal, wie hoch die nationale Teuerungsrate ausfällt.
Die Folge: Ist die Inflation, wie etwa in Spanien, deutlich höher als im EU-Schnitt, können die dortigen Politiker auf einen regelrechten Boom hoffen. Denn Dank der vergleichsweise niedrigen Zinsen lohnt es sich vor allem auch für Ausländer, bei der Bank Geld aufzunehmen - und in den entsprechenden Staaten zu investieren. Die gekauften Güter werden ja jedes Jahr überdurchschnittlich teurer. Ihr Wert steigt stärker als der vergleichbarer Firmen, Immobilien oder Waren in anderen Ländern.
Normalerweise wären das reine Buchgewinne. Denn die Währung des Landes würde, quasi als Strafe für die höhere Inflation, an Wert verlieren. Spätestens beim Rücktausch im Heimatland wäre das vermutete gute Geschäft ein Nullsummenspiel. Doch auch die spanische Peseta gibt es nicht mehr. Die EU-weite Währung führt also, zusammen mit der nationalen Inflation, zu einem Zufluss an Kapital, zu Wachstum - und damit zu einem echten Standortvorteil. Doch auch die Spanier selbst feuern den Boom weiter an. Sie haben kaum Interesse, ihr Geld zu sparen. Die Zinsen sind, im Vergleich zur Inflation, viel zu gering. Schlimmer noch: Wer sein Geld auf die Bank trägt, verliert es auf Dauer.
So liegen die Zinsen für Einlagen, die über zwei Jahre festgeschrieben wurden, seit langem bei etwa zwei Prozent. Für Tagesgeld gibt es gerade mal 0,4 Prozent.
Die Preise aber stiegen stets um über drei Prozent. Wer spart, verliert also jedes Jahr einen kleinen Teil seines Vermögens. Kein Wunder, dass die Menschen ihr Geld ausgeben. Sorgen braucht sich ohnehin niemand zu machen, denn die Löhne stiegen in den vergangenen fünf Jahren ebenfalls im Schnitt um etwa vier Prozent. Angstsparen oder Konsumschwäche? Fehlanzeige.
»Die Trittbrettfahrer haben Erfolg«, warnt der Wiesbadener Wirtschaftswissenschaftler Lorenz Jarass, »und Deutschland, mit seiner soliden Preisentwicklung und seit Jahren sinkenden Löhnen, zahlt dafür die Zeche.«
Tatsächlich ist die Bundesrepublik, was Preissteigerungen angeht, ein Musterknabe in Europa. Seit Einführung des Euro im Jahr 1999 lag die Inflationsrate stets unter zwei Prozent - und immer unter dem EU-Schnitt, teilweise war die Teuerung sogar nur halb so hoch. Zudem sinken die Reallöhne seit Mitte der Neunziger - wenn auch jedes Jahr im Schnitt nur um wenige zehntel Prozent.
Das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und die Exportkraft, schwächt aber die Binnennachfrage. Schließlich sind die Zinsen angesichts der relativ geringen Teuerungsrate im europäischen Vergleich zu hoch.
Dennoch gibt es akademischen Applaus: Der britische »Economist« setzte Deutschland im Sommer auf seine Titelseite und bewunderte »die wiedererstarkende Gesundheit eines einst kranken Landes«. Klar, dass Kanzler Gerhard Schröder das renommierte Magazin tagelang im Wahlkampf mit sich führte - und bei jeder Gelegenheit aus dem Jackett zog. Doch das Lob aus London greift möglicherweise zu kurz.
Deutschland hat zwar mit stagnierenden und teilweise sinkenden Löhnen und billigeren Waren seine Wettbewerbsfähigkeit gestärkt - der Außenhandelsüberschuss beträgt mittlerweile über 150 Milliarden Euro. Doch wem nützt die exportabhängige Konjunktur, wenn die Zentralbank die Zinsen anhebt und dadurch die Wirtschaft rings um Deutschland herum stagniert? Wer soll dann all die Produkte, die deutsche Unternehmen so billig anbieten, noch kaufen?
Sollte die Inflation tatsächlich weiter nach oben schnellen, wird die EZB nicht umhinkommen, die Zinsen möglicherweise noch dieses Jahr zu erhöhen. Das aber wäre, neben einem Einbruch bei den Exporten, Pech für den Primus Deutschland, weil Gift für die heimische Konjunktur.
Dieses Szenario bringt denn auch den ehemaligen Investmentbanker und heutigen Chef der Schweizer Winterthur-Versicherung, Leonhard Fischer, ins Grübeln: »Möglicherweise ist die Party schon vorbei, bevor wir überhaupt gemerkt haben, dass sie begonnen hat.« WOLFGANG REUTER