Pritzker-Clan Implosion eines 15-Milliarden-Dollar-Imperiums
Chicago - Auf den Parties der High Society sind die Pritzkers schon lange Stammgäste. Der Name steht für Reichtum und Macht. Die Familie steht nahezu auf einer Stufe mit den Kennedeys oder den Rockefellers. Fast hundert Jahre lang konnten sich die Pritzkers auf die Vermehrung ihres Reichtums konzentrieren. Neben zahlreichen Industrieunternehmen kontrolliert der Clan auch die weltweit bekannte Hyatt-Hotel-Kette.
Familienangelegenheiten werden in solchen Kreisen diskret geregelt, schließlich gilt es einen guten Ruf zu verteidigen. Doch jetzt werden erste Risse in der Fassade erkennbar: Nach allem, was bisher nach außen gedrungen ist, wird das Pritzker-Imperium in seiner Gesamtheit wohl nicht mehr zu halten sein. Wie das "Wall Street Journal" berichtet, einigte sich der Familienrat darauf, die zahlreichen Holdings neu zu ordnen, so dass sie unter den Familienmitgliedern aufgeteilt werden können.
Das Abkommen sieht offenbar vor, dass Thomas, Nicolas und Penny Pritzker, die derzeitigen Oberhäupter des Clans, innerhalb des Konglomerats elf Einheiten zusammenfassen, die jeweils rund eine Milliarde Dollar repräsentieren. Diese Einheiten sollen dann von anderen Familienmitgliedern geleitet werden. Das Führungstrio soll dagegen das Vermögen verwalten, das den übrigen Pritzker-Angehörigen zusteht.
Die einstige Macht zerbröselt
Das soll allerdings nur der erste Schritt sein. Am Ende, so sind sich Beobachter einig, wird der Zerfall der Pritzker-Dynastie stehen - das Imperium zerbröselt in unzählige kleine Einheiten, die für sich genommen kaum noch wirtschaftliche Macht entfalten können.
Vollkommen ungewiss ist nach den Informationen des Blattes auch die Zukunft der Hyatt-Hotel-Kette, die mit weltweit 207 Hotels das Herzstück der Dynastie bildet. Vor einer Aufteilung der Anteile innerhalb der Familie ist die Rede, selbst ein Börsengang gilt nicht als ausgeschlossen.
Erste Vorboten des Zerfalls waren bereits im Sommer vergangenen Jahres zu erkennen. Der Patriarch des traditionsreichen Familien-Clans, Jay Pritzker, hatte sich an einer zweifelhaften Bank namens Superior beteiligt, ein Institut, das sich darauf spezialisiert hatte, Kredite an finanzschwache Kunden auszugeben und sich das Risiko durch hohe Zinsen ausgleichen zu lassen.
Als Superior in die Schieflage geriet, schlossen die Aufsichtsbehörden die Bank, wühlten sich durch die Bücher und sammelten Belege für ihren Verdacht, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war. Von unsauberer Buchführung war die Rede.
Aus Sorge um ihren guten Ruf und um langwierige, teure Prozesse zu vermeiden, erklärten sich die Erben von Jay Pritzker, angeführt von Thomas, Nicholas und Penny, Ende 2001 schließlich bereit, über zehn Jahre verteilt insgesamt rund 460 Millionen Dollar an die Bundesbehörden zu bezahlen - die mit Abstand größte Zahlung, die in den USA nach einer Bankenpleite jemals aufgebracht wurde.
Aus Sicht des Pritzker-Führungstrios hätte die Sache damit erledigt sein können. 460 Millionen Dollar sind zwar nicht wenig, doch im Verhältnis zum geschätzten Familienvermögen in Höhe von rund 15 Milliarden Dollar kein Existenz bedrohender Betrag. Außerdem ist es nur Geld, und was ist das schon, wenn es um den guten Ruf der Familie geht.
Unter der Decke brodelt es
Doch genau der ist inzwischen gefährdeter denn je, denn mit der unseligen Affäre brachen die lange unter der Decke gehaltenen Konflikte innerhalb des Clans umso heftiger auf. Es geht um Mitsprache und die Rache der Zukurzgekommenen. Vor allem aber es geht um die Verteilung des Familienvermögens.
Die nach außen hin wohl aggressivste Attacke ritt nach dem Bericht des "Wall Street Journal" vor einem Monat Liesel Pritzker. Die 18-Jährige Schauspielerin - bekannt als Film-Tochter von Harrison Ford in dem Action-Abenteuer "Air Force One" - warf ihrem Vater Robert Pritzker, Cousins und Halbgeschwistern vor, sie um mehr als eine Milliarde Dollar betrogen zu haben.
Innerhalb der Familie steht Liesel Pritzker mit den Vorwürfen allerdings ziemlich allein da. In einer öffentlichen Mitteilung, unterschrieben von elf Cousins, weist der Clan die Forderungen zurück. Man hoffe aber weiterhin darauf, dass eine faire Regelung gefunden werde, die einerseits die finanziellen Bedürfnisse jedes Einzelnen befriedigt, aber gleichzeitig genügend Reserven für Investments in die Unternehmen des Pritzker-Clans übrig lasse.
Doch bei aller Missgunst untereinander - in einem Punkt sind sich alle Familienmitglieder einig. Kurzfristig lässt sich das Erbe nicht verteilen, ohne dass dabei viel Geld auf der Strecke bleibt. Zehn Jahre will sich die Familie denn auch Zeit nehmen, um das Imperium aufzulösen - vorausgesetzt, die Auseinandersetzungen um die Anteile an dem Vermögen geraten nicht außer Kontrolle.
von Michael Kröger