Privatarmeen: "Kontrolle wird ausgehebelt" - DER SPIEGEL
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Privatarmeen "Kontrolle wird ausgehebelt"

Private Militärfirmen sind schnell und effizient. Gelegentlich arbeiten sie aber auch am Parlament vorbei. Der Militärforscher Herbert Wulf sieht die Gefahr rechtsfreier Räume.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Spiegel Online:

Wie schätzen Sie den Markt für private Militärfirmen ein?

Wulf: Der Markt ist in den vergangenen zehn Jahren rasant gewachsen. Viele Firmen haben sich auf die Entwicklung und Bedienung komplexer Waffensysteme spezialisiert und Fähigkeiten erworben, bei denen die Streitkräfte nicht mehr mithalten können. Dieses Outsorcing passt gut in das Konzept des "schlanken Staates" und ist für die privaten Anbieter ein florierendes Geschäft. Der Markt wird von US-amerikanischen und britischen Firmen dominiert, die jährliche Wachstumsraten zwischen acht und neun Prozent aufweisen.

Spiegel Online: Warum setzen Regierungen auf eine stärkere Privatisierung des Militärs?

Wulf: Nach Ende des Kalten Krieges sind die Truppenstärken verkleinert und Soldaten demobilisiert worden. Damit stehen den privaten Dienstleistern viele qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung. Die privaten Truppen entziehen sich der parlamentarischen Kontrolle und ziehen deutlich weniger Medieninteresse auf sich. Dies kann für eine Regierung in bestimmten Krisensituationen reizvoll sein. In den US-Streitkräften wird außerdem die These vertreten, dass die Streitkräfte sich auf ihre Kernkompetenz zurückziehen müssen, um künftig in den verschiedenen Krisengebieten der Welt parallel operieren zu können. Randbereiche wie Ausbildung und Logistik müssten ausgelagert werden, um die weltweite Einsatzfähigkeit zu garantieren.

Spiegel Online: Ziehen staatliche und private Kämpfer bald Seite an Seite in die Schlacht?

Wulf: Die meisten Militärfirmen betonen, dass sie keine Kampfeinsätze anbieten. Lediglich die britische Firma Sandline und das südafrikanische Unternehmen "Executive Outcomes" waren bisher nachweisbar in Kampfhandlungen in Afrika verwickelt. Jedoch spielt ein Experte, der am Computer Daten über Truppenbewegungen durchgibt, auf einem immer stärker automatisierten Schlachtfeld eine ebenso wichtige Rolle wie ein bewaffneter Soldat. Da verschwimmen die Grenzen.

Spiegel Online: Wie beurteilen sie den Trend, militärische Aufgaben an private Firmen abzugeben?

Wulf: Die große Gefahr besteht darin, dass die parlamentarische Kontrolle unterlaufen wird. Das staatliche Gewaltmonopol wird ausgehöhlt, wenn private Militärfirmen am Parlament vorbei operieren. Damit entstehen rechtsfreie Räume: Eine Regierung muss sich gegenüber dem gewählten Parlament verantworten, eine private Firma nur gegenüber ihren Besitzern und Aktionären. Die Privatisierung militärischer Aufgaben darf nicht das Mittel sein, um die Kontrolle der staatlichen Gewalt auszuhebeln.

Das Gespräch führte Kai Lange