Private Equity: Auf Beutezug im alten Europa - DER SPIEGEL
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Private Equity Auf Beutezug im alten Europa

Sie gelten als die Piraten der Kapitalmärkte: US-Firmenaufkäufer haben ihren größten Beutezug seit zwei Jahrzehnten gestartet und nehmen angeschlagene europäische Konzerne ins Visier. Auch deutsche Firmen stehen auf der Einkaufsliste - obwohl das Land wirtschaftlich als hoffnungsloser Fall gilt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Wenn deutsche Unternehmer den Begriff Private Equity (PE) hören, dann denken sie an Typen wie Gordon Gekko, den von Michael Douglas in "Wall Street" verkörperten Finanzpiraten. An einen, der hilflose Unternehmen gegen ihren Willen kapert, in Stücke hackt, weiterverkauft und dabei gekkoeske Sätze sagt wie: "Gier ist die Essenz der Evolution."

Gekko ist zwar nur eine Filmfigur aus den Achtzigern, doch er spiegelt recht gut das Image wider, das Private-Equity-Firmen haben - jene Kapitalgesellschaften, die nicht börsennotiert sind und mit ihrem eigenen Geld oder dem privater Investoren auf die Jagd gehen. Sie suchen preiswerte Firmen und kaufen diese auf. Nach der Akquisition, in der Fachsprache Buyout genannt, wird das Unternehmen dann entweder saniert oder in appetitliche Stücke zerlegt. Ziel ist es, die Braut so weit aufzuhübschen, dass man sie möglichst bald mit hohem Profit weiterverkaufen kann. Medien und Öffentlichkeit titulieren die Freibeuter der Kapitalmärkte deshalb häufig wenig schmeichelhaft als "Corporate Raider" oder "Sharks".

Während des Dotcom-Booms befand sich die Branche im Dämmerzustand. Denn Schnäppchen waren Mangelware - selbst subalterne Unternehmen verfügten damals über eine so hohe Börsenbewertung, dass Übernahmen aussichtslos waren.

The Boys Are Back In Town

Jetzt ist die Branche erwacht. Private-Equity-Granden wie Kohlberg Kravis Roberts (KKR, siehe Kasten), die Carlyle Group aber auch kleinere Investorengruppen sind seit einiger Zeit wieder auf Beutezug. Im Visier haben sie zunehmend Westeuropa. Nach Berechnungen des Finanzdatenanbieters Bloomberg sind die PE-Transaktionen in Europa im Jahr 2002 um 164 Prozent auf 47 Milliarden Dollar angestiegen - das ist ein mehr als doppelt so hoher Zuwachs wie in den USA.

Stephen Peel von der Texas Pacific Group (TPG) sieht die Entwicklung ähnlich: "In den vergangenen zwölf Monaten ist der Anteil von Private Equity am Fusionsgeschäft dramatisch angestiegen, von etwa 5 auf 40 Prozent", sagte er gegenüber der britischen Wirtschaftszeitung "The Business". TPG ist eines von fünf PE-Unternehmen, das sich für Teile der in Großbritannien ansässigen Hotelkette Six Continents interessiert.

Britannica, The Beautiful

Großbritannien war im vergangenen Jahr ein Schwerpunkt der PE-Aktivitäten in Europa. Neben Six Continents sind etwa die Supermarktketten Safeway, Woolworth und Selfridges im Visier der Aufkäufer. Aber auch in Deutschland ist die Branche höchst aktiv. Der Medienkonzern Bertelsmann hat unlängst seinen Fachverlag BertelsmannSpringer für gut eine Milliarde Euro an das britische Konsortium Candover/Cinven veräußert. Auch beim untergegangenen Kirch-Imperium haben die Freibeuter zugeschlagen. Der Bezahlsender Premiere ging an das Unternehmen Permira. Richtig hingelangt haben PE-Investoren bei lokalen deutschen Kabelgesellschaften wie zum Beispiel der hessischen Iesy. "Die haben sich", so ein Manager eines Kabelanbieters, "praktisch die gesamte Branche unter den Nagel gerissen."

Lesen Sie im zweiten Teil, warum US-Investoren europäische Unternehmen derzeit so attraktiv finden.

Den bisher größten Coup landete Branchenprimus KKR, als er 2002 den französischen Elektronikkonzern Legrand für 3,63 Milliarden Euro erwarb. Weitere Megadeals sind zu erwarten; derzeit verhandelt Telecom Italia über den Verkauf seiner Telefonbuchsparte Seat Pagina. An den US-Aktivitäten des angeschlagenen niederländischen Einzelhandelsriesen Ahold sollen ebenfalls mehrere Buyout-Spezialisten interessiert sein.

Wie lukrativ ein gut durchgezogener Buyout sein kann, machte unlängst Permira vor. Die Investmentgruppe kaufte 2002 die britische Baumarktkette Homebase. Das Unternehmen wurde zügig umstrukturiert und im Frühjahr 2003 weiterverkauft. Geschätzte Rendite: 600 Prozent.

Dirty Deeds Done Dirt Cheap

Gründe für die hektischen Aktivitäten in Westeuropa gibt es mehrere. Erstens ist die Grundvoraussetzung für eine ungezügelte Shoppingtour vorhanden: Die Branche schwimmt im Geld. Einer Studie der Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers (PwC) zufolge standen PE-Investoren Ende 2001 über 180 Milliarden Dollar zur Verfügung. Alleine KKR soll über eine mit mehr als sechs Milliarden Dollar gefüllte Kriegskasse verfügen.

Zweitens gelten europäische Unternehmen derzeit als sehr billig, nachdem die Börse wie ein Soufflé in sich zusammengefallen ist. Richard Davidson, Europa-Stratege bei der Investmentbank Morgan Stanley, meint, dass teilweise historisch günstige Schnäppchen zu machen sind: "Europas Bewertung ist immer noch sehr attraktiv." Eine Kennzahl, die Davidson für seine Analysen häufig benutzt, ist die Free-Cash-Flow-Rendite. Diese betrug Anfang April fast fünf Prozent. Das entspricht einem Zwanzig-Jahres-Hoch.

Drittens haben viele Unternehmen erhebliche finanzielle Probleme. In den guten Zeiten haben sie sich maßlos verschuldet - jetzt muss dringend frisches Kapital her. Das aber ist derzeit an der Börse kaum zu bekommen. Auch die Banken halten sich mit neuen Krediten zurück. Neuerdings ist die einst geschmähte Private-Equity-Branche deshalb mitunter äußerst willkommen. Denn die Piraten zahlen in bar.

Money Can't Buy Me Love

Viele europäische Unternehmen haben keine andere Wahl, als in großem Stil Ballast abzuwerfen, wenn sie nicht untergehen wollen. Finanziell moribunde Konzerne wie France Télécom, Vivendi oder die Fiat-Gruppe wollen Unternehmensteile abstoßen oder haben dies bereits getan. Käufer sind im dritten Jahr der Baisse allerdings Mangelware - PE-Firmen sind häufig die einzigen Kaufwilligen. Auch gesunde Unternehmen wie Siemens verkaufen deshalb an die Freibeuter - für 1,7 Milliarden Euro veräußerten die Münchner im vergangenen Sommer sieben ihrer Töchter, die früher zu Atecs Mannesmann gehörten, an KKR.

Branchenbeobachter glauben, dass es in Westeuropa noch Potenzial für weitere Buyouts gibt. Im Moment sind nach Ansicht von PE-Spezialist Theo Weber von PwC Länder wie Italien, Frankreich oder Spanien interessant, aber auch Skandinavien. Das Image der Branche schätzt Weber nach wie vor als durchwachsen ein: "Vorbehalte wird es immer geben - insbesondere in Deutschland - da ein PE-Haus immer innerhalb eines mittelfristigen Zeitrahmens weiterverkaufen will beziehungsweise muss."

Möglicherweise können die dreistelligen Renditen über das ungute Gefühl hinweghelfen, vom Rest der Welt als räuberisches Subjekt betrachtet zu werden. Oder wie Gordon Gekko sagt: "Wenn Du einen Freund brauchst, schaff Dir einen Hund an."

Private Equity Buyouts in Europa (2002)

Datum PE-Firma Kauf Branche Land Kaufpreis (in Mio. Euro)
Juli 2002 KKR Sieben Siemens-Töchter Maschinenbau / Elektronik D 1700
November 2002 Permira Premiere Pay TV D 1100
Dezember 2002 Carlyle u.a. Casema NV Kabelfernsehen NL 665
Dezember 2002 KKR Legrand Elektronik F 4388
Dezember 2002 Bain Capital/Thomas H. Lee Houghton-Mifflin (Vivendi) Fachverlag USA 1457
Februar 2003 Candover/Cinven Gala Group Bingo-Kette GB 1765
April 2003 Carlyle u.a. Teile von FiatAvios Luft- und Raumfahrt I 1600
Mai 2003 Candover/Cinven BertelsmannSpringer Fachverlag D 1050
Quelle: Eigene Recherche