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Versicherungen Problem übersehen

Der Autofahrer muß genau hinsehen: Die bessere Versicherung kann sogar die billigere sein.
• aus DER SPIEGEL 7/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn es um Autoversicherungen geht, weiß Reinhard Zerner bestens Bescheid. Aber damit macht er den Kollegen in den Assekuranzfirmen das Leben schwer.

Zerner arbeitet beim Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC), und er tut etwas für die Mitglieder: Er vermittelt besonders günstige Versicherungen. Das drückt die Prämien in der gesamten Branche.

Für manche Autofahrer könnte es bald noch besser kommen. Zerner hat herausgefunden, daß viele, die eine Teilkasko-Versicherung für ihren Wagen abgeschlossen haben, sich weitaus günstiger versichern können - Vollkasko, nicht teurer, sondern billiger.

Spricht sich der Spartip herum, stehen den 122 Kraftfahrtversicherern in Deutschland härtere Zeiten bevor. Ihre Prämieneinnahmen würden weiter sinken, erboste Kunden bessere Verträge verlangen.

Vollkasko, das weiß jeder Autohalter, ist normalerweise wesentlich teurer als eine Teilkasko-Versicherung, die nur Diebstahl-, Glasbruch- oder Brandschäden ersetzt. Dafür kann sich aber der Versicherte darauf verlassen, daß ihm nach einem Unfall auch der Schaden am eigenen Fahrzeug ersetzt wird.

Die für den Verbraucher günstige Lücke in den Versicherungsbedingungen, die ADAC-Mann Zerner entdeckt hat, entsteht durch die Rabatte, die ein Versicherter für unfallfreies Fahren erhält. Diese Nachlässe werden nur auf die Haftpflicht- und die Vollkasko-Versicherung gewährt.

Ein Teilkasko-Versicherter bekommt den Rabatt nur auf die Haftpflichtprämie, die jeder Autofahrer zahlen muß. Die auf den Teilkasko-Schutz entfallenden Kosten, in denen sich der Anstieg der Autodiebstähle widerspiegelt, klettern bei ihm ungebremst. Die Teilkasko-Prämien sind dramatisch gestiegen (siehe Grafik).

Einem Vollkasko-Versicherten dagegen wird der volle Abschlag sowohl auf die Haftpflicht- als auch auf die Kasko-Prämie angerechnet. Er profitiert stärker vom Rabatt. Die vielen Autodiebstähle schlagen sich bei ihm kaum nieder.

Dennoch war bislang Vollkasko stets teurer. Dafür sorgte schon das Berliner Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen, das Prämien und Rabatte genehmigte. Seit dem Sommer vergangenen Jahres hat sich das geändert. Nun können die Versicherer nach europäischen Regeln ihre Tarife frei kalkulieren.

Einige Unternehmen, etwa die Bayerische Beamtenversicherung, bieten Frauen neuerdings besonders günstige Tarife, weil die nach vorherrschender Meinung vorsichtiger fahren. Andere Anbieter gewähren Sonderrabatte, wenn der Fahrzeughalter einen Garagenplatz nachweisen kann und sein Auto nur wenig nutzt. Die Schweizerische Winterthur-Versicherung gibt sogar für eingebaute Airbags einen Bonus.

Fast alle großen Versicherer haben zudem neue Regionalklassen eingeführt. Bislang orientierten sich die Tarifgruppen an der Grenze der Regierungsbezirke. Es machte dabei für die Prämienkalkulation keinen Unterschied, ob die Autohalter in der Großstadt oder auf dem Lande wohnten.

Inzwischen ist das anders. Nun richtet sich die Prämienhöhe bei Haftpflicht-, Voll- und Teilkasko-Verträgen nach den Zulassungsbezirken, also dem Autokennzeichen.

Die Versicherer können Bewohnern dünnbesiedelter Gebiete, wo es seltener auf den Straßen kracht und weniger Autos verschwinden, einen Bonus bieten. Dafür zahlen die Bewohner von Großstädten mehr, weil in den Straßen der City mehr Blech eingedrückt wird und mehr Fahrzeuge geknackt werden.

In ihrem Eifer, die Tarife neu zu gestalten, haben die Versicherungsfirmen allerdings ein Problem übersehen. In der Teilkasko-Versicherung, die früher als besonders billig galt, führt die neue Kleinteilung der Republik zu abstrusen Ergebnissen. Der Besitzer eines Golf-Cabrio im bayerischen Erding, der seit vielen Jahren keinen Unfall mehr hatte und deshalb einen hohen Schadenfreiheitsrabatt genießt, zahlt bei der HUK-Coburg für eine Teilkasko-Versicherung mit 300 Mark Selbstbehalt 1940,20 Mark pro Jahr. Vollkasko-Schutz gewährt dieselbe Versicherung bei 650 Mark Eigenbeteiligung schon von 737 Mark an.

Verzerrungen ergeben sich nicht nur bei Liebhaberautos, wie dem Golf-Cabrio oder VW Caravelle. Auch Fahrer eines Audi 100 Avant oder BMW 316 i können betroffen sein. Sie kommen oft günstiger weg, wenn sie gleich Vollkasko-Schutz beantragen.

ADAC-Spezialist Zerner schätzt, daß in der Bundesrepublik fast eine Million Autofahrer viel Geld sparen könnten, wenn sie auf eine Vollkasko-Versicherung umsteigen. Die Kunden müßten es nur wissen.

Doch da sind die großen Versicherer, wie die Allianz oder die Kölner Colonia, äußerst zurückhaltend, die Kunden aufzuklären. »Wir würden ja weniger Umsatz machen«, gesteht Colonia-Sprecher Norbert Kampf in entwaffnender Offenheit.

Weitere rund zwei Millionen Autofahrer müßten nur ein paar Mark drauflegen, um bei einem Unfall besser - also durch Vollkasko - abgesichert zu sein. Auch sie werden mit Post von ihrer Versicherung, die sie über ihre Chancen aufklärt, nicht rechnen dürfen. »Allein das Porto«, wehrt Allianz-Sprecher Wolfgang Heilmann ab, »wäre viel zu teuer.«

Der ADAC will es seinen Mitgliedern leichter machen. Er bietet in seinen Geschäftsstellen Policen ausgewählter Versicherer an. Über ein Computerprogramm können die Besucher dort auch abfragen, ob es sich für sie lohnt, einen Vollkasko-Vertrag abzuschließen.

Allzulange sollten interessierte Autofahrer jedoch nicht warten. Seit dem 1. Januar werden in der Bundesrepublik alle Neufahrzeuge mit elektronischen Wegfahrsperren ausgerüstet, um Dieben das Handwerk zu erschweren.

Das müßte sich auf die Versicherungsprämien auswirken. Werden weniger Wagen gestohlen, könnte Teilkasko wieder billiger werden - und Vollkasko würde sich für viele nicht mehr lohnen. Y

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Beitragsentwicklung in d. Kfz-Versicherung

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