Profis am Werk - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 32 / 96

VIDEO Profis am Werk

Ein neues einträgliches Geschäft: Nach Schallplatten und Tonbandkassetten werden nun Spielfilme für den schnell wachsenden Video-Markt illegal kopiert.
• aus DER SPIEGEL 18/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Harry aus Dortmund war stets pünktlich und zuverlässig. Jeden Mittwoch tauchte er bei der 35jährigen Besitzerin eines Videofilm-Handels in Berlin auf, lieferte seine Ware und verschwand wieder.

Die Berlinerin wurde mit dem Dortmunder immer schnell handelseinig. Denn Harry hatte, zum günstigen Preis, was die Kunden lieben -- Videokassetten mit Spielfilmen wie »Die Blechtrommel«, »Vier Fäuste für ein Hallelujah« oder »Kramer gegen Kramer«.

Die Ware war nur leider nicht astrein. Im April vergangenen Jahres sprach die Berliner Kriminalpolizei bei der tüchtigen Videothekarin vor und beschlagnahmte das Warenlager im Wert von 300 000 Mark.

Die Videofilme des Dortmunder Lieferanten waren illegal kopiert und ohne Lizenz verkauft worden. Wer solche Raubkopien verkauft oder öffentlich vorführt, macht sich strafbar. Wegen »unerlaubter Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke« wurde Harrys Handelspartnerin in Berlin zu 6000 Mark Geldstrafe verurteilt.

Vergehen dieser Art (Höchststrafe: ein Jahr Gefängnis) beschäftigen immer häufiger die Gerichte, seit rund eine dreiviertel Million Bundesbürger per Videorecorder Abwechslung vom öden TV-Einerlei suchen. Zur Zeit, so schätzen Experten, laufen rund 60 gerichtliche Ermittlungsverfahren gegen Raubkopierer.

Das Geschäft ist verlockend, denn die Nachfrage nach Bandfilmen steigt ständig. Allein in diesem Jahr will die Industrie in Deutschland rund 600 000 Videorecorder absetzen. Viele Käufer wollen dann nicht nur Fernsehprogramme aufzeichnen, sondern brandneue Kinofilme für die Heimvorstellung erwerben oder mieten.

Die üblichen Kassetten allerdings sind teuer, Spitzenfilme kosten bis zu 300 Mark. Dabei erinnert das Angebot der Filmproduzenten oft an das Programm eines heruntergekommenen Vorstadtkinos.

»Flotte Teens und heiße Jeans«, »Panzerschlacht an der Marne«, »Das Schwert des gelben Tigers« oder »Drei Schwedinnen in Oberbayern« gehören da schon zu den Bestsellern. Erfolgreiche neue Kinostücke sind dagegen nur selten im offiziellen Angebot zu finden.

Die Lücke schließen illegale Lieferanten wie Harry aus Dortmund. Schwarzhändler, die mit Raubpressungen von Schallplatten und Musikkassetten bereits einschlägige Erfahrungen sammeln konnten, bieten zur Zeit etwa vierhundert verschiedene Filmtitel zu Preisen zwischen 100 und 200 Mark an.

Manchmal bringen sie ihre Videokopien sogar schneller unter den Ladentisch als die Hollywood-Konzerne ihre Filme ins Kino. So war etwa der Science-fiction-Streifen »Das Imperium schlägt zurück«, der im Dezember vergangenen Jahres in den deutschen Kinos anlief, bereits Ende September im Schwarzhandel als handliche Videokopie für rund 130 Mark erhältlich. Die Bänder kamen über Häfen in Holland und England aus Fernost.

Solch einen Coup, ahnen die ergrimmten Filmproduzenten, können nur Profis landen. Es bedarf bester Beziehungen und kostet viel Geld, um die Kopie eines Films zu bekommen, der noch gar nicht in den Kinos läuft. Bereits angelaufene Filme zu beschaffen ist dagegen wesentlich einfacher. Der Filmvorführer braucht sie den Kopierern nur für ein paar Stunden zu überlassen.

Lohnend ist das Geschäft allemal. Fälscherringe, die offenbar überwiegend in Südostasien organisiert sind, brauchen sich weder um Schauspielergagen und Studiokosten zu scheren, S.66 noch zahlen sie Urhebertantiemen und Steuern. Allein eine zeitlich und örtlich begrenzte Urheberlizenz für einen Spielfilm kostet einen seriösen Videokopierer in Deutschland zwischen 20 000 und 100 000 Mark.

Mindestens 200 Millionen Mark, so schätzen Experten, wurden im vergangenen Jahr in dem illegalen Geschäft mit Spielfilmen, Tonbändern und Schallplatten allein in der Bundesrepublik verdient. Der legale Handel setzte dagegen Videofilme für gerade sechzig Millionen Mark um.

Die schwarze Konkurrenz hat die deutsche Videobranche inzwischen so nervös gemacht, daß sich die Mehrheit der deutschen Videoproduzenten dem internationalen Verband der Schallplattenproduzenten IFPI anschloß. Dieser Verband nämlich hat nicht nur eine beratende Stimme bei der Unesco und der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO), sondern beschäftigt auch eigene Ermittlungsteams, die der unliebsamen Konkurrenz zu Leibe rücken.

Das ist auch nötig. Denn in vielen Ländern geht die Polizei von sich aus nur selten gegen die modernen Raubritter vor. Auch in Deutschland zählen Verstöße gegen das Urheberrecht nicht zu den Offizialdelikten, sondern werden nur auf Antrag von der Justiz verfolgt.

Im Kampf gegen die Fälscherringe konnten die IFPI-Detektive sogar schon Erfolge erringen. So führten ihre Ermittlungen dazu, daß in Hongkong bei einer Großrazzia 68 000 Raub-Bänder beschlagnahmt wurden. Ein Jahr später brachten die Verbandsdetektive das Bundeskriminalamt auf die Spur eines Preßwerks in Lüneburg, das Jahr für Jahr drei Millionen Platten illegal produzieren konnte.

Die Hersteller von Videofilmen möchten sich allerdings nicht nur auf Verbandsdetektive verlassen. Sie wollen ihre Filmkassetten künftig mit einem unsichtbaren Kode versehen, der Auskunft über Hersteller und Kopierdatum gibt. Reguläre Ware soll dadurch von den oft täuschend ähnlich aussehenden Freibeuter-Produkten leichter zu unterscheiden sein.

Und schließlich wollen die aufgeschreckten Hersteller auch das Naheliegende tun -- ihr Angebot verbessern. So sollen nach dem Beispiel des Kinohits »Der letzte Countdown« künftig häufiger Spielfilme schon kurz nach der Leinwand-Premiere als Videoversion erhältlich sein. Als erste werden die Monumental-Filme »Time Slip --Der Tag der Apocalypse« und »Das Boot« wenige Wochen nach der Erstaufführung im Kino als handliche Videokassette zu kaufen sein.

»Je mehr aktuelle Kinofilme es parallel zum Kinostart auf Video gibt«, prophezeit Claus Czaika von der Herstellerfirma Euro Video, »um so schneller stirbt der Schwarzmarkt.«

Zur Ausgabe
Artikel 32 / 96

Mehr lesen über