Programmierter Ärger - DER SPIEGEL
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KONZERNE Programmierter Ärger

Der Computerriese Sun macht die meisten seiner deutschen Geschäftsstellen dicht. Der Großteil der Belegschaft wird nach Hause geschickt - zum Arbeiten.
Von Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 30/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie nennen sich selbst »Sunnies«. Und die Arbeit für den US-Computerkonzern Sun Microsystems war für sie immer »mehr als nur ein Job«. »Bei Sun zu arbeiten ist eine Erfahrung«, heißt es auf der Homepage des Konzerns.

Schon der Alltag ist ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig. Kaum einer der rund 37 000 Mitarbeiter der einst an den Börsen gefeierten Computerfirma aus dem kalifornischen Santa Clara hat ein eigenes Büro. Viele verfügen nicht einmal über einen eigenen Schreibtisch. Wer im Office arbeiten will, muss sich vorher - und oft auch Wartezeiten in Kauf nehmen.

Selbst Deutschland-Chef Marcel Schneider verzichtet auf ein eigenes Zimmer und sitzt in der Münchner Zentrale mal an diesem, mal an jenem Schreibtisch. Eine elektronische Zugangskarte sorgt dafür, dass jeder Angestellte an jedem PC Zugriff auf alle individuellen Arbeitsunterlagen hat. »Mit dem Flexible-Office sparen wir eine Menge Geld«, sagt Marketing-Chef Donatus Schmid.

Jetzt will der kriselnde US-Konzern, der in den vergangenen Jahren rund fünf Milliarden Dollar Verlust angehäuft hat, noch mehr sparen - auch in Deutschland. In den nächsten Monaten plant Sun, nicht nur rund 120 seiner derzeit 1650 deutschen Angestellten zu entlassen. Zusätzlich sollen außer der Zentrale in München auch fast alle Vertriebsbüros in Deutschland dichtgemacht werden.

Rund 1000 Mitarbeiter sollen dann von zu Hause aus arbeiten - als sogenannte iWorker. Für Besprechungen mit Kunden werden Drop-in-Center eingerichtet. »Die muss man sich wie ein Internet-Café vorstellen«, sagt Marketingmann Schmid. »Richtige Arbeitsplätze gibt es da nicht.« Um neun Prozent sollen so die Kosten sinken.

Die Abkehr von den klassischen Bürostrukturen beschäftigt die Industrie seit Einführung des Internet. Experimente mit Heimarbeit und anderen neuen Jobwelten gibt es inzwischen in vielen Firmen. Doch kaum ein Großunternehmen setzt so rigoros auf den Verzicht von klassischen Bürostrukturen wie Sun.

»Es besteht gar kein Zweifel, dass die Zukunft des Arbeitsmarkts von virtuellen Pendlern bestimmt wird«, predigt Sun-Mitbegründer Scott McNealy, der die Firma 22 Jahre lang bis zum Frühjahr 2005 fast wie ein Sonnenkönig regierte. Dutzende von Niederlassungen in den USA wurden schon geschlossen, mehr als 13 000 iWorker arbeiten für Sun am heimischen Schreibtisch. Rund 100 Millionen Dollar werden so pro Jahr eingespart.

Der strikte Sparkurs scheint nötig. Denn der Produzent von Hochleistungscomputern, sogenannten Servern, ist tief gestürzt. Vom einstigen Börsenwert von 200 Milliarden Dollar sind nur noch 14 Milliarden übrig. Viel zu lange kämpfte Firmenchef McNealy verbissen wie kaum ein anderer gegen das angeblich von Bill Gates und dessen Microsoft errichtete »Reich des Bösen«. Dabei ignorierte er die dramatischen Veränderungen im Markt.

Viel zu lange hielt McNealy allein an seinen teuren Servern mit selbstentwickelten Chips und hausgemachter Software fest. Währenddessen setzte die Konkurrenz auf Standardchips sowie -programme und überholte so den einstigen Marktführer im Server-Geschäft.

Die Folge: Während Konkurrenten wie IBM, Dell oder Hewlett-Packard Wachstumsraten und kräftige Gewinne vorweisen, hat Sun seine Strahlkraft verloren. Zwar weisen die jüngsten Umsatzzahlen, die der Konzern am Mittwoch vorlegt, wieder nach oben. Doch der Löwenanteil des Zuwachses geht auf das Konto einer Firma, die 2005 von Sun übernommen wurde und gut zwei Milliarden Dollar Umsatz mitbrachte. Unterm Strich sind die Zahlen weiter tiefrot. Auch die Prognosen für 2007 fallen düster aus.

Nach anfänglichem Zögern entschied sich Jonathan Schwartz, der McNealy im April als Konzernchef beerbte, für ein hartes Sparprogramm. Der 40-Jährige mit dem auffälligen Haarzopf will bis zu 5000 Stellen im Konzern streichen. Noch mehr sollen ihre Arbeit zu Hause erledigen.

Während die Mitarbeiter in den USA aber weitgehend selbst entscheiden können, ob sie auf Flurfunk und den direkten Kontakt mit Kollegen verzichten, möchte sich Deutschland-Chef Schneider als besonders tüchtiger Sparkommissar profilieren: Rund zwei Drittel der Belegschaft will er zwangsweise nach Hause schicken.

Ein Plan mit Hindernissen. Denn nicht jeder »Sunnie« hat in seiner Wohnung genug Platz für das geforderte Arbeitszimmer. Nicht jeder wohnt in einem Gebiet, wo es den für die Heimarbeit erforderlichen DSL-Anschluss gibt. »Der muss dann eben umziehen«, sagt Schmid kühl.

Ärger ist programmiert. Denn im Vergleich zu anderen Ländern steht Deutschland im Sonnenreich noch recht gut da. Zwar ist der Umsatz im gerade beendeten Geschäftsjahr erneut geschrumpft - um rund drei Prozent auf 857 Millionen Dollar. Anders als der Konzern schreibt die Münchner Niederlassung aber kontinuierlich schwarze Zahlen und überweist jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge in die USA.

Schneider will sein Musterprojekt dennoch auf jeden Fall durchziehen. In einem internen Papier heißt es dazu: »Passiver Widerstand wird nicht toleriert.«

KLAUS-PETER KERBUSK

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