"Project Football" Fiats Einsparplan schont deutsche Opel-Werke
Berlin - Man kann Fiat-Chef Sergio Marchionne nicht vorwerfen, er habe seine Pläne zur Übernahme von Opel nicht gründlich durchdacht. 103 Seiten umfasst der Plan namens "Project Football", der der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vorliegt. Auch die "Süddeutsche Zeitung" berichtete von den Plänen.
Insignia-Fertigung in Rüsselsheim: Fiat nimmt eigene Werke nicht aus
Foto: Getty ImagesZwar folgte den Berichten der Zeitungen umgehend ein Dementi: Die beschriebenen Stellenstreichungen und Werksschließungen seien nicht Teil des Planes. Auch das Bundeswirtschaftsministerium beeilte sich, die Nachricht zu relativieren. "Das Modell (...) stammt von Anfang April und ist insofern nicht mehr aktuell", sagte Ministeriumssprecher Steffen Moritz am Mittwoch in Berlin. Es sei auch nicht Gegenstand der Gespräche des Fiat-Vorstandsvorsitzenden Sergio Marchionne mit Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am Montag gewesen.
Schlechte Nachrichten für die Belegschaft
Experten aber gehen trotzdem davon aus, dass bei einer Übernahme des Opel-Konzerns Einschnitte unvermeidlich sind - auch für Fiat. Denn der Konzern hätte dann weltweite Überkapazitäten von 25 bis 30 Prozent. "Das Dementi sagt wenig aus", sagt ein Insider. "Wenn man es genau nimmt, wäre es sogar richtig, wenn der Plan von externen Beratern stammt."
Doch egal, von wem der detaillierte Plan letztlich stammt: Für die Belegschaft des künftigen Gesamtkonzerns enthält er bestürzende Nachrichten. Fünf Autofabriken sollen geschlossen werden, dazu fünf Werke, in denen Motoren und Getriebe gefertigt werden. Rund 18.000 Arbeitsplätze sollen wegfallen. Die Neuordnung werde zu Einsparungen von insgesamt 282 Millionen Euro führen, schreibt die Zeitung.
Die deutschen Opel-Werker können allerdings zunächst aufatmen. Die Standorte Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern kommen in den Planungen vergleichsweise glimpflich davon, müssen aber mit der Schließung der Motoren- und Getriebefertigung rechnen. An allen drei Standorten werden zusammen wohl 3600 Arbeiter ihren Job verlieren. Eisenach soll ganz ungeschoren bleiben.
"Alle GM-Standorte liegen gleichauf"
Die Hauptlast der Einsparungen würden dagegen die Standorte der Opel-Schwestergesellschaft Vauxhall in Großbritannien und Fiat-Fabriken in Italien tragen, wo insgesamt mehr als 12.000 Arbeitsplätze bedroht sind.
Kommentieren will die Pläne bei Opel natürlich niemand. Ein Sprecher weist lediglich darauf hin, dass die Produktivität der einzelnen Fabriken nicht der ausschlaggebende Faktor für eventuelle Schließungsentscheidungen sein kann. "Was das Leistungsniveau betrifft, liegen die GM-Standorte in Europa praktisch gleichauf."
Willi Diez, Direktor des Geislinger Instituts für Automobilwirtschaft, vermutet denn auch andere Gründe, die hinter den Planungen stecken könnten: "Produktivität ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht nur eine Kenngröße, die eine Rolle spielt", gibt der Experte zu bedenken. Ein wichtiger Punkt sei auch, ob die Komponenten oder Autos, die in den betreffenden Standorten gefertigt werden, überhaupt noch gebraucht würden und wenn, wo sie stattdessen produziert werden könnten. Auch die sogenannte Marktnähe spiele eine Rolle.
Fiat auch in Italien unter Druck
Warum dann aber ausgerechnet die britischen Vauxhall-Standorte Luton und Ellsmere Port von der Schließung bedroht sind, bleibt unklar. Denn die Modelle der Opel-Schwester belegen in ihrem Heimatmarkt regelmäßig Top-Plazierungen in der Zulassungsstatistik.
Bleibt also der politische Faktor: "Die Planer werden sich überlegt haben, wo im Falle einer Schließung mit welchem Widerstand von Politikern und Gewerkschaften zu rechnen ist", erklärt Diez vorsichtig. "Das wird sicherlich in die Rechnung mit einbezogen. Am Ende entscheidet aber die Gesamtkalkulation."
Der Experte weist allerdings auf ein wichtiges Statement hin, das auch aus den Planungen herauszulesen ist: Danach sieht Fiat ebenso die Schließung zweier eigener Standorte in Süditalien vor, der mehr als 6000 Stellen zum Opfer fallen würden.
Die Entscheidung wird Marchionne auch gegenüber der Regierung in Rom vertreten müssen, der er eine Menge Geld schuldet. "Das belegt, dass Fiat für die Allianz eine Menge in die Waagschale zu werfen bereit ist", vermutet Diez. "Die These, Fiat wolle sich auf Kosten von Opel sanieren, dürfte damit nur noch schwer aufrechtzuerhalten sein."