ELEKTRONIK Projekt Mega
Seit Jahren ärgern sich die Manager des Münchner Elektrokonzerns Siemens über den Vorwurf, ihr Unternehmen sei schläfrig geworden. Der größte private Arbeitgeber der Bundesrepublik, heißt es immer wieder, lege sein Geld lieber in mündelsicheren Wertpapieren als in Zukunftstechnik an. Siemens, so hörte der Vorstand regelmäßig auf den Hauptversammlungen spotten, ist »eine Bank mit angeschlossener Elektroabteilung«.
Nun haben die Leute aus der Elektroabteilung bei den Geldverwaltern eine erstaunliche Summe lockergemacht. 2,2 Milliarden Mark will Siemens bis 1989 ausgeben, um mit einem Super-Chip »in der Spitzengruppe der weltweiten Entwicklung mitzuwirken«.
Das »Unternehmensprojekt Mega«, wie es intern heißt, ist ein ehrgeiziger Kraftakt. Nach über einem Jahrzehnt des Hinterherhinkens wollen die Deutschen endlich den Vorsprung von Japanern und Amerikanern in der Mikroelektronik wettmachen. Die Investition zeige, so Siemens-Chef Karlheinz Kaske, »daß es uns damit ernst ist«.
»Das ist ein ganz verrückter Wettlauf«, sagt Uwe Thomas, im Bonner Forschungsministerium für die Mikroelektronik zuständig. Etwa alle vier Jahre steigert die Industrie die Kapazität der fingernagelkleinen Silizium-Plättchen, in denen Computer Daten speichern, auf das Vierfache. Wer zuerst die neue Chip-Generation liefern kann, streicht fette Anfangsgewinne ein. Siemens sah bei diesem Rennen bisher immer ziemlich
alt aus. Einen sogenannten 16 K RAM, einen Chip, der 16 000 Informationseinheiten (bits) aufnehmen kann, bot die Firma erst 1977 an. Da war das Geschäft schon längst gelaufen. Auch beim nächsten Vierer-Sprung, zum 64-K-Chip, hatte Siemens Verspätung.
Der Boom der meist mit 64-K-Chips ausgestatteten Personal-Computer bescherte den Münchner Spätentwicklern wenigstens noch einen bescheidenen Marktanteil von drei Prozent bei diesem Produkt.
Beim jetzt anlaufenden Geschäft mit 256-K-Speichern will der deutsche Elektromulti näher aufschließen. Wenn es zur Jahreswende mit der Serienproduktion im österreichischen Villach klappt, hinkt Siemens hinter den Japanern etwa ein Jahr, hinter den US-Produzenten nur noch wenige Monate her.
Das Mega-Projekt, hofft Hermann R. Franz, im Siemens-Vorstand für den Bereich Bauelemente verantwortlich, »wird den zeitlichen Abstand zu den führenden Anbietern aus USA und Japan weiter deutlich verkleinern«. In einem neuen Werk in Regensburg, für das Franz Mitte Oktober den Grundstein legte, sollen die nächste und die übernächste Chip-Generation produziert werden.
Für 1987 ist zunächst die Serienfertigung von 1-Megabit-Speichern geplant, von 1989 an sollen dort dann auch 4-Megabit-Chips hergestellt werden. Diese Winzlinge packen Daten in kaum noch vorstellbarer Dichte in ihre Schaltkreise. Das 1-Megabit-Chip kann den Inhalt von etwa 70 eng beschriebenen Schreibmaschinenseiten speichern.
Ob Siemens in der Mega-Klasse wirklich den Anschluß an die Spitze schafft, muß sich noch zeigen. Schon im letzten März führte eine japanische Gruppe aus den Firmen Hitachi und NEC sowie der Telephongesellschaft NTT das erste Muster eines 1-Megabit-Speichers vor. Auch IBM hat in seinen Labors schon so einen Super-Chip entwickelt. Siemens, so heißt es, teste in seinem Computer-Zentrum in München-Neuperlach ("Datasibirsk") eine Prototyp-Produktionslinie.
Entscheidend sind bei dem 1-Megabit-Chip nicht die Erfolge im Labor, sondern das Beherrschen der fehlerfreien Massenproduktion. Schon ein für das Auge unsichtbares Staubkorn im Herstellungsprozeß ruiniert die nur noch ein tausendstel Millimeter schmalen Strukturen auf dem Silizium. In der Regensburger Fertigungshalle sind nur noch 40 Staubteilchen von höchstens einem halben tausendstel Millimeter pro Kubikmeter Luft zulässig - eine laut Siemens »andernorts noch nicht realisierbare Sauberkeitsbedingung«.
Beim 4-Megabit-Chip ist es mit der Erfüllung des bayrischen Reinheitsgebots allein nicht mehr getan. Die Strukturen der Schaltungen werden hier so winzig - weniger als ein tausendstel Millimeter -, daß die Hersteller an die physikalischen Grenzen der bisherigen Produktionstechnik stoßen.
Bei der Forschung und Entwicklung für das Mega-Projekt haben sich die Münchner mit dem niederländischen Elektrokonzern Philips zusammengetan. Die Niederländer sind mit ihrer deutschen Tochter Valvo die mit Abstand größten europäischen Chip-Hersteller. Siemens belegt den zweiten Platz.
Der Risiko-Bereitschaft der beiden Großfirmen haben die Forschungsminister beider Länder mit dreistelligen Millionenbeträgen nachgeholfen. Bonn gibt für das Mega-Projekt 300 Millionen Mark dazu, die Niederländer fördern Philips mit rund 170 Millionen Mark.
Die Beamten im Bonner Forschungsministerium hatten durchaus Zweifel, ob die europäischen Firmen überhaupt in der Lage wären, in der Mikroelektronik international mitzuhalten. Denkbar wäre ja auch, daß sie sich auf das sogenannte Systemgeschäft beschränken, also die Chips zukaufen und in ihre Geräte einbauen.
Doch dann, so der Forschungs-Beamte Thomas, wären die Deutschen »auf Gnade und Erbarmen ausgeliefert« an amerikanische und japanische Hersteller.
Die Konkurrenten aus Übersee bekunden höflichen Respekt vor dem Mega-Projekt in Europa. Schreckliche Furcht scheint es ihnen nicht einzujagen. »Erfolg nach unseren Maßstäben heißt nicht nur, die Technik zu beherrschen«, meint der Manager eines Chip-Produzenten aus den USA, »sondern auch Gewinn dabei zu machen.«
Das wird wohl das eigentliche Kunststück für die Siemens-Manager. Zum erstenmal seit Jahren ist ihr Unternehmensbereich Bauelemente jetzt in die schwarzen Zahlen geraten. Doch das kann sich schnell wieder ändern. Auf keinem anderen Markt springen Nachfrage und Preise so extrem auf und ab wie bei den Chips. Und bis zum Ende des Jahrzehnts prophezeien Marktforscher wie die US-Firma Dataquest einen weiteren Rückgang des Marktanteils europäischer Firmen an der weltweiten Chip-Produktion.
Schon möglich, daß die vorsichtigen Geldverwalter von Siemens dann plötzlich Angst vor der eigenen Courage bekommen. Doch ein Zurück vom Mega-Projekt _(Am 12. Oktober 1984 in Regensburg mit ) _(Vorstandsmitglied Hermann R. Franz (2. ) _(v. r.). )
soll es nach dem Willen der Forschungsministerialen dann nicht mehr geben. Für das notwendige Engagement der Firma auch in der nächsten Phase, so weiß Chip-Spezialist Thomas, »sind schon ein paar Sicherungen eingebaut«.
Am 12. Oktober 1984 in Regensburg mit Vorstandsmitglied Hermann R.Franz (2. v. r.).