Proteste in Bangladesch Textilarbeiter zünden Fabriken an
Dhaka - Am zweiten Tag der Proteste von zehntausenden Textilarbeitern in Bangladesch eskalierte die Lage. Die mit Bambusstöcken bewaffneten Arbeiter steckten mindestens 14 Fabrikgebäude in der Industriestadt Ashulia, der nahe gelegenen Hauptstadt Dhaka und deren Vororten in Brand, wie die Feuerwehr mitteilte. Nach Angaben von Beobachtern waren mindestens sechs Textilfabriken betroffen. Später errichteten sie Straßensperren und griffen auch Busse und Lastwagen an. "Die Lage bleibt sehr angespannt und es wird mehr Gewalt befürchtet", sagte ein Polizeisprecher.
Die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein, um die Demonstranten auseinanderzutreiben. In Dhaka gingen mehr als 10.000 Arbeiter auf die Straße, um höhere Gehälter, die Bezahlung von Überstunden und einen verbindlichen freien Tag pro Woche zu fordern. Die Demonstranten zündeten Pkws und Busse an, demolierten Fahrzeuge, plünderten Geschäfte und errichteten Straßenblockaden.
Gestern hatten wütende Demonstranten nach Polizeiangaben bereits rund 30 Fabriken geplündert und dutzende Fahrzeugen demoliert. Sicherheitskräfte töteten einen Arbeiter, als sie das Feuer auf die Menge eröffneten. In Dhaka hatten sich schätzungsweise hunderttausend Menschen zu Protesten versammelt. Die Arbeiter fordern mindestens elf Taka (0,16 Euro) pro Pullover, den sie herstellen; derzeit erhalten sie sieben Taka. Zudem wollen sie den Freitag frei haben, regelmäßig bezahlt werden und Prämien für Überstunden erhalten.
Nach Angaben von Gewerkschaften verdient ein Textilarbeiter, der zwölf Stunden täglich arbeitet, rund 2000 Taka (knapp 30 Euro) im Monat. Die Arbeiter erhielten oft monatelang keinen Urlaub, viele Unternehmer zahlten die Löhne nicht regelmäßig aus. Die Regierung kündigte an, sie werde hart gegen die gewalttätigen Demonstranten vorgehen; die Textilfabriken seien das Rückgrat der nationalen Wirtschaft.
Der Verband der Textilhersteller und -exporteure in Bangladesch äußerte sich besorgt über die Situation. Der Chef des Verbandes sprach sogar von zehn Fabriken, die heute in Brand gesteckt worden seien. Seit Beginn der Ausschreitungen seien es damit insgesamt 16 Werke. "Wenn die Regierung nicht für die Sicherheit der Fabriken sorgt und unser Kapital schützt, werden wir die Fabriken bald schließen", sagte er.
Die Textilindustrie ist der größte Exportsektor von Bangladesch, einem der ärmsten Staaten der Welt. In diesem Bereich werden umgerechnet jährlich rund 4,7 Milliarden Euro erwirtschaftet, in den 4000 Fabriken der Branche arbeiten knapp zwei Millionen Menschen.
kaz/AFP/Reuters