Prozess Multimillionär zahlte elf Jahre keine Steuern
Essen - Ein karges Matratzenlager in einem spartanisch eingerichteten Appartement, ein Auto für 10.000 Euro, das obendrein noch die Freundin finanzierte - das sind nicht gerade die Umstände, hinter denen man einen Multimillionär vermuten würde. Insofern hätte man dem 61-Jährigen, der sich seit heute vor dem Landgericht Essen wegen Steuerhinterziehung verantworten muss, eigentlich seine Erklärung an das Finanzamt glauben können: Er sei vollkommen mittellos, erklärte er der Behörde auf Anfrage und lebe von der Unterstützung durch Freunde.
Bei Ermittlungen wegen eines möglichen Privatinsolvenzverfahrens stellte sich allerdings heraus, dass der Mann Konten in Luxemburg unterhielt, erklärte die Staatsanwaltschaft. Das dort lagernde Vermögen habe sich im September 2005 auf 11,6 Millionen Euro belaufen. Allein in Essen besitze der Mann außerdem sechs Häuser.
1993/94 habe er zehn Millionen Mark von Konten in Deutschland abgehoben und nach Luxemburg gebracht, gab der Mann denn auch zu. Auf die Frage nach dem Grund, antwortete der Angeklagte: "Ganz normal, wegen der Zinsbesteuerung in Deutschland." Danach habe er dann keine Steuern mehr gezahlt - weil ihm die mangels Steuererklärung auf Schätzungen beruhenden Forderungen des Finanzamtes völlig überhöht erschienen seien. 6,8 Millionen Euro habe der Angeklagte so hinterzogen, wirft ihm die Staatsanwaltschaft jetzt vor.
Die Häuser stets selbst renoviert
Er sei sehr geizig, sagte der Rechtsanwalt des Angeklagten über seinen Mandanten. So habe er seine Häuser stets selbst renoviert. Der sparsame Multimillionär erklärte den bescheidenen Lebensstil ganz anders: Wie hätte er denn sein Geld unbemerkt von Luxemburg nach Deutschland holen sollen, fragte er das Gericht.
Wie der gelernte Industriekaufmann zu seinem Reichtum gekommen ist, scheint wenig durchsichtig zu sein. Nach eigenen Angaben arbeitete er bei Firmen wie RWE, Siemens und Hochtief im Finanz- und Rechnungswesen. Er sei aber immer vermögend gewesen, erklärte der Mann, und habe überdies auch "klein angefangen": In den sechziger Jahren habe er für eine halbe Million Mark ein Haus in Essen gebaut und später für 1,5 Millionen Mark verkauft. Mit der Zeit hätten sich Werte angehäuft.
ase/ap