Prudential-Manager Johnson: "Greenspan weiß, was er tut" - DER SPIEGEL
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Prudential-Manager Johnson "Greenspan weiß, was er tut"

Wann erholen sich die Börsen der Welt? Wieviel Macht hat Greenspan noch? Überholen die Europäer die USA? SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Fondsmanager Douglas Clark Johnson vom US-Investmenthaus Prudential International.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Die Börsen in den USA und in Europa sind im vergangenen Jahr fast durchgehend gefallen. Wie lange wird das so weitergehen?

Douglas Clark Johnson: Um Europa machen wir uns keine Sorgen. Zwar müssen einige Unternehmen ihre Geschäftsaussichten nach unten revidieren, doch es geht ihnen immer noch gut. Viele unterschätzen einfach den positiven Einfluss, den der schwache Euro hat, zum Beispiel auf die Exporte.

SPIEGEL ONLINE:Dann geht es also jetzt an den europäischen Börsen wieder aufwärts?

Johnson: Nicht sofort. Die Schätzungen für die Technologiefirmen sind in Europa immer noch zu hoch. Das Risiko besteht nun darin, dass die Hightechs die Stimmung vorgeben. Dann könnten die Börsen insgesamt in diesem Jahr zehn bis 15 Prozent verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Und in den USA schlittern Sie geradewegs in eine Rezession.

Johnson: Auch für die Vereinigten Staaten sind wir recht positiv gestimmt: Erstens, weil die Notenbank die Zinsen senken wird. Damit wird wieder mehr Geld in Aktien investiert werden. Zweitens, weil die US-Regierung die Steuern senken will. Und drittens, weil Fondsmanager und Privatleute derzeit auf großen Mengen an Bargeld sitzen. Das werden sie wieder investieren, sobald die Börsen anfangen, sich zu erholen.

SPIEGEL ONLINE: Kann denn Zentralbankchef Alan Greenspan überhaupt noch die amerikanische Wirtschaft steuern? In den vergangenen Monaten schien er eher auf Druck von außen zu reagieren.

Johnson: Es ist naiv zu glauben, dass Greenspan nicht weiß, was er tut. Vielleicht war er in letzter Zeit nicht aggressiv genug. Wirklich wichtig ist jedoch, dass die Zinsen weiter sinken werden. Dabei ist es egal, ob es heute 0,5 oder 0,75 Prozentpunkte sind. Hauptsache, in sechs Monaten sind die Zinsen um mehr als einen Prozentpunkt gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem hat man den Eindruck, dass sich die schlechte Stimmung an den US-Börsen negativ auf die US-Wirtschaft auswirkt.

Johnson: Wenn Anleger an der Börse Geld verlieren, geben sie auch weniger Geld aus - und die Konsumgüterindustrie macht schlechtere Geschäfte. Aber dieser Effekt ist noch nicht sehr groß gewesen. Viel wichtiger ist das Verbrauchervertrauen. Sobald sich die Amerikaner Sorgen um ihren Job machen, schränken sie ihren Konsum ein. Aber rund zwei Drittel der wirtschaftlichen Tätigkeit wird vom Konsum beeinflusst. Deshalb ist es ja so wichtig, dass die Zinsen sinken.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht war es auch einfach falsch, dass die USA sich in eine so starke Abhängigkeit von den Aktienkursen begeben haben.

Johnson: Nein. In den vergangenen 20 Jahren konnten Sie mit Aktien weltweit 13 Prozent Gewinn machen. Das hätten Sie mit keiner anderen Anlageform geschafft. Und die meisten Amerikaner haben ihr Geld doch zur Altersvorsorge in Aktien gesteckt. Da steigen sie nicht sofort aus, nur weil es in einem Jahr einmal nicht gut läuft.

SPIEGEL ONLINE: Erstmals sind die wirtschaftlichen Aussichten für Europa besser als für die USA. Ist das amerikanische Jahrzehnt vorbei - kommt jetzt die Zeit der Europäer?

Johnson: Die Börse in New York ist immer noch die umsatzstärkste der Welt. Sie wird weiterhin auf alle anderen Börsen ausstrahlen. Doch die Wall Street ist ja keine rein amerikanische Börse. Schauen Sie sich doch einmal an, wie viele ausländische Unternehmen inzwischen in New York notiert sind!

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit der US-Wirtschaft?

Johnson: Die USA sind immer noch ein riesiger Absatzmarkt. Was dort passiert, wird weiterhin die Weltwirtschaft beeinflussen. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass Europa in den kommenden Jahren unabhängiger werden wird.

Das Interview führte Annegret Loges