Quartalszahlen-Wirrwarr: Verschätzt und zugenäht - DER SPIEGEL
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Quartalszahlen-Wirrwarr Verschätzt und zugenäht

Früher war alles so einfach: Wenn Quartalszahlen die Erwartungen übertrafen, schnellten die Aktienkurse nach oben. Enttäuschten die Berichte, sackte der Wert der Papiere ab. Doch in der aktuellen Berichtssaison scheinen diese Regeln so manches Mal auf den Kopf gestellt.
Von Arne Gottschalck
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es ist Berichtssaison, und wieder einmal fliegen uns die Quartalszahlen um die Ohren. Lufthansa  , DaimlerChrysler   oder auch Volkswagen  , sie alle teilen dieser Tage den angestrengt lauschenden Anlegern mit, wie viel Geld sie verdient haben. Oder verloren, je nachdem.

Anhand der Zahlen lässt sich auch einiges über die wahrscheinliche Entwicklung des Aktienkurses sagen, so galt es bisher. Gewonnen hat an Deutschlands Börsen bisher, wer positiv überraschte. Verloren, wer enttäuschte. Wer also Zahlen abliefert, die besser sind, als Analysten oder das Unternehmen selbst erwarteten und dann auch noch einen optimistischen Ausblick gibt, der wird mit Wertzuwächsen der eigenen Wertpapiere belohnt. Wer aber zu hochfahrend von neuen Plänen erzählt, die Realität diesen dann aber hinterherhinkt, darf sich nicht wundern, wenn die Anleger ihn abstrafen. Soweit die Theorie.

Aktuell scheinen die alten Regeln nicht mehr so ganz zu funktionieren. "Derzeit laufen einige Übertreibungen", so Jürgen Meyer, Fondsmanager bei SEB-Asset-Management. "Dass im Sommer die Kursausschläge ungewöhnlich hoch sind, liegt vermutlich daran, dass viele Fondsmanager gar nicht am Platz sind, und die verbliebenen Akteure somit Zünglein an der Waage spielen."

Beispiel Volkswagen  . Viel wurde dem Management vorgeworfen. Strafwürdiges Verhalten auf der einen Seite, weltweit geschwächte Wettbewerbsfähigkeit auf der anderen Seite. Düstere Vorzeichen also für die Entwicklung der Aktie. Dazu kam die schlechte Stimmung, die PSA mit ihrer Gewinnwarnung verbreitete. Entsprechend konnte sich die VW-Aktie seit April nicht vom allgemeinen Abwärtstrend lösen. Gestern aber wurden die Quartalszahlen präsentiert und siehe, Volkswagen hatte mehr Autos verkauft als die Analysten erwartet hatten. Lohn dieser Bilanz: Ein Sprung der Aktien um fast 10 Prozent - an einem Tag. Eine ziemlich heftige Reaktion. "Ich kann mich nicht erinnern, wann VW in den vergangenen fünf Jahren an einem Tag so stark zugelegt hat", sagt Meyer.

Beispiel DaimlerChrysler  : Die Schätzungen der Analysten waren recht optimistisch. Daimler selbst stünde gut da, nur Chrysler hätte Probleme. Der operative Gewinn, so die Rechnung, sollte bei 105,6 Millionen Euro liegen. Tatsächlich wurden es dann 51 Millionen. Brach die Aktie nun ein? Nein - sie legte am Donnerstag um vier Prozent zu. Und das, obwohl das Unternehmen selbst vor dem dritten Quartal warnte. Ja, ist denn heut' schon Weihnachten?

Nur bei Siemens   funktionierte alles wie gehabt: Die Analysten erwarteten einen Gewinn je Aktie von 95 Cent im zweiten Quartal. Immerhin 120,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch das operative Ergebnis lag, so die Experten der HypoVereinsbank, unter den Prognosen. Die Börse verschmähte die Aktien des Münchner Unternehmens dementsprechend.

Sinkende Bedeutung

Professionelle Geldverwalter winken dennoch ab. Die Bedeutung von einst haben "die Zahlen nicht mehr, wohl aber der Ausblick", erklärt DWS-Fondsmanager Henning Gebhardt. Und selbst der Ausblick werde aktuell durch die globalen Risiken überlagert. Zum Beispiel durch den Krieg in Nahost, der den Ölpreis treibt und damit einmal mehr Inflationsängste heraufbeschwört.

Die Aussagekraft der Zahlen zumindest wird aktuell also so stark wie lange nicht von der Politik überlagert, vielleicht auch von der Sommerpause. Viele Fondsmanager scheinen den Sommer bereits abgeschrieben zu haben und setzen auf den Herbst. Und das durchaus optimistisch: Der Dax   "hat Potential, mittelfristig wieder auf über 6000 Punkte zu steigen", erklärt Trudbert Merkel, Fondsmanager bei Deka. Denn die Weltwirtschaft wachse auch in diesem Jahr über dem langfristigen Durchschnitt. Davon wiederum profitierten besonders die exportorientierten Unternehmen im Dax. Eine Vorhersage ganz ohne Blick auf die Quartalszahlen.

Das Beispiel Porsche   zeigt sogar, dass es ganz ohne geht - das Unternehmen berichtet nur einmal im Halbjahr. Ganz ohne böse oder gute Überraschungen, ganz ohne Revision der eigenen Anlageüberzeugung. Und ohne damit einhergehende große Kurssprünge. Die Aktie kennt seit Jahren tendenziell nur eine Richtung, aufwärts.

Den Dax-Unternehmen verbietet jedoch das Gesetz diesen langsamen Berichtszyklus. Den Anlegern bleibt also nur, die Zahlenflut geduldig zu ertragen, sich mit der Unsicherheit zu arrangieren - und den Blick nach vorne zu richten. "Für die nächsten Quartale sehen wir weiterhin Potential für freundliche Aktienmärkte", so die Volkswirte der Deka. Etwas anderes lässt sich aktuell auch kaum sagen.

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