Quellensteuer: Kursschwäche - verzweifelt gesucht - DER SPIEGEL
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Quellensteuer Kursschwäche - verzweifelt gesucht

Nicht nur Einsteiger warten auf die fällige Korrektur - auch viele investierte Aktionäre sehnen eine Kursschwäche herbei. Sie benötigen Kaufkurse, weil sie in den kommenden Monaten investieren wollen, um einer künftigen Besteuerung zu entgehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Anzeichen mehren sich, dass die Börsenparty bald unterbrochen wird, und der Dax auch mal wieder abwärts marschiert. Seit Wochen reden Analysten und Marktbeobachter von einer nahenden Korrektur, doch kaum verliert der Dax an Schwung, taucht in schöner Regelmäßigkeit ein neuer Kurstreiber auf.

Ärgerlich ist dieser hartnäckige Aufwärtstrend nicht nur für diejenigen, die durch den Dax-Aufschwung verpasst haben und seit Monaten auf den Einstieg warten. Die Marathon-Kursrallye macht auch all diejenigen nervös, die zwar schon Geld in Aktien investiert haben, aber bis Ende 2008 noch deutlich mehr Geld in den Aktienmarkt investieren wollen.

Der Grund dafür ist schnell erklärt: Wer bis Dezember 2008 zum Beispiel 10.000 Euro in Aktien investiert und die Papiere 20 Jahre lang hält, kassiert bei einer angenommenen jährlichen Durchschnittsrendite von sieben Prozent knapp 40.000 Euro steuerfrei. Wer die gleiche Summe ab Januar 2009 einsetzt, muss dann 7500 Euro an den Fiskus zahlen. Die Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent auf Aktienerträge, die Mitte Mai beschlossen werden soll, setzt deutsche Aktionäre unter Zeitdruck. Sie können nicht darauf warten, dass die Kurse endlich fallen. Sie müssen kaufen, bevor die neuen Gesetze wirksam werden.

Kursrutsch locker zu verkraften

Wer den Kursrutsch zum Einstieg verpasst, muss spätestens Ende 2008 kaufen - notfalls zu Höchstpreisen. Viel angenehmer wäre natürlich, wenn die Kurse schon vorher kräftig zurückkommen und man zu moderateren Bewertungen einsteigen kann - wie im März dieses Jahres.

Derzeit notiert die Mehrzahl der Aktien im Dax 30 nach der rasanten Erholung wieder auf Rekordniveau, da kauft niemand gern ein. Selbst wenn sich die widerspenstige Dax-Rallye bis Ende 2008 hinziehen und der Dax dann jenseits der 8000 Punkte notieren sollte: Ein kurzfristiger Rückschlag von 10 oder 15 Prozent ist für Anleger, die sich langfristige Steuerfreiheit sichern wollen, locker zu verkraften.

Der künftige Zugriff des Fiskus würde diejenigen, die ihre Papiere über viele Jahre halten, noch viel mehr schmerzen.

Vermögende bevorzugt

Der Gesetzgeber beschädigt damit das langfristige Vorsorgesparen mit Aktien. Ähnlich wie bei der Erhöhung der Mehrwertsteuer setzt die Politik dagegen auf kurzfristige Effekte: Die deutlich höhere Steuerbelastung ab 2009 wird im Jahr 2008 zu dem berühmten "Vorzieheffekt", also einer stärkeren inländischen Nachfrage führen. Das sind zunächst gute Nachrichten für den Dax.

Doch anders als bei der Erhöhung der Mehrwertsteuer kann die Koalition nicht mehr darauf setzen, dass eine brummende Konjunktur auch im Jahr 2009 die einheimischen Sparer an den deutschen Aktienmarkt treibt. Zu stark sind die Einschnitte, falls es bei dem aktuellen Gesetzentwurf bleibt.

Der deutsche Fiskus setzt für Aktionäre ein enges Zeitfenster, wie es auf behördisch heißt. Kaufe binnen der nächsten 19 Monate, oder du wirst abkassiert. Dies wird wahrscheinlich zu einer höheren Aktiennachfrage bis Ende 2008 und anschließend zu noch mehr Steuereinnahmen führen. Doch dieser Mechanismus ist sozial unausgewogen, denn er bevorzugt Vermögende auf Kosten der kleinen Sparer.

Wer jetzt Geld frei hat, ist fein raus

Wer jetzt schon 10.000, 20.000 oder 30.000 Euro zum Investieren frei hat, ist fein raus. 30.000 Euro, rechtzeitig bei 8 Prozent durchschnittlicher Jahresrendite angelegt, bringen nach 30 Jahren 300.000 Euro, da dürfte auch nach Abzug der Inflation etwas übrig bleiben. Wer dagegen lediglich einen kleineren Betrag pro Jahr regelmäßig auf die Seite legen kann - also die Masse der privaten Sparer in Deutschland - läuft unweigerlich in die höhere Besteuerung hinein.

Während rechtzeitig getätigte Einmalinvestments komplett steuerfrei bleiben, sollen langfristige Aktien- und Fondssparpläne besteuert werden. Auch bei bereits abgeschlossenen Verträgen werden Zahlungen ab 1. Januar 2009 von der Abgeltungsteuer erfasst. Ein Aktiensparer, der 30 Jahre lang monatlich 100 Euro in Aktienfonds anlegt, kann nach Berechnungen des Branchenverbands BVI bei einer Jahresrendite von rund 8 Prozent mit einem Endvermögen von 150.000 Euro rechnen. Künftig muss er auf den Wertzuwachs in Höhe von 114.000 Euro 25 Prozent Abgeltungsteuer, also rund 32.000 Euro zahlen.

Der Fiskus kassiert auch für die Scheingewinne aus Inflation

Auch wer real keinen Gewinn erzielt, zahlt Steuern

Der Fiskus kassiert im Übrigen auch seinen Anteil an inflationsbedingten Scheingewinnen. Bei einer angenommen jährlichen Inflationsrate von 2,3 Prozent haben 150.000 Euro, die ein Anleger möglicherweise in 30 Jahren erzielt, lediglich die reale Kaufkraft von 75.000 Euro. Wer sein Kapital binnen 30 Jahren lediglich verdoppelt, hat kaufkraftbereinigt keinen Gewinn erzielt: Dennoch kassiert der Staat davon 25 Prozent.

Für den kleinen Sparer bleiben als Ausweg lediglich die Riester-Verträge zur staatlich geförderten Altersvorsorge, die nachgelagert besteuert werden und nicht unter die Abgeltungsteuer fallen. Ob eine Riester-Rente, die frühestens ab dem 60. Lebensjahr gezahlt wird und deren Auszahlungen ebenfalls besteuert werden, ausreicht, bleibt allerdings zweifelhaft.

Wer mehr Vorsorge treffen oder sich mehr Flexibilität sichern will, wird zusätzlich investieren. Auch am Aktienmarkt. Und diese Anleger warten jetzt auf Nachrichten, die die Kurse drücken.

Für diejenigen, die bereits jetzt genug Bares zur Verfügung haben, also nun die guten Nachrichten. Es gibt eine ganze Reihe von Hinweisen, dass der Dax in den kommenden Wochen auch mal wieder deutlich zurückkommen wird.

Hoffen auf schlechte Nachrichten

Die Dividendensaison neigt sich ebenso wie die Quartalssaison dem Ende zu. Werden hohe Kursniveaus nicht regelmäßig mit neuen guten Nachrichten unterfüttert, neigen Börsianer zur Langeweile: Märkte sind in solchen nachrichtenarmen Phasen besonders anfällig für eine Korrektur.

Indizien dafür gab es bereits in dieser Woche. Der Finanzkonzern Allianz meldete am Mittwoch eine Steigerung von 75 Prozent des Nettogewinns. Doch die Aktie reagiert lediglich mit einem Kurszuwachs von 0,2 Prozent. Volkswagen verdoppelte seinen Überschuss: 0,3 Prozent Kursplus. Der Chemiekonzern BASF meldete bereits in der Vorwoche ein Rekordergebnis, der Kurs der Aktie ist seitdem im Rückwärtsgang. Lediglich die unerwartet starken Konjunkturdaten aus den USA haben den Dax zum Ausklang der Woche noch einmal unterstützt.

Die Stimmung der deutschen Unternehmen ist auf Jahreshoch - das ist ebenfalls verdächtig. Die Konjunktur in Deutschland ist so robust, dass Volkswirte selbst die vereinbarte Lohnerhöhung von 4,1 Prozent in der Metallindustrie für verkraftbar halten. "Man sollte eine Vier vor dem Komma nicht überdramatisieren", meint etwa der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer. "Der Branche geht es ausgezeichnet, die Unternehmen werden wegen eines solchen Tarifabschlusses nicht Pleite gehen", ergänzt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Bank of America.

Die Experten mögen Recht haben. Doch ein solcher Tarifabschluss könnte für Börsianer, die ängstlichen Wesen, ein willkommener Anlass sein, um kurzzeitig in Deckung zu gehen.

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