Querbeet geknabbert - DER SPIEGEL
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Löhne Querbeet geknabbert

Die »Faust im Nacken« spüren derzeit einige Millionen westdeutsche Arbeitnehmer. Viele Unternehmen versuchen, jahrelang gewährte außertarifliche Zulagen wieder zu streichen.
• aus DER SPIEGEL 15/1975
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Die Kollegen ducken sich, schlucken stillschweigend Unrecht, nehmen Lohneinbußen hin, arbeiten noch schneller und gehen trotz Krankheit nicht zum Arzt«, jammert die »Holzarbeiter-Zeitung« der Gewerkschaft Holz und Kunststoff. Und Dieter Kretschmer, Funktionär der IG Chemie-Papier-Keramik, weiß: »Die Kollegen in den Betrieben malochen wie nie zuvor.« Seit es mit der Konjunktur bergab geht, geht es zumindest mit der Arbeitsmoral in der Republik bergauf.

Bundesweit nahmen Krankenstand und Fehlzeiten ab, in fast jedem Unternehmen stieg die Arbeitsproduktivität. Die Unternehmer nutzten die Gunst der unguten Stunde. So ließ die Geschäftsleitung der Ölmühle Hamburg an die Belegschaft eine Broschüre verteilen, die »ein ernstes Wort« enthält. In bestem Unternehmer-Platt analysieren die Manager: »Wer jetzt überhöhte Forderungen stellt, untergräbt die Basis unserer Wirtschaft.« Dann werden sie konkret: »Mehr Leistung ... äußerste Anspannung ... strengste Zeittreue ... Ansprüche drosseln.«

Nicht selten auch erhalten kränkelnde Arbeitnehmer Briefe, wie sie etwa die VDO-Armaturen-Fabrik der Liselott Linsenhoff verschickte, die für Deutschland Dressur ritt und einen Steuerfluchtversuch in die Schweiz unternahm. Die Beauftragten der Unternehmerin teilten kühl mit: »Sollte sich Ihr Gesundheitszustand nicht soweit bessern, daß solche Ausfallzeiten nicht mehr auftreten, müssen Sie mit betrieblichen Maßnahmen rechnen.«

Von der scharfen Gangart werden diejenigen am härtesten betroffen, die sich am wenigsten wehren können: Heimarbeiter und Frauen.

So ergab eine Untersuchung der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), daß im Augsburger Raum von den Frauen häufig etwa Zwölf-Stunden-Tage abverlangt wurden. Etliche Werktätige wurden im Dezember beurlaubt, um im Januar wieder eingestellt zu werden: Die Firma sparte so das Weihnachtsgeld ein.

Im Ruhrgebiet knabberten manche Arbeitgeber sogar den sozialen Besitzstand an. In Dortmund, Mönchengladbach und Velbert weigerten sich Unternehmen, den von der IG Metall erstrittenen Lohnzuwachs von 6,8 Prozent auszuzahlen. Zäh versuchten sie, die höheren Tariflöhne mit schon lange gewährten außertariflichen Zulagen zu verrechnen. Erst nach spontanen Streiks gaben die Arbeitgeber nach.

Ersatzlos gestrichen werden häufig die übertariflichen Sonderzulagen, mit denen Firmen in der Hochkonjunktur die Arbeiter bei Laune hielten. Eine Umfrage in 103 Betrieben, in denen der Villinger IG-Metall-Bevollmächtigte das neue Arbeitsklima testete, zeigte deutliche Minuswerte: In jedem dritten Betrieb waren Sozialleistungen gekürzt oder gestrichen worden. So setzten Arbeitgeber Weihnachtsgratifikationen ab, so schafften sie Jahres-, Jubilar- oder Treueprämien ab.

Am liebsten jedoch nutzen die Kostendrücker ein anderes Mittel, die Änderungskündigung: Die Arbeitgeber kündigen das bestehende Arbeitsverhältnis und bieten gleichzeitig die Weiterbeschäftigung zu schlechteren Konditionen an. Den Arbeitnehmern bleibt dann oft nur die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit oder dem Verzicht auf die bislang gewährten außertariflichen Zulagen. Für Bauarbeiter der »Arbeitsgemeinschaft Großdock-HDW Kiel« etwa bedeutet die ihnen avisierte Änderungskündigung, daß sie pro Tag 19 Mark weniger verdienen -- obwohl sie dieselbe Arbeit leisten wie vorher.

Doch es gibt auch andere Billigmacher. Immer häufiger beobachten Gewerkschaftsfunktionäre, daß mit Arbeitsbewertungsmethoden Akkordgrenzen heraufgeschleust werden. IG-Chemie-Sekretär Fritz Abegg, zuständig für die Kautschuk- und Kunststoffindustrie, sorgt sich: »Querbeet wird am Akkord geknabbert.« Wie sehr die Arbeiter bereits »die Faust im Nacken spüren« ("Holzarbeiter-Zeitung"), wurde bei den Pelikan-Werken in Hannover deutlich. Acht Wochen lang verordnete das Unternehmen Kurzarbeit, um so die vollen Lager abzuräumen. Am Ende der Schrumpfkur jedoch stapelten sich Kugelschreiber und Filzstifte noch höher: Aus Sorge um ihren Arbeitsplatz hatten die Mitarbeiter in den Vier-Tage-Wochen bis zu 18 Prozent mehr produziert, als sie in einer Fünf-Tage-Woche der guten alten Zeit zustande gebracht hatten.

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