Radikale Reform: Siemens schockt Belegschaft - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Radikale Reform Siemens schockt Belegschaft

Die Auftragsbücher sind voll - und dennoch streicht Siemens in Deutschland Tausende Stellen. Politik und Gewerkschaften sind empört, dabei ist die Radikalkur überfällig.
Von Corinna Kreiler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der Frust sitzt tief. Weder "nachvollziehbar noch akzeptabel" findet Werner Neugebauer von der IG Metall den Plan des Vorstands, 16.720 Jobs bei Siemens abzubauen, allein 5250 davon in Deutschland. "Inakzeptabel", nannte IG-Metall-Chef Wolfgang Niclas den Vorgang. "Wir können es nicht verstehen", sagt auch eine Betriebsratsvorsitzende in Erlangen. Der Standort ist in Deutschland am härtesten betroffen: 1350 Stellen sollen dort wegfallen.

Einhellige Meinung der Arbeitnehmervertreter: Die Auftragsbücher bei Siemens sind voll, warum dann Stellen streichen? Eine Frage, die auch die Politik rätseln lässt: Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) äußerte sich besorgt, ebenso wie Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD).

Der Kummer ist einerseits verständlich: An allen großen Standorten in Deutschland müssen Beschäftigte um ihren Job bangen: in München, Erlangen, Nürnberg und Berlin.

Andererseits ist die Radikalkur unvermeidbar. Jahrzehntelang hat sich das Siemens-Management nicht an tiefgreifende Reformen herangetraut. Das rächt sich jetzt. Die Organisation des Unternehmens ist rückständig, häufig wurde an der Konzernstruktur nur oberflächlich herumgedoktert, sagen Experten.

Konzernkenner verweisen darauf, dass die Verwaltungskosten bei Siemens zum Teil doppelt so hoch seien wie die der Konkurrenz. Dabei ist Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten der Globalisierung besonders wichtig. Der amtierende Konzernchef Peter Löscher packt also nur an, was andere versäumt haben.

Doch warum streicht der Konzern gerade jetzt Stellen, wo die Auftragsbücher voll sind? Löscher begründet den Plan mit der Konjunktur, die sich eintrübt, und dem Geschäft, das sich immer schneller verändere. Darauf müsse der Konzern reagieren. Wirtschaftsexperten halten den Zeitpunkt für einen Einschnitt denn auch für richtig. Zumal der Personalabbau Geld kostet - in diesem Fall einen dreistelligen Millionenbetrag, schätzen Analysten. Geld, das der Konzern in guten Zeiten eher ausgeben kann als in schlechten.

Diese Großkonzerne streichen Stellen - eine Auswahl

Unternehmen Branche wegfallende Arbeitsplätze Anmerkung
Henkel Konsumgüter 1000 bis 2011 in Deutschland
Unicredit Bank 2000 bei Tochter HypoVereinsbank
Continental Autozulieferer 2500 nach der Übernahme von Siemens VDO
Siemens Industrie 5250 bis 2010 in Deutschland
BMW Auto 7500 im Inland, davon 5000 Zeitarbeiter
Telekom Kommunikation 3000 bis 4000 pro Jahr bei der Tochter T-Systems
Quelle: dpa

Verwandte Artikel