STROM Radikaler Kahlschlag
Dietmar Kuhnt legte sein sorgenvollstes Gesicht auf und rückte den Sprechzettel - sichtlich nervös - noch einmal zurecht. Dann legte er los: Der enorme Preisverfall für Strom auf dem deutschen Energiemarkt, so der RWE-Chef, zwinge seinen Konzern zu weiteren »radikalen Kostensenkungen«.
Um im harten Wettbewerb zu überleben, werde der deutsche Stromprimus deshalb bis zum Jahr 2004 rund 15 Prozent seiner Kraftwerkskapazitäten stilllegen. Mehrere Anlagen, so Kuhnt, würden in den nächsten Monaten abgeschaltet oder, wie der RWE-Atommeiler Mülheim-Kärlich, gar nicht mehr in Betrieb genommen.
Die Ankündigung des RWE-Chefs ist für die Strombranche eine mittlere Revolution. Erstmals werden in Deutschland Kraftwerkskapazitäten in nennenswertem Ausmaß nicht auf-, sondern abgebaut, erstmals werden einige der lange Jahre als unverzichtbar beschworenen Atomkraftwerke vom Netz genommen.
Das ist weniger ein Erfolg der Politik, die der Atomwirtschaft in langen Verhandlungen den Atomausstieg abgehandelt hat, sondern eine rein betriebswirtschaftliche Maßnahme: Die gesamte Branche steht unter ungeheurem Kostendruck.
Bereits einen Tag zuvor hatte RWE-Erzkonkurrent E.on einen ähnlichen Schritt angekündigt. E.on-Chef Ulrich Hartmann will ebenfalls rund 16 Prozent seiner Kraftwerkskapazitäten abbauen, darunter auch einen der ältesten Atommeiler, das Kernkraftwerk in Stade.
Stilllegungen von Kraftwerken prüfen auch die Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW). Und bei Deutschlands drittgrößtem Stromproduzenten, der Energie Baden-Württemberg (EnBW), brüten Controller und Netzwerkplaner ebenfalls über entsprechenden Plänen.
Grund für die hektischen Sparbemühungen ist eine verfehlte Liberalisierung des deutschen Strommarktes, selbst verschuldete Preiseinbrüche und die Unfähigkeit der Ex-Monopolisten, sich mit pfiffigen Ideen und neuen Produkten im Wettbewerb abzuheben.
Jahrzehntelang hatten die großen Energieversorger sich den Strommarkt in Deutschland brüderlich in überschaubare Gebietsmonopole aufgeteilt. Kosten für Vertrieb und Stromerzeugung spielten so gut wie keine Rolle. Die Kunden hatten ohnehin keine andere Wahl, als den Strom des für ihren Wohnsitz zuständigen Zwangsversorgers abzunehmen.
Und so entwickelten sich Deutschlands Stromkonzerne zum Mekka deutscher Ingenieurskunst. Gebaut, so ein RWE-Manager, wurde alles, was »sicher, gut und zuverlässig« war. Selbst wenn Kraftwerks- und Netzkapazitäten - wie bei RWE geschehen - deutlich auseinander klafften.
Die Folge solch eklatanter Fehlplanungen ist ein enormer Leistungsüberschuss. Rund 100 000 Megawatt können deutsche Kraftwerke rein rechnerisch produzieren. Gerade einmal 70 900 davon wurden am Tag mit dem höchsten Verbrauch im vergangenen Jahr in Anspruch genommen. Mit dem Überschuss könnte immerhin ein Land wie Italien versorgt werden.
Doch vor zwei Jahren kam plötzlich der Wettbewerb über die Energiekonzerne. Jeder Verbraucher, so die Botschaft des neuen Energiewirtschaftsgesetzes, könne seinen Versorger frei wählen.
Da die damalige Regierung aus Union und FDP genau wie die Koalition aus SPD und Grünen bewusst darauf verzichtete, verbindliche Spielregeln wie Durchleitungspreise für die Benutzung von Stromnetzen festzulegen, richteten sich die Energieversorger auf Übergangszeiten von mindestens drei bis fünf Jahren ein. Das war ein gravierender Fehler, wie sich schnell herausstellte.
Schon bald nämlich mischten quirlige Angreifer wie Ares, Yello oder Best Energy den Markt mit frechen Marketingaktionen auf, gleichzeitig schickten sich ausländische Stromgiganten wie die französische EdF über ihren Kauf von EnBW-Anteilen oder der texanische Energiemulti Enron an, den Ex-Monopolisten Marktanteile abzujagen.
Doch statt, wie angekündigt, mit pfiffigen Angeboten, neuen Produkten und mehr Service auf die Newcomer zu reagieren, schlossen sich die Ex-Monopolisten in hektischen Fusionen zu noch größeren Einheiten zusammen. Veba vereinigte sich mit der Viag zu E.on, RWE schluckte die Dortmunder VEW. Gleichzeitig wurden die Strompreise - fast ohne Not - um bis zu 40 Prozent gesenkt und den Konzernen radikale Sparprogramme verordnet. Allein bei RWE stehen in den nächsten Jahren rund 12 500 Arbeitsplätze zur Disposition.
Nur die Überkapazitäten rührten die Strommanager nicht an, obwohl entsprechende Pläne schon seit Monaten in den Schubladen liegen. Die Zurückhaltung hatte guten Grund: »In den Verhandlungen mit der Bundesregierung über einen Atomausstieg«, gesteht ein E.on-Manager, »wären wir von vornherein unglaubwürdig gewesen, wenn man gewusst hätte, dass wir
allein aus wirtschaftlichen Gründen in den nächsten Monaten eine große Anzahl von Kraftwerken schließen müssen.«
Inzwischen hat sich die Situation jedoch grundlegend geändert. Nicht nur der Atomkompromiss mit von der Bundesregierung zugesicherten Restlaufzeiten von über 30 Jahren ist unter Dach und Fach. Auch vielen jungen Wettbewerbern droht inzwischen die Luft auszugehen. Die Verunsicherungstaktik der Ex-Monopolisten und die Dumpingpreise auf dem Strommarkt können sie kaum noch verkraften (siehe SPIEGEL 40/2000).
Der Zeitpunkt ist also günstig für die Ex-Monopolisten, die über Monate gefallenen Strompreise wieder anzuziehen. Nichts anderes nämlich steckt hinter dem Versuch der beiden deutschen Marktführer RWE und E.on, das Stromangebot durch Kraftwerksschließungen zu verknappen.
Um die in der Vergangenheit so oft beschworene Versorgungssicherheit machen sich die beiden Stromkonzerne dabei keine Sorgen. Schon heute wird aus europäischen Nachbarländern wie Frankreich billiger Atomstrom importiert - und auch im Osten wollen die Stromkonzerne künftig günstig einkaufen.
Regelmäßig reisen Verhandlungsdelegationen in die Ukraine oder nach Tschechien. Dort sitzen Produzenten von spottbilligem Atomstrom, der unter niedrigeren Sicherheitsvorkehrungen produziert wird und der in Zukunft in großem Stil in die Bundesrepublik exportiert werden soll.
»Noch«, so ein RWE-Manager, »sind endgültige Verträge mit diesen Ländern nicht geschlossen.« Doch die Vorbereitungen für den Import des schmutzigen Stroms laufen auf Hochtouren. FRANK DOHMEN
* Mit E.on-Chef Ulrich Hartmann und RWE-Chef Dietmar Kuhnt beider Verkündung des Atomkonsenses am 15. Juni in Berlin.