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Bundespost Rasch beenden

Die Post will Ferienreisen am Schalter verkaufen. Doch das Geschäft läuft schlecht an.
• aus DER SPIEGEL 12/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Vergleich zu manch anderem Arbeitnehmer im Öffentlichen Dienst hat die Postangestellte Gertrud Glaser, 50, einen aufreibenden Job. Die Mutter von fünf Kindern sitzt allein am Schalter im Postamt der schwäbischen Kleinstadt Herrenberg.

Die frühere Briefträgerin berät Postsparer über die neuesten Anlagemöglichkeiten, verkauft Sondermarken, frankiert Päckchen und Pakete. Sie vertreibt Müllmarken und Kinderzeitschriften oder sammelt gebrauchte Batterien. »Obwohl ich zügig arbeite«, stöhnt die Postlerin, »entstehen nachmittags, wenn die großen Firmen kommen, oft lange Warteschlangen.«

Die könnten bald noch länger werden. Seit einigen Wochen bietet die Schalterfrau ihren Kunden einen zusätzlichen Service. Gertrud Glaser verkauft für die Kaufhof-Tochter ITS (International Tourist Services) Flugreisen nach Mallorca, Teneriffa oder Gran Canaria.

Aus einem Spezialkatalog können die Postkunden zwischen drei Dutzend Urlaubsquartieren in zehn Ferienorten auswählen. Kommt es zum Abschluß, füllt die Zweigstellenleiterin das Anmeldeformular aus. Auf Wunsch vermittelt sie auch noch die passende Versicherung. »Nur Fragen nach der Währung oder der Wassertemperatur«, sagt die Postangestellte, »kann ich natürlich nicht beantworten.«

Den Aufstieg zur nebenamtlichen Touristikberaterin verdankt die Staatsbedienstete ihrem Chef Klaus Zumwinkel, 47. Der leitet seit Anfang 1990 den Brief- und Paketbereich der Deutschen Bundespost ("Postdienst").

Der Staatsmoloch, einer von drei Ablegern der Bundespost, ist ein Verlustbetrieb. Im vergangenen Jahr fehlten rund anderthalb Milliarden Mark, 1991 sieht es nicht viel besser aus. Doch bis 1995 will der ehrgeizige Zumwinkel, der sein Handwerk bei der Unternehmensberatung McKinsey lernte, schwarze Zahlen schreiben.

Der Postdienst-Chef sucht deshalb nach zusätzlichen Einnahmequellen für das Staatsunternehmen. Inzwischen schaffen ausgewählte Postämter nebenbei für die Kommunen. Die Schalterbeamten geben Pässe und Wohngeldformulare aus, beglaubigen Schriftstücke oder verkaufen Fahrscheine für die örtlichen Verkehrsbetriebe. Das Zusatzgeschäft bringt pro Schalterbediensteten zwischen 200 und 600 Mark Umsatz im Monat.

Den Verkauf von Ferienreisen läßt Zumwinkel im Moment noch testen. Außer in Herrenberg mühen sich in 19 weiteren Postämtern die Bediensteten, Trips auf die Kanaren oder die Balearen zu verkaufen.

ITS zahlt für jede gebuchte Reise zehn Prozent des Preises, in der Regel zwischen 80 und 200 Mark. Läuft das Geschäft, will Postdienst-Chef Zumwinkel demnächst noch mehr Schalterbeamte als Urlaubsberater einsetzen.

Das allerdings macht Schwierigkeiten. Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann müht sich nach Kräften, die Reisepläne der Post zu durchkreuzen. Der Freidemokrat, stets dem Mittelstand verpflichtet, will die Reisebüros vor der staatlichen Konkurrenz schützen.

Ende Februar mahnte er daher seinen Kabinettskollegen Christian Schwarz-Schilling (CDU), »auf eine rasche Beendigung« des Versuchs »hinzuwirken«. Doch der Postminister weigerte sich.

Nun soll Helmut Kohl entscheiden. Der Kanzler setzt erstmal seine schärfste Waffe ein: Er sitzt aus. Kohl hat ein Gutachten bestellt. Die Expertise soll klären, ob die Bundespost privaten Ferienvermittlern tatsächlich Konkurrenz machen darf.

Das Geld könnten die Bonner sich sparen, ein Blick ins Postverfassungsgesetz genügt. Nach der Vorschrift aus dem Jahr 1989 darf sich das Bundesunternehmen allein im Post-, Postbank- und Fernmeldegeschäft betätigen. Nur in diesen traditionellen Bereichen darf der Staatskonzern gegen Privatunternehmen antreten.

Womöglich ist die Expertise auch aus einem anderen Grund überflüssig: Die Postkunden wollen offenbar ihre Reisen weiterhin bei Fachleuten im Reisebüro buchen.

Statt der erhofften 500 bis 1000 Reisen pro Monat verkauften die öffentlichen Urlaubsvermittler in den vergangenen Wochen erst ein paar Dutzend Trips. »Ein gutes Reisebüro«, meint der Kölner ITS-Manager Michael Göbel, »schafft das in wenigen Tagen.« o

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