ARBEITER-AUFRUHR Rationalisierer raus
Es war am Montag vergangener Woche, eine Stunde bevor im Präzisionskettenwerk Steinmann & Co. GmbH in Hagen (Westfalen) - einer Tochtergesellschaft der Stahlwerke Röchling-Buderus AG Wetzlar - die Frühschicht ablief. Die Maschinen surrten auf vollen Touren, als plötzlich ein 23jähriger Schlosser auf den Knopf der Fabriksirene im ersten Stock des Hauptgebäudes drückte. Das Sirenengeheul war das Signal für den Beginn eines ungewöhnlichen Machtkampfes zwischen Belegschaft und Direktion des Betriebes.
In wenigen Minuten standen alle Maschinen still, und rund 150 Arbeiter und Arbeiterinnen, die gesamte Belegschaft des Betriebes einschließlich der soeben angekommenen Arbeiter der Spätschicht, versammelten sich im Männer-Waschraum. Kurz darauf stürmten die Arbeiter über den Hof zu den Büroräumen und besetzten Flur und Treppenhaus. Sie hatten es auf die beratenden Ingenieure Ludwig Wever, 62, und Helmut Gentner, 54, abgesehen, die von der Direktion des Kettenwerkes beauftragt worden waren, Verbesserungsvorschläge für den Produktionsablauf auszuarbeiten.
Die Direktion hatte die Fachleute, die sich seit Jahrzehnten als Industrieberater
betätigen, in den Betrieb berufen, weil die Vorjahresbilanz der Firma - vorwiegend wegen der Absatzstockungen in der Zweirad-Industrie, für die das Hagener Werk Antriebsketten herstellt - mit 206 000 Mark Verlust abschloß. Wever und Gentner sollten nun den Sand im Getriebe der Fabrik auskehren und dazu beitragen, die Betriebskosten zu senken.
Als die Ingenieure den Betrieb systematisch überprüften und nach Leerlaufstellen suchten, wurden die Arbeiter mißtrauisch. Sie glaubten oft, klüger als die Ingenieure zu sein und kritisierten deren Vorschläge, sobald sie davon erfuhren. Schließlich stellten sie in der Rollenpresserei einen Galgen auf, an dem ein Schild baumelte: »Hier wird rationalisiert.«
Die feindselige Haltung gegen die Rationalisierer verschärfte sich noch, als das Gerücht im Betrieb verbreitet wurde, Ingenieur Wever habe verlauten lassen: Wenn die älteren Leute der Belegschaft durch junge Kräfte ersetzt würden, könnte bei gleichbleibendem Maschinenpark das Zweieinhalbfache der bisherigen Leistung von der Belegschaft verlangt werden.
Zwei Tage später - am Montag vergangener Woche - beunruhigte eine weitere Alarmnachricht die Belegschaft: Direktor Carl Theodor Niggemann, 57, der den Hagener Betrieb kommissarisch leitet, hatte dem Betriebsrat seinen Plan mitgeteilt, demnächst Kurzarbeit einzuführen.
Beides - das Gerücht von der möglichen Entlassung der älteren Arbeiter und die Ankündigung der Kurzarbeit, die der Belegschaft eine Folge der Rationalisierungsbestrebungen zu sein schien - führten zu einer Kurzschlußreaktion. In den Köpfen der Arbeiter trommelte die helle Wut; es biß sich der Gedanke fest: »Die Rationalisierer müssen raus!« Als die Ingenieure Wever und Gentner mittags in ihrem Büro mit zwei Angestellten der Firma Preiskalkulationen im Rahmen der Rationalisierungsvorschläge anstellten, gellte die Sirene.
Was dann geschah, stellte Ingenieur Wever so dar: »Ein Arbeiter riß die Tür auf, forderte die beiden Betriebsangestellten auf, das Büro zu verlassen und fragte schroff: 'Wie lange wollen Sie Ihr Unwesen hier noch treiben?' Vierzig bis fünfzig Personen standen drohend vor der Tür. Sie waren wie die Wilden.«
Die Anführer ließen sich mit den Ingenieuren nicht auf eine Diskussion ein, sondern drohten: »Wenn Sie nicht räumen schmeißen wir Sie raus - Tür oder Fenster, Sie können wählen!« Ein Arbeiter stellte sich ans Fensterbrett. Als die beiden Ingenieure erklärten, nur der Direktor des Betriebes habe ihnen Weisungen zu erteilen, wurden die Arbeiter rabiat. Sie rückten den Schreibtisch beiseite, zogen dem Ingenieur Gentner den Stuhl - weg und drängten beide Rationalisierungsfachleute aus dem Zimmer. Mit Mühe und Not bahnten sie sich ihren Weg zum Direktor Niggemann ins erste Stockwerk.
Vergeblich rief Niggemann nach dem Betriebsrat, dessen Vorsitzender Borghoff später behauptete: »Wir wußten von diesem Vorgehen der Belegschaft nichts. Um zwei Uhr hatten wir eine Sitzung wegen der Kurzarbeit.«
Die Arbeiter beruhigten sich auch nicht, als Direktor Niggemann mit der Polizei drohte. Gegen 16 Uhr hatten sie ihr Ziel erreicht: Unter dem Gejohle der spalierbildenden Belegschaft mußten die beiden Rationalisierer und Direktor Niggemann eine Art Spießrutenlaufen bestehen, ehe sie vom Büro auf die Straße gelangten. Dann retteten sie sich in einen bereitstehenden Volkswagen und fuhren davon. Am nächsten Morgen stellte der Direktor der Muttergesellschaft in Wetzlar, Arthur Vogel, dem Betriebsrat ein Ultimatum: Entweder gebe der Betriebsrat bis Dienstag nachmittag 17 Uhr über Fernschreiber die Zusage durch, daß die Rationalisierungsleute ungestört weiterarbeiten dürfen oder der Betrieb werde binnen vier Wochen stillgelegt. Angesichts dieser Drohung stimmten die Arbeiter in einer Betriebsversammlung lieber für die erste Alternative: weiter rationalisieren.
Der Betriebsrat verlangte jedoch von der Direktion, daß er gemäß § 67 des Betriebsverfassungsgesetzes von den Verbesserungsabsichten laufend unterrichtet werde. Die Betriebsleitung zeigte sich versöhnlich; sie war auch bereit, die Frage der Kurzarbeit noch eine Weile zurückzustellen, aber dennoch ruhen bei Steinmann & Co. zur Zeit alle Bemühungen um den Fortgang der Rationalisierung. Die Fachleute Wever und Gentner, denen noch der Schock in den Gliedern steckt, streiken. Sie wollen das Werk erst wieder betreten, wenn sich die Anführer der Arbeiter bei ihnen entschuldigt haben; wogegen der Betriebsrat von den Ingenieuren verlangt, die Schimpfwörter »Pöbel« und »Mob«, die ihnen während des Spießrutenlaufens entschlüpften, durch eine schriftliche Erklärung des Bedauerns zurückzunehmen.
Inzwischen stellte die Hagener Kriminalpolizei peinliche Verhöre an, um zu erkunden, ob der Aufruhr auf kommunistische Agitation zurückzuführen sei.
Dafür gibt es aber kein Indiz. Diese Feststellung hat manche Industrielle an Rhein und Ruhr, die den Hagener Arbeiterputsch aufmerksam verfolgten, recht nachdenklich gestimmt.
Man macht sich in den Direktionsbüros ernsthaft Sorgen darüber, was wohl geschehen wird, wenn in den Betrieben nicht nur rationalisiert wird, sondern ganze Werksabteilungen mehr und mehr auf automatischen Betrieb umgestellt werden. Die Pläne für solche durchgreifenden Umstellungen, die manchen älteren Arbeiter von seinem Arbeitsplatz verdrängen werden, liegen bereits in den Panzerschränken der meisten Großfirmen.