Raumnot: Boom der privaten Endlager - DER SPIEGEL
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Raumnot Boom der privaten Endlager

In den USA wird mit Hallen für nicht benötigten Hausrat viel Geld verdient. Nun erobern die Auffangstationen der Überflussgesellschaft auch Deutschland. Grund: Vor allem Stadtbewohner hadern zunehmend mit akutem Platzmangel.
Von Geert Schmelzer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Das Haus entpuppte sich als Erfüllung eines lang gehegten Traums. Mitten im Ruhrgebiet, in der Nähe von Mülheim und dennoch im Grünen zwischen Bäumen und Wiesen gelegen. So etwas suchte Nicole Mampili, 40, lange vergeblich. Schnell griff sie gemeinsam mit ihrem Mann zu - trotz eines kleinen Hakens. "Der Keller ist durch den in der Nähe fließenden Bach sehr feucht. Lagern können sie da nichts", bedauert die neue Hausbesitzerin.

Platzprobleme kennt die Personalleiterin eines Mobilfunkunternehmens dennoch keine. Im nur wenige Kilometer entfernten Essen deponiert sie Koffer, Weihnachtsdeko, Winterkleidung und Möbel in einem sogenannten Self-Storage-Zentrum der Firma Shurgard. In klimatisierten Lagerboxen kommen hier all die Dinge unter, die zu Hause keinen Platz mehr finden.

Die Geschäftsidee dahinter ist simpel. Self-Storage-Anlagen sind speziell errichtete Gewerbehallen mit einzeln zugänglichen sowie videoüberwachten Abteilen. Eine Klimaanlage hält die Raumtemperatur bei konstant 11 Grad. Die Größe der Wellblechboxen variiert zwischen einem und 20 Quadratmeter. Die Lagerräume sind rund um die Uhr zugänglich. Rein kommt nur, wer seinen achtstelligen Zugangscode kennt. Rund 40 Euro Miete kostet eine Box in der Größe von einem Quadratmeter im Monat.

Self-Storage boomt in den USA

In den USA, wo nur wenige Häuser mit Kellern ausgestattet sind, ist die Vermietung solcher Lagerräume längst ein bedeutender Geschäftszweig geworden. Der börsennotierte US-Marktführer PSI Public Storage vermietet in 80 Städten 1300 Anlagen mit rund 800.000 Lagerboxen. Insgesamt gibt es in den USA knapp 34.000 Lagerzentren mit 117 Millionen Quadratmetern Fläche. Auf jeden US-Bürger kommt demnach ein halber Quadratmeter Wellblechbox.

In Europa ist Großbritannien der absolute Vorreiter. Mehr als 385 Krimskrams-Hallen gibt es auf der Insel. Auch in Frankreich, den Benelux-Staaten und in Österreich boomt das Geschäft mit den privaten Endlagerstätten.

In der fast voll unterkellerten Bundesrepublik ist das Angebot noch vergleichsweise knapp. Shurgard, in den USA die Nummer drei der Branche, eröffnete inzwischen neun Mietlager an sieben Standorten zwischen Krefeld und Köln. Über jedem thront ein auch nachts strahlender Leuchtturm - Symbol für einen sicheren Hafen und Reminiszenz an die Hafenstadt Seattle, den Herkunftsort der Firma. Vier bis fünf Hallen sollen jedes Jahr dazukommen.

16 Prozent der Deutschen brauchen mehr Platz

Die Hoffnung der Amerikaner: Laut einer Emnid-Umfrage brauchen 16 Prozent der Deutschen mehr Platz für Sport- und Hobbyausrüstungen. Acht Prozent geben an, in den eigenen vier Wänden nicht genug Raum zu haben. Shurgard-Geschäftsführer Martin Brunkhorst setzt daher auf die Platznot der Bundesbürger. Gerade in den Ballungsräumen fehlt es in vielen Wohnungen an Staufläche.

Zwei von drei Mietern in den neuartigen Self-storage-Centern sind denn auch Privatleute. Da bewahrt die frisch geschiedene Ehefrau in der Mietbox das Familiengeschirr vor dem Rosenkrieg. Oder das junge, gerade in der ersten eigenen Wohnung zusammengezogene Paar, lagert überzählige Sofas, Stühle oder Tische.

"Die meisten Menschen haben ja schon alles", sagt Wolfgang J. Köhnk, der zwei Hallen in Hamburg und Berlin betreibt. "Kommt dann ein neuer Schrank dazu, muss etwas anderes raus. Das landet dann bei uns in einer Box." Andere müssen kurzfristig eine Hinterlassenschaft unterbringen. So wie die Kundin, die auf einmal 12.000 Langspielplatten von ihrem Vater erbte. Kurzfristigen Lagerraum fand sie bei Köhnks Secur GmbH.

Lagermöglichkeit für Ebay-Tycoons

Wieder andere wollen das eigene Hobby adäquat verpacken. Der Bonner Hausmeister Bert Müller etwa ist begeisterter Angler und beherbergt in seiner 3,5 Quadratmeter großen Box rund 60 Angelruten, Käscher und Rollen. Die teilweise handgearbeiteten Gerätschaften aus den USA und England vertragen keinen Frost und müssen trocken lagern. "Bis vor einiger Zeit überwinterten die Sachen in einer Hinterhofgarage. Aber die war nass und feucht. Und nicht frostsicher", sagt Müller. Eine Aufbewahrung in der heimischen Vier-Zimmer-Wohnung kam nicht in Frage: "Da toben vier Kinder rum."

Neben Privatleuten entdecken auch Kleinunternehmer die Zwischenlager. Handelsvertreter holen hier Nachschub für ihre Touren. Handwerker bunkern Material. Ebay-Händler wie Pornsak Likitmanut und Winfried Schwamborn machen aus der Box gleich ein Versandzentrum. Die beiden Kölner verkaufen über ihren Ebay-Shop Taschen an die MTV-Generation. Ihr Nachschublager für die hippe Ware liegt im Shurgard Self-Storage-Center in Köln - in der Nachbarschaft von Brachflächen, Bowlingbahn und Baumarkt. Auf zwölf Quadratmeter bunkern die beiden Hobby-Händler hier hunderte von Taschen. Vorteil für Schwamborn und Likitmanut: "Hier ist es trocken, sicher und wir haben jederzeit Zugang."