Reaktionen Zuspruch und Kritik
Hamburg - Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beurteilte die EZB-Entscheidung als "falschen Schritt". Durch die Erhöhung der Zinsen hätten sich die Konjunkturaussichten für 2001 verschlechtert, sagte Gustav Horn, Leiter der DIW-Abteilung Konjunktur. "Ich hätte mir gewünscht, dass die EZB alles lässt wie es ist".
Der Zinsschritt sei eine Gefahr für die Konjunktur in Deutschland und innerhalb der EU, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG), Ursula Konitzer. Um den Eurokurs zu stärken, seien mehr wirtschafts- und investitionspolitische Anstrengungen zur Belebung des Wirtschaftswachstums bei niedrigen Zinsen nötig.
Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) war mit der Entscheidung der EZB unzufrieden. Damit werde der Anschein von Nervosität erweckt und erzeuge erst ein "wirkliches Euro-Problem", erklärte DGB-Vorstandsmitglied Heinz Putzhammer. Angesichts der EU-weiten Preisstabilität hätte die EZB gelassen auf die momentane Euro-Schwäche reagieren und Unabhängigkeit von der amerikanischen Zinspolitik demonstrieren können.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hält die Leitzinserhöhung für verfrüht. "Dieser Zinsschritt ist nicht nötig gewesen", sagte BDI-Währungsexperte Reinhard Kudiß. Zwar gebe es lohnpolitische Risiken. "Wir wollen es mit der Angst vor der Inflation aber nicht übertreiben."
Der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) erklärte, die Zinserhöhung sei nachvollziehbar. Der Zinsbeschluss könnte jedoch den Eindruck erwecken, die Euro-Schwäche habe die Anhebung motiviert. Ursache für den schwächeren Kurs seien die besseren Wachstumsbedingungen in den USA.
Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) begrüßte den Zinsschritt als "vorbeugenden Maßnahme gegen künftige Inflationsrisiken". Da geldpolitische Eingriffe erst mit beachtlicher Zeitverzögerung wirksam würden, sei es richtig, dass eine Notenbank frühzeitig auf Inflationsrisiken reagiere. Für die Tarifparteien sollte die Zinserhöhung ein Signal für maßvolle Lohnabschlüsse sein, so der BdB.
Die öffentlichen Banken bezeichneten die Zinsentscheidung als "zu spät, aber richtig". Dem Chefvolkswirt der Bankgesellschaft Berlin AG (BGB), Heinz Grimm, fiel sie noch zu niedrig aus.
Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Ditmar Staffelt, erklärte, die EZB sei durch die amerikanische Zinserhöhung zu ihrer Entscheidung herausgefordert worden. Der Zinsschritt bedeute keine Gefahr für den Wirtschaftsaufschwung. Der stellvertretende FDP-Chef Rainer Brüderle nannte den Schritt richtig, damit die Zinsdifferenz zu den USA nicht zu groß werde.
Im Büro des Grünen Haushaltsexperten Oswald Metzger hieß es, die EZB-Zinserhöhung gefährde den Haushalt in diesem Jahr nicht. Wie sich die Leitzinserhöhung im nächsten Jahr auswirke, sei unklar. Größere Gefahren für den Haushalt drohten eher vom starken Dollar als von der etwas verschärften Geldpolitik.