Reederei Hapag-Lloyd: Hamburg gegen den Rest der Welt - DER SPIEGEL
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Reederei Hapag-Lloyd Hamburg gegen den Rest der Welt

Heiße Phase beim Hapag-Lloyd-Verkauf: Am Montag reichen Interessenten ihre Gebote beim Mutterkonzern TUI ein. Auch die Stadt Hamburg will sich beteiligen - und warnt vor asiatischen Investoren. Die sind über den Regionalpatriotismus im globalen Geschäft erstaunt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Jetzt kommen Zahlen auf den Tisch. Der Touristikkonzern TUI   will sich von seiner Schifffahrtsparte trennen. Es geht um Deutschlands größte Reederei, um Hapag-Lloyd. Wo die Offiziere noch Uniformen tragen, zumindest wenn das Schiff im Hafen liegt, und wo die Kapitäne noch sagen, es sei schon etwas Besonderes, auf einem der 140 Containerriesen dieser Traditionsreederei anzuheuern. An diesem Montag läuft die Frist ab, bis zu der Kaufinteressenten bei der Muttergesellschaft in Hannover ihre Angebote einreichen müssen.

Damit wird offiziell, wer sich als künftiger Eigentümer der Reederei sieht, die vor 160 Jahren als "Hamburg-Amerikanische-Packetfahrt Actien-Gesellschaft" und Bremer "Norddeutsche Lloyd" gegründet wurde und 1970 zur Hapag-Lloyd AG fusionierte. Hapag-Lloyd ist mit Hamburg verbunden wie Bayer   mit Leverkusen oder Daimler   mit Stuttgart: nicht nur eine Firma, sondern Stolz der Stadt. Eine Edelmeile an der Alster ist nach dem langjährigen Reedereichef Albert Ballin benannt: der Ballindamm. Dort hat Hapag-Lloyd seinen Firmensitz in einem Prunkbau.

Hapag-Lloyd, findet man im Hamburger Rathaus, müsse daher in Hamburger Hand bleiben. Dass TUI-Chef Michael Frenzel überhaupt das Gespräch mit asiatischen Interessenten suchte, allen voran mit der vom Singapurer Staatsfonds Temasek kontrollierten Reederei Neptune Orient Lines (NOL)  , stieß in der Politik, aber auch bei den Hapag-Mitarbeitern auf Verwunderung und Empörung. Da merke man, hieß es mit Grummeln in der Stimme, dass die Leute bei TUI aus dem provinziellen Hannover keine Ahnung von der Weltstadt Hamburg hätten.

Hamburger Kaufleute, allen voran der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne, begannen damit, ein Bieterkonsortium zu schmieden, um eine Übernahme von Hapag-Lloyd durch eine ausländische Reederei zu verhindern. "Deutschland als führende Exportnation braucht eine eigene Schifffahrt als strategisches Element im Welthandel", sagte Kühne im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Hapag-Lloyd müsse in deutscher Hand bleiben. "Solche Schlüsselunternehmen an ausländische Investoren zu verkaufen, ist sehr bedenklich."

Rückenwind bekamen Kühne und Co. aus der Politik: Der Hamburger Senat versprach zunächst symbolische Unterstützung und kündigte vergangene Woche an, sich mit einem "dreistelligen Millionenbetrag" an einem Konsortium zu beteiligen. Und aus der Bundesregierung war mit Verweis auf das Außenwirtschaftsgesetz zu hören, man werde einen Verkauf von Hapag-Lloyd an einen ausländischen Investor zu verhindern wissen, "um die öffentliche Ordnung oder Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zu gewährleisten". Auch die Mitarbeiter, besorgt um ihre Arbeitsplätze, protestierten gegen eine Übernahme durch einen ausländischen Investor.

Erstaunen in Singapur über deutsche Reaktion

Der Staat als Reeder, als Retter vor ausländischen Investoren? Sollte eine Beteiligung der Stadt Hamburg an Unternehmen - wie im Fall Beiersdorf, als der Kosmetikhersteller vor einer Übernahme durch den US-Konsumgüterkonzern Procter & Gamble geschützt werden sollte - nicht die Ausnahme bleiben? Wäre eine Hapag-Beteiligung nicht ein industriepolitischer Sündenfall?

Keineswegs, heißt es im Hamburger Rathaus. Allerdings gebe es für Beteiligungen der Stadt an privatwirtschaftlichen Unternehmen strenge Kriterien: Hamburg beteilige sich nur an aufstrebenden Firmen, um sie vor einer Übernahme zu schützen; die Stadt beteilige sich zudem nicht alleine, sondern immer als Partner eines Konsortiums; und schließlich stoße die Stadt ihren Anteil nach einer gewissen Zeit immer wieder ab, bleibe also nicht dauerhaft Gesellschafter.

In Singapur ist man angesichts der harschen Reaktionen aus Deutschland erstaunt. Mit regionalpatriotischen Argumenten, heißt es aus Unternehmenskreisen, habe man in diesem globalen Geschäft nicht gerechnet. Besonders ärgert die NOL-Manager die Argumentation, eine Übernahme durch einen asiatischen Investor bedrohe Arbeitsplätze in Hamburg oder gar die Hamburger Hapag-Lloyd-Zentrale. Diese Gefahr sei bei einem Kauf durch deutsche Investoren, die womöglich vom Reederei-Geschäft wenig Ahnung hätten und radikal sparen wollten, oder durch eine europäische Reederei mit Büros in Europa viel größer. NOL dagegen habe kein Interesse daran, die Hapag-Zentrale zu schließen. Hapag und NOL würden sich gut ergänzen.

Weiterer Interessent ist die Reederei Orient Overseas Container Line (OOCL) aus Hongkong. Die Großen der Branche, Maersk aus Dänemark, CMA CGM aus Frankreich und Evergreen aus Taiwan haben dagegen bereits signalisiert, nicht für Hapag-Lloyd bieten zu wollen.

TUI-Großaktionär Fredriksen doch gegen Verkauf

Branchenexperten sagten NOL bislang gute Chancen für einen Zuschlag bei Hapag voraus. Doch auf der Zielgeraden kommen Zweifel, ob die Singapurer noch dabei sein werden: Der deutsche NOL-Chef Thomas Held musste vor zwei Wochen seinen Sessel räumen - mitten im Bieterverfahren. Dabei war er gerade einmal eineinhalb Jahre im Amt. Aus der Konzernspitze hieß es, jetzt sei der richtige Zeitpunkt, "die Verantwortung in neue Hände zu legen". Aus der Branche hieß es, Held sei zwar ein exzellenter Logistiker, verstehe aber nichts von Schifffahrt. Außerdem sei man in der NOL-Spitze verärgert darüber, dass das Unternehmen aus Singapur in Deutschland als Gefahr für Deutschland ankomme.

Zuletzt ist der Hapag-Lloyd-Verkauf vollends zur Posse geraten. Der norwegische TUI-Großaktionär John Fredriksen, der Konzernchef Frenzel zum Verkauf der Reederei gedrängt hatte, ist nun gegen eine Veräußerung. Angesichts des hohen Ölpreises und der abkühlenden Weltkonjunktur werde man zum derzeitigen Zeitpunkt keinen angemessenen Preis für die Reederei erzielen.

TUI will bis Mitte August die Gebote prüfen. Danach entscheidet das Unternehmen, ob es einen Käufer oder eine zweite Bieterrunde gibt - oder ob Hapag-Lloyd doch weiter Teil des TUI-Konzerns bleibt.