Reformruine Arbeitsmarkt: Jung, gefördert, chancenlos - DER SPIEGEL
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Reformruine Arbeitsmarkt Jung, gefördert, chancenlos

Mit großem Trara haben sich Regierung und Arbeitgeber auf den Ausbildungspakt geeinigt. Das Ergebnis ist paradox: Die Unternehmen schaffen die zugesagten neuen Stellen, dennoch bessert sich die Situation am Lehrstellenmarkt nicht.
Von Carsten Matthäus
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - "Der Pakt wirkt", sagt DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun, "Der Pakt scheitert", sagt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Beide Aussagen sind wahr - je nachdem, welcher Interessengruppe man angehört.

Im Ausbildungspakt, den die SPD unter lauten Drohungen im Juni durchgesetzt hat, gelobten die Arbeitgeber, bis Ende September 30.000 neue Stellen zu schaffen. Handwerk und Handelskammern ziehen seitdem immer neue positive Bilanzen. Braun verkündete beispielsweise Anfang August, dass allein in seinem Einflussbereich schon rund 18.900 "neue" Ausbildungsplätze geschaffen worden seien. Und Dieter Philipp, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, ist "zuversichtlich, dass wir den Ausbildungspakt einhalten werden".

Dennoch ändert sich die Lage am Lehrstellenmarkt nicht, auch dafür liefert Braun die Erklärung: "Neue, nicht zusätzliche", sagte er. Gleichzeitig mit den neuen Stellen gäbe es konjunkturbedingt im Bereich der Handelskammern wohl einen Schwund von rund 18.000 Lehrstellen. Angesichts schlechter Auftragslage müssten Betriebe schließen oder bei der Ausbildung kürzen, so der DIHK-Präsident. Er rechne deshalb damit, dass "zum Jahresende 20.000 bis 30.000 Stellen fehlen werden" - ähnlich viel also wie 2003.

"Noch nicht befriedigend"

Und hier kommt die zweite Aussage ins Spiel: "Allen Erfolgsmeldungen der Wirtschaft zum Trotz ist die Lehrstellenlücke so groß wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr", heißt es in einer Stellungnahme des DGB. Anders gesagt: Der vollmundig angekündigte Ausbildungspakt bringt in der Realität keine Entlastung.

Das belegen auch die Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit (BA). Im Juli 2004 war demnach die Lehrstellenlücke, also die rechnerische Differenz zwischen Bewerbern und angebotenen Stellen so groß wie nie. Auf nur 75.900 freie Ausbildungsplätze kamen etwa 238.000 Bewerber. Die Lücke hat sich im Vergleich zum Vorjahr sogar nochmals um etwa 14.000 vergrößert. Bis Ende September, dem traditionellen Beginn des Ausbildungsjahres werden allerdings die meisten Bewerber noch ihren Platz finden. Rund 60.000 von ihnen, werden dazu auf eine staatlich geförderten "Ausbildungsalternative" ausweichen müssen, der überwiegende Teil davon in Ostdeutschland.

SPD-Chef Franz Müntefering weiß auch nicht, was er angesichts der unerfreulichen Situation sagen soll und äußert sich deshalb nebulös. Die Anstrengungen der Wirtschaft für mehr Lehrstellen seien "erfreulich, aber noch nicht befriedigend", lässt er sich zitieren. Er wolle nun abwarten, wie sich die Lage am Ausbildungsmarkt entwickle, sagt er.

Fahrlässiger Umgang mit Azubis

"Der Ausbildungspakt hätte cleverer abgeschlossen werden müssen", findet Herbert Buscher, der die Entwicklungen des Arbeitsmarktes am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle verfolgt. Seiner Ansicht nach müsste die Bundesregierung die Betriebe vor allem in Ostdeutschland noch stärker in die Pflicht nehmen, zusätzliche Ausbildungsplätze bereitzustellen. Stattdessen würden Ausbildungswillige großzügig in staatlich geförderten Maßnahmen geparkt. "Die Regierung macht es den Leuten zu leicht", sagt er.

Zu einer völlig anderen Bewertung kommt Hilmar Schneider, Direktor am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Seiner Ansicht nach sollten sich Politiker nicht einbilden, mit Drohungen an Unternehmer etwas auf dem Ausbildungsmarkt zu bewirken: "Die Diskussion wird falsch geführt", so der Experte. "Die Politik kennt die Erfordernisse in den Unternehmen nicht". In vielen Dienstleistungsbranchen könne man das bisherige Modell der betrieblichen Ausbildung ohnehin nicht mehr anwenden. Als Beispiel nennt Schneider die EDV-Branche. "Hier brauchen Sie junge Mitarbeiter, die ständig auf dem neuesten Stand sind und nicht meinen, mit einer dreijährigen Ausbildung für den Rest ihres Arbeitslebens auszukommen", so der IZA-Experte.

Die massenhafte Vergabe staatlich geförderter Lehrstellen in Ostdeutschland hält Schneider für "grob fahrlässig", weil diese Azubis nach einer solchen - als zweitklassig eingestuften - Ausbildung später kaum noch Chancen haben, einen Job zu bekommen. IZA-Zahlen zufolge wurden etwa 40 Prozent der ostdeutschen Auszubildenden in staatlich geförderten Maßnahmen untergebracht, in Westdeutschland waren es gerade mal drei Prozent.

Wie dramatisch sich dies auswirkt, zeigt sich bei einer genaueren Betrachtung der Arbeitsmarktdaten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren 1991 noch 9,9 Prozent der jungen Menschen nach ihrer Ausbildung ohne Job, im Jahr 2003 waren es schon 16,4 Prozent. Bezogen auf die 15- bis 29-jährigen sank die Erwerbstätigenquote im Osten der Republik den Statistikern zufolge zwischen 1991 und 2003 von 70 auf 47 Prozent.

Unsinniges Zwangsgeld

Das andere Rezept der Regierung, die Unternehmen per Zwangsgeld zu zwingen, mehr in die Ausbildung des Nachwuchses zu investieren, fällt bei Viktor Steiner, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, vollkommen durch. "Die Ausbildungsplatzabgabe ist ökonomischer Unsinn", sagt er. Dafür hat er zwei einfache Argumente. Erstens werden nämlich die Unternehmen bestraft, die wegen ihrer hochwertigen Ausbildung auch hohe Kosten haben und sich bei schlechter Auftragslage schlicht keine Azubis leisten können. Zweitens bekommen auch die Handwerker mit der Abgabe zusätzliche Probleme, die wegen mangelnder Attraktivität ihre Stellen jetzt schon nicht besetzt bekommen, wie beispielsweise Fleischer oder Bäcker.

Wirtschaftsminister Wolfgang Clement will sich angesichts der verkorksten Lage und der ökonomisch fragwürdigen Aktionen seiner Parteigenossen die Laune nicht verderben lassen. "Das Anziehen der Konjunktur beflügelt offenbar den Ausbildungsmarkt", sagte er nach Bekanntgabe der traurigen Juli-Arbeitsmarktdaten. Eine ähnlich sonnige Sicht der Dinge bewies Clement schon im Landtagswahlkampf 2000. Damals hatte er erklärt, Jugendarbeitslosigkeit zu einem Fremdwort machen zu wollen.