Reformruine Arbeitsmarkt Traum von der Klebrigkeit
Hamburg - Eine halbe Million Arbeitslose sollten nach Vorstellung der von Volkswagen-Manager Peter Hartz geleiteten Reformkommission bis Ende 2005 in so genannte Personal-Service-Agenturen (PSA) überführt werden. Ähnlich klassischen Zeitarbeitsfirmen sollten die PSA ihre Angestellten an Unternehmen der Privatwirtschaft ausleihen. Hartz unterstellte dabei einen "Klebeeffekt": Wenn Firmen die ungeliebten "Arbeitslosen mit Vermittlungshemmnissen" (Arbeitsamt-Deutsch) erst einmal in Aktion sähen, würden sie sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent als Festangestellte übernehmen.
Die Realität sieht anders aus. Bisher stehen statt der projektierten 500.000 PSA-Stellen lediglich knapp 50.000 zur Verfügung. Auch der Klebrigkeitsfaktor ist wesentlich geringer als ursprünglich angenommen. Nur etwa jeder zehnte ausgeliehene Arbeitnehmer wird nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) vom Entleiher übernommen. Bisher blieben nur knapp tausend Personen kleben - die Zielmarke von 250.000 dürfte kaum je erreicht werden.
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Die Bundesagentur für Arbeit (BA) interpretiert die Zahlen naturgemäß anders. Neben jenen elf Prozent, die bei einem der Entleiher eine Anstellung fänden, vermittelten die PSA schließlich weitere 25,1 Prozent in sozialversicherungspflichtige Jobs. Allerdings ist unklar, ob dieser BA-Zahl zu trauen ist. Die Betreiber der PSA haben schließlich ein Interesse daran, möglichst viele ihrer Schützlinge als vermittelt zu melden - denn sie erhalten dafür eine Prämie (siehe Kasten).
Einige ehemalige PSA-Angestellte berichten, dass sie von ihren Leiharbeitsfirmen als vermittelt gebucht worden seien, obwohl sie den fraglichen Job auf eigene Faust gefunden hatten. Nach einem ähnlichen Prinzip verfuhr die BA jahrelang selbst, um ihre Vermittlungsstatistik zu schönen.
Schlechte Startbedingungen und keine Erfahrung
Dass die PSA zu floppen drohen, hat mehrere Gründe. Einer Studie des IAB zufolge schrumpfte aufgrund der schlechten Wirtschaftslage der Markt für Leiharbeit in Deutschland im Jahr 2002 um 5,9 Prozent, auch 2003 dürfte er stagniert haben. Entsprechend schwer war es für die neu gegründeten PSA, ihre Leute irgendwo unterzubringen.
Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte beim Institut der Deutschen Wirtschaft (iw), weist darauf hin, dass sich die PSA am Markt zudem gegen meist wesentlich professionellere Zeitarbeitsfirmen wie Manpower oder Randstad durchsetzen müssen. Viele PSA hatten vor der Hartz-Reform nichts mit Leiharbeit am Hut: Häufig hätten sich Arbeitsloseninitiativen oder Weiterbildungsträger als PSA neu erfunden, so Schäfer, und könnten mit den Profis nicht mithalten. Die bieten neben einem attraktiveren Personal-Pool in der Regel auch Beratungsleistungen aus dem Bereich Personalmanagement an.
Bei schlechteren Mitarbeitern und schlechterem Service können die PSA ihre Leute in der Regel nur über den Preis in den Markt drücken. Der liegt dank der Subventionen vom Arbeitsamt in der Regel unter den branchenüblichen Sätzen. Entsprechend hat sich, wie meist wenn Staatsknete im Spiel ist, ein absurder Effekt eingestellt: Die Bundesagentur für Arbeit zahlt den bundesweit etwa tausend PSA jährlich bis zu 600 Millionen Euro. Mit dem Geld unterbieten die staatlich geförderten Leiharbeitsfirmen die effizientere, wirtschaftlich arbeitende Konkurrenz. Der Effekt auf den Arbeitsmarkt geht gegen null.
Lohnzuschüsse wären sinnvoller
Holger Schäfer vom iw plädiert denn auch dafür, das PSA-Projekt demnächst zu beenden. Die PSA verursachten viel Bürokratie und die Verwendung der Gelder sei nur schwer zu kontrollieren. Zudem pumpe man Subventionen "in einen Teil des Arbeitsmarktes, der schon besetzt ist". Besser wäre es nach Schäfers Ansicht, schwer vermittelbare Arbeitslose mit direkten Lohnzuschüssen zu unterstützen.
Ein - wenn auch schwacher Trost für Peter Hartz und seine Kommissare: Auch einige Unternehmen der Privatwirtschaft haben Probleme mit PSA-ähnlichen Konstrukten. Während der letzten Rezession lagerten etliche Konzerne ihre gekündigten Mitarbeiter zunächst in unternehmenseigene Auffanggesellschaften aus. Bei der HypoVereinsbank oder Bayer konnte vielen Menschen über die Betriebs-PSA ein neuer Job vermittelt werden. Nicht so gut lief es bei der Deutschen Telekom. Deren glücklose Leiharbeitstochter Vivento hat intern inzwischen den Spitznamen "Wiewenntot".