PHARMA Rein ethisches Problem
Hinter seinem kahlen Metallschreibtisch von der Größe einer Pingpongplatte übt der hoch aufgerichtete, braungebrannte Monsieur wie ein Feldherr Manöverkritik. Er habe, so der französische Arzt und Forscher Edouard Sakiz, 71, in der weltweiten Schlacht um die Abtreibung »eine große Niederlage« erlebt, aber auch »einen bedeutenden Sieg« errungen.
Die Schmach: Der französische Pharmariese Roussel Uclaf (RU), seit kurzem zu 100 Prozent im Besitz der deutschen Hoechst-Gruppe, stößt die revolutionäre Abtreibungspille RU 486 ab.
Der Triumph: Der Doktor Sakiz, Mitentwickler dieses »umstrittensten Medikaments der Geschichte« (THE GUARDIAN) und bis vergangenen März Vorsitzender des RU-Aufsichtsrats, übernimmt die Produktion in privater Regie - als humanitäre Mission im Dienst der Frauen und »ohne einen Franc damit zu verdienen«, wie er versichert.
Die Entscheidung, sich vom unblutigen Schwangerschaftsabbrecher zu trennen, fiel in der Hoechst-Zentrale. Doch die Frankfurter ließen die Botschaft, die bissige Kommentare auslöste, lieber ihren Pariser RU-Statthalter Jean-Pierre Godard verkünden: Die Aufgabe der RU 486, so der Franzose am Dienstag vergangener Woche, sei »endgültig und unwiderruflich«.
Sakiz kann es immer noch nicht fassen. Noch nie in der modernen Medizingeschichte, klagt er, sei ein »rein ethisches Problem« derart massiv durch moralisierende Lobbys, Wirtschaftszwänge und selbst Regierungen beeinflußt worden.
Im Jahr 1981 hatte er in den RU-Laboratorien bei der Hormonforschung eher zufällig das Molekül »mifepristone« mitentdeckt, im September 1988 kam es in Frankreich unter strengen Auflagen auf den Markt. Das Hormon verhindert die Einnistung befruchteter Eizellen in die Gebärmutterschleimhaut. Zum erstenmal gab es eine »sanfte Abtreibung« ohne chirurgischen Eingriff, der Frauen häufig unfruchtbar zurückläßt.
Doch Kirchenführer und fanatische Abtreibungsgegner liefen Sturm. Der Pariser Kardinal Jean-Marie Lustiger geißelte das »Gift für den Fötus«, US-Fundis geifern seit Jahren gegen den »Baby-Killer«. In Deutschland ist die Pille nie zugelassen worden. Erschreckt durch das Negativ-Image, zog Roussel Uclaf das Präparat zurück.
Der damalige Pariser Gesundheitsminister Claude Evin schickte die Pille als »moralisches Eigentum der Frauen« erneut in die Kliniken. Inzwischen sind mit RU 486 - nur Frankreich, Großbritannien und Schweden haben das Medikament bisher legalisiert - amtlich etwa 220 000, tatsächlich aber wohl schon mehrere Millionen Schwangerschaften abgebrochen worden.
Unter den stockkonservativen US-Präsidenten Ronald Reagan und George Bush blieb das Medikament geächtet. Demokrat Bill Clinton übertrug 1993 die Einführung der Abtreibungspille der frauenfreundlichen Stiftung Population Council. Bis heute wird das Medikament in den USA noch nicht produziert.
Im Jahr 1995 faßte der Hoechst-Konzern sein Pharmageschäft, unter Einschluß der US-Firma Marion Merrell Dow, unter dem Namen Hoechst Marion Roussel (HMR) zusammen. Die neue Gruppe, Umsatz 1996: 13 Milliarden Mark, will von Platz vier in der Pharmabranche an die Weltspitze rücken. Dazu muß vor allem der US-Anteil, derzeit etwa 25 Prozent des Umsatzes, vergrößert werden.
Die Abtreibungspille stand diesen ehrgeizigen Zielen im Wege. Die rabiate amerikanische Pro-Life-Lobby drohte mit einem Boykott der HMR-Produkte, in Zeitungsanzeigen polemisierten fromme Fundis gegen den Konzern. Da beschloß Hoechst den Rückzug.
Mit nur etwa sechs Millionen Mark Umsatz im Jahr ist die Abtreibungspille für den Pharmakoloß ohnehin wirtschaftlich belanglos. Und so schenkten die Frankfurter das Produkt, das ihnen soviel Ärger bereitete, dem früheren Kollegen Sakiz.
Der Forscher, der noch immer ein Büro in der gläsernen RU-Zentrale im Pariser Vorort Romainville hält, will nun eine winzige Firma namens »Excelgyn« gründen. Die Belegschaft: »ein hochrangiger Gynäkologe, ein Apotheker, ein Administrator, eine Sekretärin« - mehr nicht.
Die Pillenproduktion soll ein französisches Laboratorium übernehmen. Der Vertrieb bleibt streng geregelt: kein Arzt, kein Apotheker erhält das Präparat; es geht ausschließlich an lizenzierte Abtreibungskliniken. Sakiz: »Es wird keinen schwarzen Markt geben; die Kontrolle ist schärfer als die über Rauschgifte.«
Sakiz will nun vorantreiben, was Hoechst aus Sorge um sein Image über Jahre gemieden hat: die Erforschung neuer Anwendungsmöglichkeiten für das Hormon, etwa als Verhütungsmittel, Hilfe zum leichteren Gebären oder im Kampf gegen Brust- und Eierstockkrebs.
Daß statt HMR künftig er von den Fundis »wie ein Satan« behandelt werden könnte, will der Humanist in Kauf nehmen: »Ich wäre glücklich, wenn es weniger Abtreibungen gäbe. Aber da es sie immer geben wird, will ich den Frauen wenigstens Erleichterung verschaffen.«