Reine Formsache - DER SPIEGEL
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Karriere Reine Formsache

Eine Frau, die etwas erreichen will, muß sich bedeckt halten. Das, und noch viel mehr, lernen Managerinnen in Outfit-Seminaren.
• aus DER SPIEGEL 46/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach drei Stunden stellt Seminarleiterin Elke Dellmuth die Frauenfrage. »Wenn Sie als Frau Karriere machen wollen, müssen Sie vor allem eines wissen: Sind Sie eine Eieruhr, ein Trapez, ein Kasten oder ein Ei?«

Wer sich diese Frage nicht schonungslos beantwortet, dem wird der Weg nach oben für immer verschlossen bleiben. Denn - Hand aufs Herz - welcher Chef, welcher Untergebene nimmt eine Eieruhr ernst, die sich als Kasten verkleidet?

Das leuchtet den sechs Geschäftsfrauen ein, die zur Outfit-Beratung ins Berliner Bildungswerk der Wirtschaft gekommen sind. Seufzend streifen sie ihre vorteilhaft geschnittenen Blazer ab, schlüpfen aus den hohen Pumps und lassen ihre wahren Körperformen auf Packpapier malen. Danach werden sie vermessen.

Merke: Nur wer seine Stärken und Schwächen, Dicken und Dünnen, Längen und Breiten kennt, kann sich karrierekompatibel kleiden, sagt die Seminarleiterin. Erfolg, so ihr Credo, ist letztendlich reine Formsache.

Petra Keddi beispielsweise hält sich für einen dicken Klops. In Wahrheit aber, so die Meßergebnisse, hat sie eher eine kastenförmige Figur. Und die kann sie brauchen, denn die ungeschminkte 35jährige mit Bürstenschnitt und Lodenanzug befehligt 130 Bedienstete einer Reinigungsfirma. Da sind Samthandschuhe fehl am Platz, doch Keddis Vater und Chef sieht das anders. »Der hat mir den Kurs geschenkt, damit ich besser in diese Gesellschaft von Führungsleuten hineinpasse«, sagt die Frau und lacht.

Auch Claudia Muß, Personalchefin einer großen Papierwarenkette, wurde von ihrem Boß geschickt. Dem war der Schreck in alle Glieder gefahren, als die temperamentvolle Blondine eines Tages mit wehendem Pelzmantel über giftgrünem Kostüm ins Büro rauschte. »Erst mußte ich mir die Haare zum Zopf binden, nun soll ich mich konservativer kleiden«, sagt sie und jammert, »dabei bin ich doch erst 30.«

Christa Postler, 48, Verwaltungschefin einer Bank, kam auf Wunsch ihrer Personalchefin, die »den Geschmack erfunden« hat. Die anderen drei Frauen sind freiwillig erschienen: eine Ärztin, eine Sozialarbeiterin, eine Schulleiterin. Alle sechs sind auf der Suche nach der individuellen Paßform: die Klamotte, die zur Seele paßt und den Aufstieg erleichtert.

Für Frauen nämlich ist das Geschäftsleben voller textiler Fallgruben. Während bei Männern die Kleiderordnung am dunklen Anzug festgenagelt ist, bleiben Frauen etliche Möglichkeiten, sich Blößen zu geben. »Es gibt viel zuviel Haut im Berufsleben«, zürnt Elke Dellmuth. »Wer soll eine Frau mit nackten Achselhöhlen schon ernst nehmen?« Niemand natürlich, und deshalb merke: Je mehr Haut, desto weniger Autorität.

Die Frau, die etwas erreichen will, muß sich bedeckt halten, und deshalb ist die Feinstrumpfhose Pflicht bei jeder Temperatur. Ein nacktes Bein, egal wie schön, hat nichts verloren am Arbeitsplatz, und Nylons wirken so segensreich wie das ebenfalls obligatorische Makeup: Beides schmirgelt Unreinheiten weg, übertüncht Müdigkeit, Falten und Dellen.

340 Mark muß jede gepuderte Teilnehmernase für diese Weisheiten zahlen, doch dafür werden Geheimnisse enthüllt, die wie zusätzliche Streben auf der Karriereleiter wirken. Etwa das völlig unterschätzte Problem des »aufgehellten Endhaars in der Wimper«. Eine wahrlich häßliche Karrierebremse, die jedoch durch aggressives Vollwimperntuschen kaschiert werden kann.

Ungeheuere Gefahren lauern auch in Farben und Mustern, was schon daran zu erkennen ist, daß Männer nur selten in gelb-grün gestreiften Anzügen auftreten.

Farben haben Fähigkeiten, sagt Dellmuth. Schwarz, Grau und Blau sind kompetent, deswegen tarnen sich viele Männer damit. Grün und Braun ist akzeptabel. Rosa gilt als feminin, aber wenig selbstbewußt - ein harter Schlag für die Personalchefin, die im altrosa Anzug erschienen ist. Dellmuth tröstet: »Für Teamwork ist freundliches Rosa perfekt, für Beförderungen aber ungeeignet.«

Die Farben Gelb und Orange sind klare Zeichen von Flatterhaftigkeit und erhalten im Geschäftsleben die rote Karte. Was auch gefährlich ist: Die Farbe Rot drückt Aggression und Macht aus, macht Vorgesetzten beim Bewerbungsgespäch angst und ist deshalb zu vermeiden.

Trägt eine Frau Rot in einem Meeting, werden alle sie anstarren - sie muß sprechen. Steckt sie in einem engen Minirock, starren auch alle, allerdings erwartet in diesem Fall keiner einen Beitrag von ihr. Das männliche Personal beschäftigt sich mit Lendenwallungen, das weibliche schneidet sie beleidigt. Das perfekte Outfit also für Unvorbereitete, das jedoch sehr sparsam dosiert werden muß. Unausrottbar scheint das Gerücht, daß Rocklänge mit Hirnfülle korrespondiert.

Ist die weibliche Führungskraft gut vorbereitet, so soll sie auf engsitzende Röcke und tiefe Ausschnitte dringend verzichten. Schlimme Erfahrungsberichte von Präsentationen lehren, mit welch mannigfaltigen Tricks männliche Zuhörer die Vortragende zum Bücken bewegen. »Alle Mühe ist umsonst, wenn Sie zu aufreizend wirken«, warnt Dellmuth.

Die Karriere, das ist nun allen Teilnehmerinnen klar, muß allseitig geplant sein. Zur kompetenten Form gehört neben dem Make-up die richtige Farbe, die passenden Schnitte, der stimmige Stil. Das, sagt Beraterin Dellmuth, ist für eine Karriere in der freien Wirtschaft unabdingbar. Wer das partout nicht will, dem bleibt nur die Politik: ein Freigehege für modische Grotesken der schlimmsten Art.

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