Rekord-Rezession: Die Mechanik des Abschwungs - DER SPIEGEL
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Rekord-Rezession Die Mechanik des Abschwungs

Die Rezession erfasst den Arbeitsmarkt, das BIP schrumpft 2009 um sechs Prozent - Deutschland droht das schwierigste Krisenjahr seit Jahrzehnten. Aber was bedeutet das für Löhne, Preise und einzelne Branchen? SPIEGEL ONLINE zeigt, wie der Konjunktur-Crash die Wirtschaft trifft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Noch in der vergangenen Woche erstaunte Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) die Öffentlichkeit mit der Aussage, er halte beim Wirtschaftsrückgang eine "fünf vor dem Komma" für nicht unwahrscheinlich. Für Regierungsverhältnisse schien diese Prognose bereits pessimistisch.

Jetzt ist selbst diese Negativprognose schon wieder überholt: Um sechs Prozent wird die Konjunktur im laufenden Jahr schrumpfen, prognostiziert Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Es wäre der größte Konjunktureinbruch in der Geschichte der Bundesrepublik.

Zum ersten Mal seit Beginn der Krise ist die Vorhersage der Regierung damit ebenso drastisch wie die der fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute. Bislang waren die Schätzungen der Politik stets weit optimistischer als die unabhängiger Ökonomen. "Man kann der Regierung sicher nicht vorwerfen, ihre Prognose sei nicht düster genug", sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger SPIEGEL ONLINE.

Langfristig schätzt Bofinger die Lage aber noch drastischer ein als Guttenberg. Während der Wirtschaftsminister für 2010 schon wieder ein leichtes Wachstum des BIP um 0,5 Prozent prognostiziert, rechnet Bofinger, wie die großen Wirtschaftsinstitute auch, eher mit "mehreren mageren Jahren". Dass es noch weiter abwärts geht, glaubt allerdings auch Bofinger nicht. "Es mehren sich die Anzeichen, dass die ökonomische Talsohle allmählich erreicht ist", sagt Bofinger.

Vorher aber kommt der große Absturz: Experten zufolge wird die Rezession in mehreren Schockwellen über die deutsche Wirtschaft hereinbrechen, und jede Welle wird neue Sektoren erfassen. Bereits jetzt reißt der Abschwung die Industrie hinab, und die Exporte brechen ein. In der Folge rechnen Ökonomen mit einem Abfall der Löhne und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Firmenpleiten, was wiederum den Konsum belasten würde.

Konjunkturprognose der Bundesregierung *

2009 2010
Bruttoinlandsprodukt, preisbereinigt -6,0 0,5
Privater Konsum -0,1 -0,3
Staatskonsum 2,4 1,8
Bruttoanlageinvestitionen -8,1 -0,3
Ausrüstungen -17,0 -1,8
Bauten -2,2 0,4
Inlandsnachfrage -1,5 0,2
Export -18,8 0,9
Import -10,6 0,4
Verbraucherpreise 0,3 0,7
Erwerbstätige im Inland -1,3 -2,5
Arbeitslose in Millionen 3,72 4,62
* Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent
Quelle: Reuters

Unter dem Druck schrumpfender Auftragsbücher dürften viele Unternehmen sich zudem gezwungen sehen, freiwillige Sozialleistungen wie etwa Boni oder 13. und 14. Jahresgehälter zu streichen. Auch die Staatseinnahmen dürften kräftig nachgeben, wodurch weniger Gelder für Sozialleistungen zur Verfügung stehen.

Arbeit, Löhne, Renten, Armut: SPIEGEL ONLINE erklärt die Mechanismen des Abschwungs - und zeigt, wie der Konjunktur-Crash die deutsche Wirtschaft trifft.

Warum die Arbeitslosigkeit steigt

Job-Agentur: Millionen Stellen bedroht

Job-Agentur: Millionen Stellen bedroht

Foto: DDP

Warum die Arbeitslosigkeit steigt

Durch die Wirtschaftskrise sinken die Einnahmen der Unternehmen, zudem werden aufgrund der Vertrauenskrise am Kreditmarkt weniger Anleihen aufgenommen. In der Folge werden weniger Aufträge vergeben, was dazu führt, dass in vielen Branchen Produktion und Absatz einbrechen. Die betroffenen Firmen müssen überschüssige Kapazitäten abbauen - vor allem beim Personal. Sie trennen sich von Leiharbeitern; Fachkräfte, deren Schwund sie zu vermeiden suchen, lassen sie kurzarbeiten.

Doch die Kurzarbeit, die einzig wirksame Maßnahme, die bislang verhindert hat, dass die Arbeitslosenzahlen nach oben schnellen, stößt inzwischen an ihre Grenzen. Schon jetzt arbeiten 700.000 Menschen kurz, und der Bundesagentur liegen Schätzungen zufolge insgesamt bald zwei Millionen Anträge auf Kurzarbeit vor. Derweil brechen die Aufträge weiter ein. Experten erwarten zudem, dass manche Firmen aufgrund von Auftragseinbrüchen pleitegehen - wodurch noch mehr Menschen ihre Arbeit verlieren. Mehr und mehr Unternehmen schließen auch Entlassungen nicht mehr aus.

Im April belastet die Rezession den Job-Markt bereits erheblich: Normalerweise sinkt die Arbeitslosigkeit zu Frühjahrsbeginn, da in Branchen wie Handwerk, Bau oder Landwirtschaft wieder deutlich mehr gearbeitet wird - 2009 allerdings blieb der erwartete Job-Aufschwung fast völlig aus.

Einschätzung der Regierung

Die Regierung schreibt in ihrem Gutachten: "Wegen der äußerst starken konjunkturellen Abschwächung wird die Arbeitslosigkeit im laufenden Jahr um etwa 450.000 auf einen jahresdurchschnittlichen Stand von rund 3,7 Mio. Personen und im kommenden Jahr um etwa 900.000 auf rund 4,6 Mio. Personen zunehmen."

Ohne Kurzarbeit wäre die Lage vermutlich noch schlimmer, sagte Guttenberg in einer Pressekonferenz, auf der er das Gutachten vorstellte. Und er stellte eine volle Übernahme der Sozialversicherungsbeiträge oder eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes in Aussicht.

Einschätzung unabhängiger Experten

Experten rechnen mit deutlich höheren Arbeitslosenzahlen als die Regierung. "Wir überschreiten noch in diesem Jahr die Marke von vier Millionen, in 2010 kommen wir nahe an die fünf Millionen heran", sagt Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Sein Kollege Jörg Hinze vom Hamburger Weltwirtschaftsarchiv rechnet damit, dass die Zahl der registrierten Arbeitslosen im Laufe dieses Jahres um etwas mehr als eine Dreiviertelmillion steigt, im ungünstigsten Fall sei sogar eine volle Million plausibel.

Die Differenz zwischen Regierungs- und Expertenprognose kommt durch unterschiedliche Konjunkturprognosen für 2010 zustande: Die Regierung rechnet schon 2010 mit einer leichten Erholung, die Institute sehen für das kommende Jahr noch ein Minus.

Eine genaue Prognose, wie stark der Job-Markt einbricht, ist zudem noch aus einem anderen Grund schwierig: "Es ist gängige Praxis in vielen Unternehmen, zunächst nur sechs bis acht Monate kurzarbeiten zu lassen", sagt Sabine Klinger, Ökonomin am Nürnberger Institut für Arbeit. Dann sondierten die Konzerne erneut die Marktlage. Zeichne sich ein baldiger Aufschwung ab, würden vermutlich viele die Kurzarbeit verlängern, um wertvolle Fachkräfte zu halten. Blieben die Aussichten indes düster oder auch nur diffus, könnten an vielen Stellen Kurzarbeiter zu Arbeitslosen werden. "Diesen Herbst werden in vielen Unternehmen weitreichende Entscheidungen über die Zukunft der Mitarbeiter gefällt", sagt Klinger.

Wie der Abschwung die Einkommen drückt

Löhne und Gehälter: In der Krise bleibt den Bürgern weniger Geld

Löhne und Gehälter: In der Krise bleibt den Bürgern weniger Geld

Foto: DPA

In der Krise werden die Einkommen der Bürger in Deutschland insgesamt sinken. Das liegt zum einen an der dramatisch steigenden Arbeitslosigkeit. Zum anderen können auch die Löhne und Gehälter derjenigen sinken, die ihren Arbeitsplatz nicht verlieren: Unternehmen haben die Möglichkeit, ihre Belegschaft zu bitten, tariflich festgelegte Lohnerhöhungen zu verschieben - oder gar die Bezüge zu kürzen. Aktuelles Beispiel dafür ist der Autoriese Daimler, der im Rahmen eines milliardenschweren Sparprogramms gut 60.000 Angestellten die Löhne um 8,75 Prozent kürzt.

Einschätzung der Regierung

Das Bundeswirtschaftsministerium berechnet auch die Entwicklung der Pro-Kopf-Löhne. Es rechnet für 2009 mit einer Bruttolohnsteigerung von 1,0 Prozent. Mit Maßnahmen aus dem Konjunkturprogramm wie der Einkommensteuersenkung, niedrigeren Beiträgen zur gesetzlichen Krankenversicherung oder dem Kinderbonus versucht der Staat zudem, die niedrige Lohnsteigerung auszugleichen.

Einschätzung unabhängiger Experten

Die Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizieren für 2009 eine negative Lohnentwicklung pro Kopf von minus 2,3 Prozent. Marcus Kappler, Konjunkturexperte des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), vermutet sogar, "dass die Einkommen im Schnitt ähnlich einbrechen werden wie das Bruttoinlandsprodukt, also um rund sechs Prozent".

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger rechnet vor allem im Industriesektor mit zunehmenden Lohnkürzungen - und warnt davor, dass zu viele Lohnkürzungen die Gefahr einer Deflation verstärken.

Was in der Krise mit den Preisen passiert

Einkaufswagen: Inflation oder Deflation?

Einkaufswagen: Inflation oder Deflation?

Foto: DPA

Die Entwicklung der Verbraucherpreise ist das große Rätsel der Krise. Die Meinungen darüber könnten gegensätzlicher kaum sein.

Einschätzung unabhängiger Experten

Da die Löhne sinken und die Arbeitslosigkeit steigt, rechnen viele Experten mit einem Rückgang der Nachfrage für Konsumgüter. Auch der Ölpreis, der sich seit Sommer 2008 halbiert hat, drückt die Verbraucherpreise: Die Energie, die zur Herstellung und zum Transport von Produkten benötigt wird, kostet weniger.

Einige, wie der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, warnen in der Folge vor einer Deflation, einem Verfall der Preise also, der die Nachfrage weiter sinken lässt, weil die Verbraucher ihr Geld bunkern - in der Hoffnung, dass die Preise noch weiter fallen. Für die Wirtschaft wäre das fatal: Sie würde durch den stagnierenden Konsum noch weiter abgewürgt.

Andere halten dagegen eine Inflation, also eine Entwertung des Geldes, für wahrscheinlich. Diese ist die Folge davon, dass Staaten und Zentralbanken die sich im Umlauf befindende Geldmenge stark ausgeweitet haben - was den Wert der Währung insgesamt abwertet. Auch dadurch steigen gefühlt die Preise. Der Konsum würde damit ebenfalls abgewürgt, da die Verbraucher immer weniger Geld im Portemonnaie hätten.

Einschätzung der Regierung

Trotz der Ausgaben für Konjunkturprogramme, die Rettung angeschlagener Banken und der lockeren Geldpolitik der Zentralbanken sieht die Bundesregierung in ihrer Prognose keine akute Inflationsgefahr.

Sie geht von einem Anstieg der Verbraucherpreise von lediglich 0,3 und 0,7 Prozent in diesem und dem kommenden Jahr aus. 2008 habe die Preissteigerung dagegen noch bei 2,6 Prozent gelegen.

Warum die Armut zunimmt

Armut in Deutschland: Anstieg in der Krise ungewiss

Armut in Deutschland: Anstieg in der Krise ungewiss

Foto: DDP

Über eine Million neue Arbeitslose und sinkende Löhne könnten zu einem Anstieg der Armut in Deutschland führen.

Einschätzung der Regierung

Eine Prognose, wie sich die Armut wegen der Finanzkrise entwickeln wird, gibt die Regierung nicht. Ein Grund dafür: In Deutschland gilt jeder als arm, dessen Einkommen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens beträgt. Das ist aber ein relativer Wert, der durch steigende Arbeitslosigkeit und fallende Löhne selbst sinkt - und so wenig aussagekräftig ist.

Einschätzung unabhängiger Experten

Für die Entwicklung der Armut wird nach Ansicht von Experten entscheidend sein, wie schnell sich Wirtschaft- und Arbeitsmarkt von der Krise erholen werden. Wer nicht schnell genug einen Job findet, fällt nach spätestens 18 Monaten auf Hartz IV zurück - und muss mit knapp 400 Euro im Monat plus Zuschlägen auskommen. Das gilt unter den meisten Ökonomen definitiv als arm.

"Die Entwicklung der Armut hängt somit davon ab, wie schnell sich der Jobmarkt nach der Krise wieder aufrappelt", betont Torsten Schmidt vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

Wie die sozialen Sicherungssysteme belastet werden

Rentner: Die Krise belastet die sozialen Sicherungssysteme

Rentner: Die Krise belastet die sozialen Sicherungssysteme

Foto: DDP

Die Zweige der deutschen Sozialversicherung, also Pflege-, Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, werden überwiegend über einkommensabhängige Beiträge finanziert. Bei steigender Arbeitslosigkeit sinkt die Zahl der Beitragszahler - und damit die Höhe der Einnahmen. Deshalb werden auch die deutschen Sicherungssysteme hart von der Krise getroffen.

Auf die Arbeitslosenversicherung zum Beispiel kommen drastisch steigende Ausgaben zu. Die Ausgaben für Erwerbslose und Kurzarbeiter explodieren, Schätzungen zufolge werden sie das 17 Milliarden Euro schwere Finanzpolster der Agentur für Arbeit bis Oktober 2009 völlig auffressen. Auch im Gesundheitsfonds fehlen Schätzungen zufolge Milliarden.

Um die Finanzlücken der Sozialversicherung zu stopfen, könnte der Staat die Beiträge zu den Versicherungszweigen erhöhen oder die Leistungen zusammenstreichen.

Einschätzung der Regierung

Die Regierung nennt in ihrem Frühjahrsbericht keine Schätzungen darüber, wie groß die Löcher sind, die das Sechs-Prozent-Minus in die sozialen Kassen reißt. Beitragserhöhungen stehen aber offenbar nicht an.

Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) hat Rentenkürzungen aber zuletzt ausgeschlossen. Auch den Beitrag zur Arbeitslosenversicherung will er stabil halten. Am Mittwoch ließ auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verkünden, niedrigere Renten stünden nicht zur Debatte.

Einschätzung unabhängiger Experten

Experten erwarten ebenfalls keine sozialen Sparmaßnahmen. "Erhöhungen oder Kürzungen der Leistungen wären konjunkturpolitisch derzeit kontraproduktiv", erklärt ZEW-Experte Kappler. Stattdessen werde die Regierung vermutlich neue Schulden machen, um die Defizite kurzfristig zu decken, dabei aber nicht die wirtschaftliche Entwicklung zu bremsen.

Die wachsenden Ausgaben für soziale Sicherung haben dabei eine durchaus gewünschte Funktion: Über die Arbeitslosenversicherung etwa wird bei steigender Arbeitslosigkeit sofort zusätzliches Geld in die Wirtschaft gepumpt. "Die sozialen Sicherungssysteme sind in einer Krise automatische Stabilisatoren", so Kappler.

Warum die Staatsschulden explodieren

Neuverschuldung in Deutschland: Dramatischer Anstieg

Neuverschuldung in Deutschland: Dramatischer Anstieg

Foto: DDP

Die Staatsfinanzen geraten durch die Wirtschaftskrise von zwei Seiten wie durch einen Zangengriff unter Druck. Zum einen werden die Steuereinnahmen sinken. Auf der anderen Seite zwingt die Krise die Bundesregierung zu höheren Ausgaben.

Hier schlagen vor allem die beschlossenen Konjunkturmaßnahmen wie die Abwrackprämie zu Buche. Insgesamt umfassen die Ausgaben zur Ankurbelung der Wirtschaft derzeit rund 60 Milliarden Euro. Schwerer abschätzen lassen sich zudem die zusätzlichen Belastungen, die auf den Bund durch Bürgschaften zukommen, etwa für die Rettung angeschlagener Banken.

Einschätzung der Regierung

Im Gutachten der Regierung gibt es noch keine Schätzung darüber, wie sehr die Krise den Staat belastet. Das Gutachten ist die Grundlage für neue Berechnungen des Arbeitskreises Steuerschätzung beim Bundesfinanzministerium. Mitte Mai legt dieser neue Zahlen vor - aller Voraussicht nach werden sie äußerst schlecht sein.

Bundeswirtschaftsminister Guttenberg machte bei der Präsentation der Frühjahrsprojektion keinerlei Aussagen zur Staatsverschuldung. Klar ist aber, dass sie dramatisch steigen wird.

Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat sein Ziel, einen ausgeglichenen Haushalt noch vor der Bundestagswahl vorzulegen, längst aufgegeben. Vergangene Woche sagte er, die Neuverschuldung werde dieses Jahr 50 Milliarden Euro erreichen.

Einschätzung unabhängiger Experten

Die Wirtschaftsforschungsinstitute beurteilen die Haushaltslage der Republik wesentlich dramatischer als die Regierung. "Nach unseren Berechnungen werden es 2009 rund 80 Milliarden Euro sein, 2010 steigt die Neuverschuldung weiter an auf mehr als 100 Milliarden", warnt Christian Dreger, Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Im gemeinsamen Frühjahrsgutachten der führenden Institute gehen die Ökonomen für das kommende Jahr gar von einer Neuverschuldung von 132 Milliarden Euro aus. Mit 5,5 Prozent der BIP wäre das viel mehr, als vom europäischen Stabilitätspakt erlaubt.

Welche Branchen besonders leiden

Hafenkräne: Katastrophaler Absturz der Industrie

Hafenkräne: Katastrophaler Absturz der Industrie

Foto: AP

Die Wirtschaft schrumpft nicht gleichmäßig um sechs Prozent. Es gibt Zweige wie den öffentlichen Sektor, die zunächst weit weniger vom Abschwung betroffen sind - und solche, bei denen der Einbruch dafür umso heftiger ausfällt.

Besonders stark betroffen sind in Deutschland das verarbeitende Gewerbe und die Exportunternehmen. Wie dramatisch der Einbruch in diesen Branchen ist, sieht man an den Auftragszahlen und Produktionsdaten: Im Februar lag die Produktion in der Industrie insgesamt rund ein Viertel niedriger als vor einem Jahr, bei den Kraftfahrzeugherstellern halbierte sie sich gar.

Dabei dürfte die Produktion die Talsohle noch gar nicht erreicht haben. Die Auftragseingänge sind noch stärker eingebrochen. Insgesamt erhielt die deutsche Industrie zuletzt fast 40 Prozent weniger Bestellungen als ein Jahr zuvor. Selbst der einst hocherfolgreiche Maschinenbau verbuchte nur noch etwa halb so viele Bestellungen wie vor einem Jahr. Die Herstellung dürfte deshalb in diesen Bereichen weiter nachgeben.

Einschätzung der Regierung

Die Regierung gibt in ihrem Wirtschaftsbericht keine Sektorenanalyse.

Einschätzung unabhängiger Experten

Ökonom Jörg Hinze vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) attestiert der Automobilindustrie für 2010 weiter große Einbußen. Derzeit sei sie "abgefedert durch die Abwrackprämie. Im nächsten Jahr, mit Auslaufen der Fördermaßnahmen, sind Nachwirkungen zu befürchten".

Experte Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) sieht mittelfristig auch Branchen betroffen, in denen sich der Abschwung derzeit weniger bemerkbar macht. Im Einzelhandel beispielsweise werde sich die hohe Arbeitslosigkeit bald bemerkbar machen. Die Bauwirtschaft dagegen werde gestützt, so lange das Konjunkturprogramm läuft.

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