UNTERNEHMEN Rendite hinter Gittern
In seinem fensterlosen Büro steht ein rotes Telefon. Es verbindet Brian Gardner mit der Außenwelt, falls der Strom ausfällt oder seine Häftlinge revoltieren. Über neun Bildschirme lassen sich - mit praktischer Zoom-Funktion - selbst Wäscherei und Krankenstation überwachen. Zäune, Zellen, Gittertore, alles in bester Knastqualität.
Brian Gardner ist Gefängnisdirektor in Nashville, Tennessee. Aber wenn er seinen Job beschreibt, fühlt man sich wie auf einer Analystenkonferenz in New York. »Ich bin hier der CEO«, sagt er - und fängt an, von »Kundenzufriedenheit« und »Service« zu sprechen, von »Kosteneffizienz« und »Qualitätskontrolle«.
Das betriebswirtschaftliche Vokabular kommt nicht von ungefähr, denn Gardner leitet nur formal eine Haftanstalt. Genau genommen ist sein Knast eine Art Profit-Center, eine Konzernabteilung von Corrections Corporation of America (CCA), dem größten privaten Gefängnisbetreiber der USA.
Rund 70 000 Menschen leben bereits unter den Dächern des Unternehmens, die Auslastungsquote der umzäunten Bettenburgen liegt bei nahezu hundert Prozent. Und der Nachschub steigt und steigt. Amerika, ohnehin das Land mit der höchsten Häftlingsquote weltweit, stopft seine Gefängnisse voll wie die Raupe Nimmersatt ihren Magen. Schwerverbrecher, Kleinkriminelle, illegale Immigranten: Rund 2,3 Millionen Menschen waren laut der letzten Zählung Anfang 2006 eingesperrt.
Die Knast-Industrie erblüht momentan wie kaum eine andere Branche in den USA, und Corrections Corporation ist der wahrscheinlich größte Profiteur. Die Umsatzrendite hinter Gittern beträgt über 15 Prozent, der Aktienkurs eilt selbst gefeierten Wall-Street-Werten davon: plus 86 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten. So viel haben die Spitzenwerte im Dow Jones nicht geschafft - weder Merck noch Hewlett-Packard oder AT&T.
Analysten raten seit längerem zum Kauf, weil ihnen das relativ konjunkturunabhängige Geschäftsmodell von CCA und ihren Konkurrenten gefällt. Auf die harte Hand der Justiz, so das Kalkül, sei im Zweifel mehr Verlass als beispielsweise auf den schwachen Dollar.
Shareholder-Value und Strafvollzug: Ist das ein Widerspruch oder ein Erfolgsrezept?
Mehrere Gründe gibt es für den Häftlingsboom. Da ist zunächst die Gesetzespraxis, Wiederholungstäter beim dritten Verbrechen für 25 Jahre oder gar lebenslang zu inhaftieren - auch wenn sie, wie geschehen, nur ein Stück Pizza oder vier Schokoladenkekse geklaut haben.
Die strenge Vorschrift mit dem flotten, dem Baseball entlehnten Titel »Three strikes and you're out« (etwa: »Drei Vergehen, und du fliegst raus") wird inzwischen von der Hälfte aller Staaten sowie der US-Bundesregierung angewandt und verschafft CCA und Co., wenn man so will, eine langfristige Kalkulationsgrundlage.
Hinzu kommt ein florierendes Geschäft mit neuer »Laufkundschaft« eigentlich harmloser Kurzzeithäftlinge wie Paris Hilton (Fahren ohne Führerschein). Private wie staatliche Haftanstalten sind auch deshalb bestens ausgelastet, weil selbst Biertrinken im Park zu Haftstrafen führen kann. Manche Gefängnisse bieten für die vermögendere Klientel sogar einen Extraservice an: Für 75 bis 127 Dollar pro Nacht ist die Unterbringung im ruhigen Sondertrakt erhältlich, fernab von Schwerstverbrechern; selbst iPod und Computer sind hier mitunter erlaubt.
Und schließlich bringt die von US-Präsident George W. Bush verschärfte Immigrationspolitik kurzfristig jede Menge neues Geschäft. Denn die öffentlichen Haftanstalten können den unfreiwilligen Ansturm aufgegriffener illegaler Einwanderer kaum noch bewältigen.
Bislang wurden sie nur registriert und sofort wieder freigelassen. Jetzt landet ein Großteil von ihnen hinter privaten Sicherheitszäunen. Branchenmanager können ihr
Glück über den aktuellen Bush-Boom bis heute kaum fassen.
Gefängnisse sind für sie zunächst einmal ein Immobiliengeschäft. Riesige Gebäudekomplexe müssen entwickelt, finanziert und errichtet werden. Wenn sie fertig sind, funktionieren sie wie ein Hotel: Es wird pro Bett abgerechnet, derzeit etwa 60 bis 90 Dollar pro Nacht kostet das die Steuerzahler.
Nur die Auslastung ist stabiler als im Tourismusgeschäft. »Unsere Gäste reisen nicht einfach morgens wieder ab«, sagt CCA-Manager Irving E. Lingo, »jedenfalls hoffen wir, dass sie es nicht tun.«
Lingo ist eigentlich ein bedächtiger, nüchterner Zahlen-Mann. Aber wenn es um die Aussichten für seine Firma geht, zieht sich ein breites Lächeln über sein Gesicht.
Die mehrere hundert Millionen Dollar teuren Gefängnisse baut Corrections Corp mittlerweile schon auf Vorrat, ohne Auftrag und ohne Garantie, dass irgendjemand später Insassen schickt. »Im Immobiliengeschäft nennt man das Spekulation«, sagt Lingo.
Der lokale Sheriff gehört genauso zu den Firmenkunden wie die US-Regierung und eine Vielzahl Bundesstaaten, vor allem solche im von privatisierungsfreundlichen Republikanern regierten Süden. Sie alle schließen mit CCA langjährige Betreiberverträge.
In den kommenden zwei Jahren erwarten die öffentlichen Großkunden in Texas, Oklahoma und in weiteren 17 Bundesstaaten rund 40 000 neue Insassen, doch in ihren öffentlichen Haftanstalten sind nur 2800 zusätzliche Betten vorgesehen. »Dieses Land braucht mehr Gefängniskapazitäten, da gibt es überhaupt keinen Zweifel«, sagt Lingo, »Angebot und Nachfrage sind aus dem Gleichgewicht geraten.«
Beispiel Kalifornien: Für 100 000 Kriminelle hält Gouverneur Arnold Schwarzenegger Zellenplätze bereit - zurzeit sitzen aber 170 000 ein. Viele von ihnen hausen zusammengepfercht auf Pritschen in Turnhallen und Fluren.
Das kalifornische Gefängnissystem gleiche einem »Pulverfass«, das jederzeit explodieren könne, warnte bereits der zuständige Minister. So wie bei einem Gefangenenaufstand Ende Dezember 2006: Ein Kampf zwischen schwarzen und hispanischen Insassen, an dem mehrere hundert Männer beteiligt waren, setzte eine Haftanstalt bei Los Angeles stundenlang außer Kontrolle.
Schon vorher hatte Schwarzenegger den Notstand über Kalifornien verhängt - eine Maßnahme, die normalerweise nur bei schweren Naturkatastrophen greift. Jetzt will er für acht Milliarden Dollar über 50 000 neue Gefängnisplätze bauen. Eine Reform des drakonischen Strafsystems im »Golden State«, wo Begriffe wie gute Führung, Bewährung oder Gnade wenig zählen, ist dagegen nicht geplant.
Kurze Bauzeiten, sicherer Betrieb, modernste Trends in der Insassenbetreuung, und all das auch noch zum Billigtarif: Was dem »Terminator« nicht gelingt, ist für die Privatwirtschaft ein Leichtes - zumindest wenn man den Unternehmen glaubt. Die PR-Dame von Corrections Corp liebt es sogar, die Betriebsstätte Knast mit einer kleinen Stadt zu vergleichen: mit dem Gefängnisdirektor als Bürgermeister und einem umfassenden Arbeits-, Service- und Freizeitangebot, inklusive Arzt, Friseur und Krämerladen sowie Kirche, Waschsalon und Fitnessclub.
»Häftlinge, die was zu tun haben, sind glücklicher«, sagt die Pressefrau. »Wenn wir neuen Insassen eine erste Orientierung geben, sagen wir immer: 'Ihr lebt jetzt in unserer kleinen Stadt.'« Einen solchen Eindruck soll man auch bekommen, wenn man mit Gefängnisdirektor Gardner dessen Reich in Nashville inspiziert, die Metro-Davidson County Detention Facility.
Da gibt es Häftlinge, die sich um ausgediente Windhunde kümmern und sie für das häusliche Familienleben trainieren; die früheren Profisprinter werden anschließend zur Adoption freigegeben. »Das ist der beste Job, den man hier haben kann«, sagt einer der Insassen.
Auf den Fluren sind freiwillige Mitarbeiter des »Jericho Project« unterwegs mit der frommen Mission, Häftlinge zu »gottesfürchtigen Arbeitern« zu machen. In einem Aufenthaltsraum treffen sich Insassen zur Gesprächstherapie. Es geht um die Gefahren von Alkohol- und Drogenmissbrauch. An den Wänden hängen handgemalte Slogans wie »Selbstachtung« und »Geduld«.
Im selben Gefängnis wurde Estelle Richardson vor zweieinhalb Jahren tot in ihrer Zelle aufgefunden, Diagnose: ein fremdverursachter Schädelbruch. Waren Mithäftlinge verantwortlich oder gar Wärter? Die Frage ist bis heute nicht geklärt.
Eine CCA-Anstalt in Arizona machte zudem mit einem Gefangenenaufstand Schlagzeilen, bei dem zwei Insassen ums Leben kamen.
Und in Texas wurde der Fahrer einer CCA-Transportfirma verurteilt, weil er bei einem Häftlingstransport eine Gefangene vergewaltigt hatte.
Das können Einzelfälle sein, verlässliche Statistiken gibt es nicht, Missbrauch und Gewalt sind auch in öffentlichen Gefängnissen ein Thema. Häftlingsvertreter halten die Probleme der Privaten dennoch für systembedingt.
Tom Jawetz ist Anwalt der Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union. Seine Abteilung, das National Prison Project, kümmert sich schon seit Jahrzehnten um die Rechte von Häftlingen. »Kosteneinsparungen gehen zu Lasten der Sicherheit«, sagt er. Knastmanager hätten kein finanzielles Interesse, ihre Klientel geläutert in die Gesellschaft zu entlassen, sie wollten sie lieber behalten oder schnell wiedersehen. »Gewinnanreize sind kontraproduktiv, wenn es um die Wohlfahrt der Gefangenen und der Gesellschaft geht«, sagt er.
Solche Einwände kümmern die Investoren wenig. Sie haben derzeit ganz andere Sorgen: Was ist, wenn der Bush-Boom zu Ende geht und ein neuer Präsident die Einwanderungspolitik wieder lockert?
In den letzten Clinton-Jahren hatte sich CCA schon einmal verspekuliert und blieb auf leeren Gefängnisbetten sitzen. Die Aktie, zu Spitzenzeiten 150 Dollar wert, stürzte damals auf zwei Dollar ab. FRANK HORNIG