Rente Zehn mal null bleibt null
Hamburg - Jetzt wird's bitter: Länger arbeiten und dafür weniger Geld im Alter. Die neue Bundesregierung beendet die Schonzeit der Deutschen. "In der jetzigen Situation, in der die Löhne kaum steigen, die Arbeitslosigkeit hoch ist und es immer weniger beitragspflichtige Jobs gibt, besteht für steigende Renten kein Spielraum", sagt CDU-Sozialexperte und parlamentarischer Staatssekretär Andreas Storm gegenüber manager-magazin.de.
Zur Jahreswende musste der Bund den Rentenversicherungsträgern bereits das erste Mal kurzzeitig beistehen, damit die Pensionszahlungen pünktlich und in voller Höhe auf den Konten der Rentner ankamen. Storm sieht deshalb keine Alternative zu dem vorläufigen Schlussstrich unter mehr als 40 Jahre lang steigende Renten.
Denn auch in ihrer Höhe muss sich die wirtschaftliche Leistungskraft der Bundesrepublik Deutschland widerspiegeln, und um die steht es nicht allzu gut. Zwar werden Deutschlands Unternehmen in diesem Jahr wohl so viel verdienen wie lange nicht mehr; die Wirtschaftsforscher des Ifo-Instituts beispielsweise erwarten für 2006 "ein Wirtschaftswachstum zwischen 1,5 und 2 Prozent", sagte Gebhard Flaig, Leiter der Ifo-Konjunkturabteilung. Doch im Schnitt der vergangenen Jahre war so viel nie zu holen, und deshalb stagnieren die Einkommen der Bundesbürger.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kam für die Deutschen bereits im Jahr 2003 der große Knick. Mit einem Nettoeinkommen in Höhe von durchschnittlich 32.100 Euro pro Jahr hatten die Privathaushalte in der Bundesrepublik erstmals nicht mehr Geld zur Verfügung als im Vorjahr. Danach sind die Einkommen real sogar leicht gesunken. "Die Entwicklung muss sich auch nicht ändern", schreibt der Wissenschaftler Meinhard Miegel vom Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) in Bonn in seinem neuesten Buch.
"Andere Völker sind dabei, den Vorsprung des Westens aus dem vergangenen Jahrhundert aufzuholen. Sie werden schneller, während der Westen langsamer wird. Das ist keine Untergangsvision, sondern die Aufforderung, sich bestimmter Veränderungen bewusst zu werden". Und die sind auch für die Rentner schlecht.
Zu wenig Kinder, zu viel Konkurrenz
Ihr Einkommen kann nur steigen, wenn auch die Bruttolöhne und Gehälter der jungen Deutschen einigermaßen proper zulegen. Aber das tun sie nicht mehr, seitdem die Bundesbürger die Konkurrenten um Arbeitsplätze aus anderen Nationen spüren. Zudem sorgt ein Nachhaltigkeitsfaktor dafür, dass auch die hohe Arbeitslosigkeit und damit die geringe Zahl an Erwerbstätigen mit in die Einkommensrechnung einbezogen werden. Beides zusammen lässt offenbar keinen Spielraum für höhere Überweisungen an die Alten der Republik.
Darüber hinaus kommt auf die Rentenkasse auch noch eine riesige Welle neuer Rentner hinzu. Spätestens im Jahr 2016 gehen die ersten Babyboomer in Pension, Frauen und Männer im Alter von heute 35 bis 55 Jahren. Doch dann wird Deutschland nicht genügend junge Menschen haben, die mit ihrem Einkommen die gigantischen Rentenbeträge erwirtschaften können. "Schon bis heute haben viele Millionen Versicherte Ansprüche im Gesamtwert von ungefähr 4000 Milliarden Euro gegen die Rentenkasse erworben", schätzt IWG-Forscher Miegel.
Damit aber drohen den Rentenkassen sowohl steigende Ausgaben als auch sinkende Einnahmen - und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. "Wir werden deshalb für lange, lange Zeit viele, viele Nullrunden haben", sagte der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen dann auch der "Rheinischen Post" in Düsseldorf. "Und wenn es einmal Erhöhungen geben sollte, dann steigt die Rente höchstens wahrscheinlich nur um 1 Prozent." Das aber würde wohl nicht einmal die jährliche Geldentwertung ausgleichen.
Für die geringen Rentensteigerungen sorgt allerdings nicht nur die deutsche Wirtschaftslage, sondern auch die neue Bundesregierung. Sie will in den kommenden Monaten den so genannten Nachholfaktor verabschieden, der höhere Renten wohl über Jahre hinaus unmöglich macht. Denn mit diesem Instrument begrenzt die schwarz-rote Koalition ein altes Privileg der Rentner: Ihr Einkommen darf zumindest nominal nie sinken, egal wie schlecht es dem Land geht.
Der "Nachholfaktor" sieht nun vor, dass die Pensionäre in Zeiten guter wirtschaftlicher Entwicklung auf steigende Renten verzichten müssen. Als Ausgleich dafür, dass sie in schlechten Zeiten keine Einbußen hinnehmen mussten, die rechnerisch notwendig gewesen wären.
"Dieser Nachholfaktor darf nicht Gesetz werden, denn dann wird es möglicherweise bis zum Sankt Nimmerleinstag keine Rentenerhöhung mehr geben", kommentiert Walter Hirrlinger, Präsident des Sozialverbandes VDK, gegenüber manager-magazin.de das Vorhaben. "Sollte der Nachholfaktor dennoch verabschiedet werden, wird die Kaufkraft der Rentnerinnen und Rentner weiter schwinden und das bei einer faktischen durchschnittlichen Rente von schon heute nur noch 643 Euro im Monat."
Arbeiten bis 67 - mindestens
Finanzwissenschaftler Raffelhüschen verteidigte das. "Am meisten haben darunter gar nicht die aktuellen Rentner zu leiden, sondern die Generation der heute 30- bis 50-Jährigen." Denn die Babyboomer von einst werden sich nahezu mit dem heutigen Rentenniveau begnügen, wenn sie in einigen Jahren selbst in Pension gehen. Nur die Preise für Auto, Benzin, Lebensmittel und Miete werden dann um ein Vielfaches höher sein als heute. "Die Babyboomer haben die Misere aber auch mit verursacht, weil sie - bezogen auf das deutsche Rentenversicherungssystem - zu wenige Kinder in die Welt gesetzt haben", ergänzt Raffelhüschen.
"Es gibt in dieser Frage in der Tat keinen Gegensatz zwischen Jung und Alt", erwidert der Sozialverband VDK gegenüber manager-magazin.de. "Denn die diskutierten Kürzungen für Deutschlands Rentnerinnen und Rentner schlagen auf die jüngere Generation von heute durch. Und die müssten im noch erheblicheren Umfang privat fürs Alter vorsorgen als derzeit schon nötig, sollte das Vorhaben umgesetzt werden."
Es gibt allerdings noch einen Unterschied zwischen den jungen und alten Deutschen. Die heute 35- bis 55-Jährigen werden erheblich später in Rente gehen dürfen als die Generationen vor ihnen. Noch im Jahr 2004 verabschiedeten sich die Deutschen im Schnitt schon mit 63,3 Jahren in die Pension, obwohl das gesetzliche Rentenalter erst mit 65 Jahren erreicht wird, ermittelte jetzt die deutsche Rentenversicherung. Das Privileg werden die jüngeren Deutschen nicht mehr genießen können.
"Ich bin sicher, dass schon in dieser Wahlperiode etwas in Richtung Rente mit 67 passiert", sagt etwa der Finanzwissenschaftler Raffelhüschen. "Im Renten-Nachhaltigkeitsgesetz ist festgeschrieben, dass sich spätestens 2008 eine neue Kommission mit der Lebensarbeitszeitfrage befassen muss."
Was dabei herauskommen wird, steht offenbar schon im Detail fest. Von 2012 an soll das Rentenalter Jahr für Jahr um einen Monat steigen - bis auf 67 im Jahr 2036, sofern sie nicht wenigstens 40 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt haben.
Die jüngeren Bundesbürger sind allerdings nicht die einzigen Europäer, die ihr Pensionsalter neu planen müssen. Die Dänen diskutieren derzeit, ob sie künftig nicht besser erst mit 69 Jahren in Rente gehen sollen.