Renten: Informationsflut gegen die Versorgungslücke - DER SPIEGEL
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Renten Informationsflut gegen die Versorgungslücke

Um den Bürgern die diffuse Angst vor einer kargen Rente im Alter zu nehmen, verpflichtete Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) die Rentenversicherer zu einer gigantischen Aufklärungskampagne. Jeder soll wissen, was ihn im Alter erwartet. Die Frage ist nur, wer zuerst aufgeklärt wird.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Mit jeder Reform geht den Rentnern von morgen der Überblick ein Stück weit mehr verloren. Inzwischen wissen fast nur noch Experten Bescheid. Die zu Jahresbeginn eingeführte staatlich geförderte Zusatzvorsorge fürs Alter machte die Sache nicht einfacher. Die so genannte Riester-Rente soll später einmal die Lücke schließen, welche die Einschnitte bei der gesetzlichen Rente reißen. Doch wie groß ist die Lücke wirklich, die zu schließen ist? Und welchen Anteil übernimmt davon die Riester-Rente?

Das diffuse Gefühl der Unsicherheit müssen die Autoren des rot-grünen Rentengesetzes geahnt haben, denn mit der Rentenreform 2001 verordneten sie zugleich eine neue Form der Renten-Aufklärung. Vom Jahr 2004 an sollen alle Versicherten über 27 Jahre von der Rentenversicherung informiert werden. Dabei wird auch die auf das Alter von 65 Jahren hochgerechnete persönliche Rente mit angegeben sein, sagte Renate Thiemann vom Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR). Anspruch auf solche Auskünfte haben bislang nur die über 54-Jährigen.

Künftig werden also rund 42 Millionen Versicherte regelmäßig Post von ihrem Rentenversicherer erhalten. Nach dem Willen von Arbeitsminister Walter Riester (SPD) soll sie vor allem der jungen Generation - bei der die Einschnitte in die gesetzlichen Renten am gravierendsten sind - die Augen öffnen: Für die größer werdende Rentenlücke und die Notwendigkeit, mit zusätzlicher Eigenvorsorge und Riester-Rente etwas dagegen zu tun.

Im Grunde ist das nichts anderes als eine staatlich verordnete riesige Werbekampagne, doch sie bringt auch einen Haufen Arbeit mit sich. 160.000 bis 180.000 Briefe müssen dann Thiemanns Einschätzung zufolge täglich auf den Weg gebracht werden. Wie viele der Empfänger dann mit Nachfragen - etwa zu Beitragslücken im Versicherungsverlauf - vorstellig werden, weiß niemand.

Um sich auf die Werbeschlacht einzurichten, haben die Rentenversicherer eine Pilotphase vorgesehen. Am 1. Juni, also in knapp zwei Monaten, soll sie beginnen. 25.000 Briefe will die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) anfangs pro Tag verschicken, und zwar zunächst an die Versicherten des Jahrgangs 1975. Riester war an die Rentenversicherer mit der Bitte herangetreten, "in den ersten Monaten der Pilotphase den Versand der Renteninformationen auf jüngere Jahrgänge zu konzentrieren". Die Älteren sollten später an die Reihe kommen. Daraus wurde im beginnenden Wahlkampf sofort ein Politikum.

Ursprünglich hatten die Rentenversicherer kein einheitliches Vorgehen verabredet: Denkbar war also, dass die einen Landesversicherungsanstalten die Adressaten ihrer Post nach dem Alphabet aussuchen, die anderen mit den jungen Jahrgängen beginnen und wieder andere Versicherungsanstalten sich an die rentennahen Altersgruppen halten.

Kritiker sehen in der Riester-Intervention den Versuch einer Wahlbeeinflussung. "Grund ist, dass bei älteren Jahrgängen wegen eventuell zu gering ermittelter Rentenbeträge eine Auswirkung auf das Wahlverhalten nicht ausgeschlossen werden kann", zitierte die "Süddeutsche Zeitung" aus einem Schreiben des VDR-Rechenzentrums Würzburg. Sprecherin Thiemann beteuert allerdings, dass der VDR sich nicht in die politische Diskussion einmischen wolle. Von dem Brief wisse sie nichts.