Rentenlücke: Nur Beamte ohne Sorgen - DER SPIEGEL
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Rentenlücke Nur Beamte ohne Sorgen

Wir sparen zu wenig für das Alter, lautet die Botschaft einer Studie der Fondsgesellschaft Fidelity. Nichts Neues möchte man meinen - doch die neuartige Erhebung erntet gleich massive Kritik. Der Vorwurf: Angstmacherei.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Zu spät, zu wenig, kaum renditeorientiert oder im schlimmsten Fall gar nicht - bei der Altersvorsorge stellen Studien den Deutschen durch die Bank weg ein schwaches Zeugnis aus. Das Kernergebnis solcher in Mode gekommenen Erhebungen ist immer gleich: Gemessen an der Höhe der zu erwartenden gesetzlichen Altersbezüge klafft am Ende eine bedrohliche "Rentenlücke". Diese Schreckensbelege zur finanziellen Unterversorgung im Alter nutzt die Finanzwirtschaft als Auftraggeber solcher Umfragen gern als Marketing-Vehikel.

Jetzt hat mit Fidelity eine der weltweit führenden und vielfach ausgezeichneten Fondsgesellschaften in einer repräsentativen Umfrage die Anlagestrategie von rund 2000 Erwerbstätigen abgefragt. Das Ergebnis ist erneut ernüchternd: Mit Rentenbeginn werden die Deutschen im Schnitt lediglich 56 Prozent ihres letzten Einkommens vor dem Ruhestand erreichen. Die "Rentenlücke" der erwerbstätigen Deutschen beträgt also 44 Prozent.

Den Experten von Fidelity zufolge ist die Studie deshalb bemerkenswert, weil sie sich in einen Punkt von der Standardware unterscheidet. Man habe nicht nur die geschätzten gesetzlichen Altersbezüge, sondern auch alle anderen möglichen Einnahmequellen wie Privat- und Betriebsrenten oder erwartete Erbschaften mit in die Bewertung einbezogen, sagen die Autoren. Heraus kam dabei eine Art umfassender Renten- und Alterssicherungsindex.

"Zwar sorgen inzwischen fast alle erwerbstätigen Deutschen zusätzlich für ihr Alter vor. Doch offensichtlich reichen alle bisherigen Bemühungen nicht aus, um den Lebensstandard im Alter auch nur annähernd halten zu können", sagt Klaus Mössle, Leiter des institutionellen Geschäftes von Fidelity International in Deutschland. Die Ergebnisse der Befragung seien "alarmierend", es bestehe "dringender Handlungsbedarf".

Derlei Warnungen lassen sich in praktisch allen Erhebungen zur finanziellen Alterssicherung finden. Auch die aus dem Befund abgeleiteten Forderungen gleichen sich: Mehr aufklären, mehr Wissen vermitteln, mehr Anreize über Steuererleichterungen und stabile Rahmenbedingungen schaffen. Also nichts Neues von der Altersvorsorgefront, möchte man meinen - die übliche Schwarzmalerei eben.

"Fidelity klappert mit dem Sarg"

Doch kaum ist die Fidelity-Studie auf dem Markt, zieht sie zugleich die Aufmerksamkeit und Kritik auf sich. Die Boulevardpresse, im Geschäft mit der Angst bestens vertraut, weidet die Erhebung auf ihre Art aus: "Schock-Studie", "Alarm-Studie", "Vielen droht damit akut Altersarmut!".

Auch die Resonanz in einer angesehenen Finanzzeitung lässt nicht lange auf sich warten - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: "Fidelity klappert mit dem Sarg", so der Kommentar. Will sagen: Man male die Zukunft nur düster genug, und schon läuft der Produktabsatz.

Schließlich meldet sich gar der Deutsche Beamtenbund zu Wort, bezeichnet die Höhe des festgestellten Versorgungsgrads ihrer Klientel im Alter von durchschnittlich 93 Prozent als "absurd hoch gegriffen".

Vorwurf der Angstmacherei zurückgewiesen

Nun könnte man sich im Hause Fidelity über die Resonanz freuen. Und in gewisser Weise tut man das auch, weist aber zum Beispiel den Vorwurf der Angstmacherei zurück. Die Studie ziele mitnichten darauf ab, Angstgefühle weiter zu schüren. Angst könne zwar für erhöhte Aufmerksamkeit sorgen, erweise sich bei der konkreten Altersvorsorgeplanung aber als wenig produktiv. Ziel der Studie sei es, "durch eine objektive Datenbasis eine produktive Vorsorgediskussion zu fördern" und allen Beteiligten "eine verlässliche Handlungsgrundlage zur Verfügung zu stellen".

Zu dem impliziten Vorwurf, man wolle mit möglichst erschreckenden Zahlen den Produktabsatz ankurbeln sagt Fidelity-Sprecher Jörg Allgäuer: "Mit Blick auf unsere Vertriebsstruktur und unsere geringe Größe im deutschen Markt ist doch klar, dass wir aus der Studie kein Geschäft generieren können. Hinter ihr steht ein seriöser Anspruch und nicht der der Geschäftemacherei."

Gleichwohl bleiben Einwände zur Höhe der prognostizierten Rentenlücke. So lässt die Erhebung etwa den steuerlichen Aspekt außen vor: Zum einen sinkt der Steuersatz im Ruhestand und damit die Belastung für ältere Menschen. Zum anderen ist zumindest noch in den kommenden Jahren ein Teil der gesetzlichen Rente von Steuern befreit.

Rentner zahlen zudem keine Beiträge zur gesetzlichen Renten- und Arbeitslosenversicherung. Kosten für private Altersvorsorgeverträge dürften nicht mehr anfallen, weil die Verträge mit Eintritt in das Rentenalter zumeist beendet sind. Und ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor in jüngeren Jahren - die Ausbildung möglicher Kinder - dürfte im Rentenalter auch nicht mehr zu Buche schlagen.

Gesundheitskosten schlicht nicht prognostizierbar

Allgäuer hält die Einwände durchaus für berechtigt. "Zweifelsohne verringern sich die Belastungen im Alter. Das haben wir nicht in der Rechnung drin." Im Gegenzug aber seien steigende Kosten für Pflege und Gesundheit, die für die immer älter werdende Bevölkerung anfielen, ebenfalls nicht berücksichtigt worden. "Diese haben wir bewusst nicht berücksichtigt, weil man sie schlicht nicht sauber prognostizieren kann", sagt Allgäuer

Mit demselben Argument verteidigt der Presse-Mann den ausgeklammerten Steueraspekt, also den Einwand, das Bruttoeinkommen der Erwerbstätigen sei kein geeigneter Maßstab für den Finanzbedarf der Rentner und die "Rentenlücke" damit tatsächlich kleiner. "Am Ende zählt natürlich, was dem Rentner netto bleibt. Aber das zugrunde gelegte Bruttoeinkommen ist nach unserer Überzeugung der einzig seriöse Maßstab." Man könne eine Nettobelastung der Bürger nicht seriöserweise über Jahrzehnte hinweg vorhersagen. So eine Prognose sei selbst für wenige Jahre mit größten Risiken behaftet, wie der jüngste Streit um eine künftig stärkere Steuer- und Abgabenbelastung der Bürger zeigt, so der Fidelity-Sprecher.

Alterseinkommen wird viel zu hoch eingeschätzt

Jenseits der Kritik muss man der Studie aber in einem Punkt unbestritten Verdienste attestieren. Sie liefert den Beleg, dass die befragten Erwerbstätigen ihr Versorgungsniveau im Alter viel zu hoch einschätzten. So erwarten die Befragten im statistischen Mittel, dass ihnen im Ruhestand rund 70 Prozent des letzten Einkommens vor Renteneintritt zur Verfügung stehen werden, statt der eingangs erwähnten 56 Prozent.

Der ermittelte Schnitt von etwas mehr als der Hälfte des letzten Einkommens über alle Berufsgruppen hinweg läge sogar noch tiefer, ließe man die komfortable Versorgungslage der Beamten in der Rechnung außer Betracht. Mit durchschnittlich 93 Prozent ihres letzten Einkommens - zusammengesetzt aus Pension und Leistungen aus der privaten Vorsorge - weisen die Staatsdiener den höchsten Versorgungsgrad der Ruheständler in Deutschland auf. "Im Vergleich mit anderen Berufsgruppen sind die Beamten in Deutschland im Schnitt hervorragend versorgt", sagt Fidelity-Sprecher Allgäuer. Ganz im Gegenteil dazu der Selbstständige: Er müsste im Alter mit knapp der Hälfte (44 Prozent) seines letzten Einkommens rechnen.

Die Kritik des Beamtenbundes nimmt Fidelity gelassen. Natürlich könne ein Justizwachtmeister, der lediglich 1700 brutto im Monat verdiene, weniger Geld für das Alter zurücklegen. "Dem lassen sich zahlreiche Gegenbeispiele entgegensetzen, wo der Versorgungsgrad im Alter sogar über 100 Prozent liegt", sagt Allgäuer.

Und überhaupt: In der Flut der Warnungen und Mahnungen sei dies doch auch einmal eine gute Nachricht - jedenfalls für den Beamtenbund.