Rettungsplan: USA feiern ihren Finanzminister Paulson - DER SPIEGEL
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Rettungsplan USA feiern ihren Finanzminister Paulson

Die US-Regierung greift in die Finanzwirtschaft ein und drückt ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungsprogramm durch. Aus der Krise geht ein Mann als Star hervor: Finanzminister Henry Paulson. Doch das Zittern um die Zukunft der Bankenbranche beginnt jetzt erst richtig.
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New York - Er ist der Mann der Stunde. "Newsweek" gönnt ihm diese Woche das Cover: "King Henry." Die "New York Times" nennt ihn plötzlich den "mächtigsten Finanzminister" in der Geschichte der USA. Der Demokrat Barack Obama deutete am Wochenende an, er würde ihm möglicherweise im Amt behalten, falls er die Präsidentschaftswahl gewinnt, auch wenn er dann noch den Banken-Rettungsplan der Regierung Bush kritisierte.

Minister Paulson bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus: "Ich hasse, dass wir das tun müssen"

Minister Paulson bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus: "Ich hasse, dass wir das tun müssen"

Foto: AP

Am Sonntag jedoch, nach etlichen schlaflosen Nächten, bot Henry Paulson ein Bild des Jammers. Müde tingelte er durch die Polit-Talkshows, um der Nation die größte Staatsintervention seit der Depression als letzte, beste Hoffnung der US-Marktwirtschaft zu verkaufen - ein milliardenschweres Rettungspaket, mit dem "das amerikanische Modell des Kapitalismus gestorben ist", so Fareed Zakaria, der Chefredakteur von "Newsweek International".

Einem Marktwirtschaftler wie Paulson könnte das kaum stärker gegen den Strich gehen. "Ich hasse, dass wir das tun müssen, aber es ist besser als die Alternative", sagte er hörbar heiser im ABC-Frühschoppen "This Week". "Dies ist eine demütigende, demütigende Zeit für die Vereinigten Staaten von Amerika." Denn das Schlimmste ist kaum vorbei - das zeigte sich auch mit dem jüngsten Schock: Die beiden letzten großen US-Investmentbanken, Goldman Sachs   und Morgan Stanley  , werden in gewöhnliche Bank-Holdings umgewandelt - und stellen sich damit freiwillig voll unter staatliche Aufsicht. "Die Wall Street, wie man sie lange kannte", trauert das "Wall Street Journal", "hat aufgehört zu existieren." Und keiner weiß, wie die US-Börsen am Montag darauf reagieren werden. Die Börsen in Tokio, Shanghai und Hongkong jedenfalls legten kräftig zu.

Und so hat eine lange Zitterpartie begonnen, deren Ausgang unklar ist. Die US-Regierung muss die auf mindestens 700 Milliarden Dollar bezifferte Auffangaktion zunächst nicht nur durch einen Kongress bringen, der mitten im bitteren Wahlkampf steckt und nur noch bis Ende der Woche tagt. Sondern sie muss sie auch einer nervösen Wall Street schmackhaft machen, außerdem den US-Bürgern und den globalen Märkten.

Beide Parteien, die Republikaner wie die Demokraten, haben grundsätzliche Zustimmung signalisiert. "Die Demokraten werden mit der Regierung zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass unsere Reaktion auf die Ereignisse in den Finanzmärkten rasch ist", sagte Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses.

Trotzdem bleiben viele Fragen offen: Wie teuer wird das alles wirklich? Wer wird die Rechnung am Ende tragen, wenn nicht der Steuerzahler? Wer hat Schuld an dem Schlamassel? Wird die Debatte zum Wahlkampfthema? Und: Wird dieser historisch einmalige Kraftakt überhaupt funktionieren?

Wie viel wird es kosten?

Diese Frage können selbst Experten nicht beantworten. Allein von Freitag auf Sonntag wuchs die Summe, die die US-Regierung für den Aufkauf maroder Bankkredite avisiert hat, von 500 auf 700 Milliarden Dollar. Das entspricht in etwa den laufenden Kosten des Irak-Kriegs - eine Belastung, die das bisherige Haushaltsdefizit mehr als verdoppeln würde.

Der aktuelle Gesamtwert der vergifteten Hypothekenschulden, die die US-Regierung nun übernehmen will, ist ebenso ungewiss wie ihr künftiger Wert oder überhaupt die Zahl der anspruchsberechtigten Banken. "Man könnte ebenso das Wetter für Dienstag in drei Jahren vorhersagen", findet die "New York Times".

Wer soll das bezahlen?

Auf den ersten Blick: die Steuerzahler. "Die Amerikaner werden kurzfristig erleichtert sein", schreibt das "Wall Street Journal". "Aber ihr Ärger wird in den kommenden Tagen wachsen, wenn sie herausfinden, wie hoch das Risiko ist, das sie tragen müssen." Schon forderten die Demokraten im Kongress deshalb gestern parallele Zugeständnisse an die unter der Finanzmisere und der Konjunkturkrise am meisten leidenden Mittelklasse-Amerikaner.

"Es darf keinen Blankoscheck geben", sagte Obama in North Carolina. Pelosi forderte, das Rettungspaket um "ein wirtschaftliches Genesungsprogramm" zu ergänzen, "das Arbeitsplätze schafft und unsere Konjunktur ankurbelt". Und Barney Frank, der Vorsitzende des Finanzkomitees im Unterhaus, will die Abfindungen für die betroffenen Firmenchefs - die "goldenen Fallschirme" - beschränken.

Schon gibt es Widerstand. "Bemühungen, diese Krise als politisches Druckmittel oder parteiliches Quidproquo auszubeuten, wird die wirtschaftliche Stabilität nur verzögern, die Familien, Senioren und Kleinbetriebe verdienen", warnte John Boehner, der republikanische Minderheitenführer.

Auch wurden erste Rufe laut, das Ausland mit in die Pflicht zu nehmen. "Dies ist eine globale Krise", sagte Obama. "Die USA müssen darauf bestehen, dass sich andere Staaten uns anschließen, um die Finanzmärkte abzusichern." Paulson deutete im Gegenzug an, das Hilfspaket auch Auslandsbanken mit US-Dependancen anzubieten: Es sei ihm unwichtig, "wem die Finanzinstitution gehört".

Wer hat Schuld?

"Es wird noch reichlich Gelegenheit geben, die Ursprünge dieses Problems zu debattieren", wiegelte Präsident George W. Bush alle Fragen nach der Verantwortung für die schlimmste US-Finanzkrise in 70 Jahren am Freitag ab. Trotzdem hat die Diskussion natürlich längst begonnen.

Die einen machen die Notenbank haftbar, die jahrelang billiges Geld in die Branche gepumpt und den Hypothekenmarkt angeheizt hat. Andere verweisen auf die Deregulierungspolitik der Republikaner, dank der sich die Wall Street nahezu unbeaufsichtigt verspekulieren konnte.

"Die Regierung ist nicht die Lösung unseres Problems", hatte Ronald Reagan 1981 in seiner ersten Antrittsrede postuliert. "Die Regierung ist das Problem." Dieses Dogma - das auch Henry Paulson noch im letzten Jahr flammend hochhielt - ist seit voriger Woche passé.

Wird die Debatte zum Wahlkampfthema?

Die Wall-Street-Krise hat den Wahlkampf über Nacht umgekrempelt. Beide Kandidaten zanken sich laut um die Schuldfrage - und darum, wer die besten Lösungsvorschläge bieten kann.

Der Republikaner John McCain machte erst die "Gier" der Wall Street verantwortlich, dann reiche Vorstandschefs, dann den Chef der Börsenaufsicht SEC, Christopher Cox, dessen Kopf er forderte, und schließlich seinen Rivalen Obama. Der wiederum zog McCain zur Rechenschaft, der als Teil der Bush-Regierung nachweislich lange ein Verfechter von Marktderegulierung gewesen ist - bis jetzt, als er seinen Kurs angesichts der Krise änderte.

Wird der Rettungsplan überhaupt funktionieren?

Selbst die besten Kaffeesatzleser der Wall Street sehen sich da überfordert. Am Sonntag war zwar viel von "Hoffnung" zu hören, doch wenig von Gewissheit. Auf vielen Wirtschaftsblogs wimmelte es stattdessen weiter von Zweifeln und Kritik. Am schlimmsten schimpfte William Greider auf der Website des linksliberalen Wochenblatts "Nation", der das Milliardenpaket einen "historischen Schwindel" nannte.

"Weitere düstere Tage liegen vor uns", orakelte aber auch das renommierte Magazin "Forbes". "Die Banken stehen weiter vor wachsenden Verlusten, und dieses neue Gebilde wird nicht schnell genug in Gang kommen, um weitere Abschreibungen zu verhindern." Auch der Ökonom Alan Blinder, der Ex-Vizechef der Fed, ist skeptisch: "Es kann sein, dass dies noch nicht vorbei ist", sagte er der "New York Times". Ähnlich Kolumnist David Leonhardt: "Es war eine lange Zeit des Exzesses, und der Kater könnte ebenso lang dauern."

Eine der unverhohlensten Aussagen kam von den Ökonomen der Wall-Street-Pleitebank Lehman Brothers  . "Diese Episode der finanziellen Krise scheint viel tiefer und viel ernster zu sein, als wir und die meisten Beobachter es gedacht haben", schrieben sie am Freitag in einem Kundenmemo. "Und es ist auf keinen Fall klar, dass sie vorbei ist."

Es war das allerletzte Memo, das Lehman Brothers vor seinem Konkurs verschickte.