LUFTFAHRT Revolution am Himmel
Wer vom exklusiven Terminal C des Kölner Flughafens zu europäischen Metropolen wie Rom, Madrid, Zürich oder London startet, fühlt sich neuerdings fast wie ein VIP-Passagier. Lange Warteschlangen vor den Check-in-Schaltern oder der Sicherheitskontrolle gibt es nicht. Auch an Bord der Airbus-Jets vom Typ A 319 ist alles vom Feinsten.
Die grauen Ledersitze verströmen dezente Gediegenheit. Wer will, kann zu fairen Preisen einen Cappuccino oder ein Sandwich der Lufthansa-Tochter LSG-Sky-Chefs erstehen. Vor der - fast immer pünktlichen - Landung verteilen die freundlichen Stewardessen Schokoladentäfelchen. So werden bei traditionellen Linienfluggesellschaften sonst nur Business-Passagiere verwöhnt.
Was auf den ersten Blick wie ein maßgeschneidertes Angebot für gestresste Geschäftsreisende anmutet, ist bei dem Lufthansa-Ableger Germanwings schon ab 19 Euro buchbar - und die Antwort des Marktführers auf die wachsende Konkurrenz durch immer neue Billigkonkurrenten. Seit der irische Preisbrecher Ryanair vor gut drei Jahren die Startbasis Hahn im Hunsrück für seine Schnäppchentrips auswählte, tobt am deutschen Himmel eine Verdrängungsschlacht, die das Fliegen ähnlich revolutionieren dürfte wie einst die Erfindung der Pauschalreise durch Josef Neckermann.
Wer frühzeitig bucht, kann bei Aldi-Airlines wie Easyjet, der Deutschen BA (DBA) oder der neuen TUI-Tochter Hapag-Lloyd-Express schon ab neun Euro abheben - Steuern und Gebühren inklusive. Die Lockvogelangebote lohnen sich für die Anbieter trotzdem, weil die nur einen Teil der Sitze so billig verhökern und die übrigen Plätze kurz vor Abflug deutlich teurer verkaufen. Selbst etablierte Chartercarrier wie Air Berlin wollen an dem Billig-Boom teilhaben und steuern neuerdings im Shuttle-Verkehr europäische Großstädte an.
Lange Zeit sah es so aus, als hätten sich der irische Marktführer Ryanair und sein britischer Erzrivale Easyjet, der 2003 die DBA übernehmen will, die Lufthoheit über Deutschland gesichert. Doch nun gehen mit der Lufthansa und der TUI erstmals zwei Schwergewichte an den Start, die den Höhenflug der Eindringlinge stoppen wollen. Scheitert der Gegenangriff der Konzerne, riskieren Lufthansa-Chef Jürgen Weber und sein TUI-Kollege Michael Frenzel nicht nur ihre Rendite, sondern auch ihren guten Ruf.
Monatelang arbeiteten enge Vertraute der Firmenchefs in Frankfurt und Hannover an Strecken- und Flugplänen für die neuen Billiglinien. Die besseren Experten hat offenbar die Lufthansa, wie das Angebot ihrer Konzerntochter Eurowings zeigt, die den neuen Aldi-Ableger seit Anfang vergangener Woche betreibt. Während die Lufthansa-Enkelin Germanwings für Touristen und Geschäftsreisende gleichermaßen attraktive Ziele wie Rom, Madrid, Zürich oder Wien bedient, und das häufig sogar mehrmals pro Tag, verkehren Frenzels Flieger überwiegend zu abgelegeneren Destinationen wie Bergamo, Pisa oder Neapel, wo sich zum Teil schon andere Low-cost-Carrier breit gemacht haben - eine Todsünde im knapp kalkulierten Geschäft mit Schnäppchentrips. Dabei hatte der TUI-Chef noch Ende August versprochen, ähnlich verlockende Ziele anzubieten wie der Lufthansa-Preisbrecher.
Statt der angekündigten acht Maschinen schickt die TUI-Truppe ab Dezember zunächst nur vier Jets ins Rennen. Die Lufthansa setzt dagegen sechs Airbusse ein und will demnächst zusätzliche Flieger an die Startrampe schieben. Ziehen die Buchungen weiter an, ist das auch dringend nötig. »Mittlerweile sind über 180 000 Tickets verkauft«, frohlockt Germanwings-Geschäftsführer Joachim Klein.
Nun rächt sich, dass die TUI-Manager den Start ihrer neuen Billig-Airline viel zu lange hinausschoben und mit Köln/Bonn noch dazu denselben Startflughafen wählten wie ihr Hauptwettbewerber Lufthansa. Um die Maschinen besser auszulasten, wollen die TUI-Manager in ihrer Not ab Dezember auch mehrmals pro Tag innerdeutsche Ziele wie Berlin oder Hamburg anfliegen - und machen nach Einschätzung von Branchenkennern damit erneut einen gravierenden Fehler. Demnächst wird die Strecke Köln-Berlin von Aldi-Carriern mehr als ein Dutzend Mal pro Tag bedient. »Das gibt ein gigantisches Blutbad«, prophezeit ein enger Berater des Lufthansa-Chefs.
Bitter bereuen könnten Frenzel und seine Mannen auch ihre Entscheidung, die Lufthansa demnächst auf ihrer Monopolstrecke von Köln nach Hamburg anzugreifen. Sollten die TUI-Manager ihre Ankündigung wahr machen, wollen Webers Netzplaner eigene Billigflieger in den Abwehrkampf schicken.
Gegenwärtig reißen die Lufthanseaten zudem bei einem Teil ihrer Jets die Bordküche heraus, um zusätzliche Sitze einzubauen und innerdeutsche Angreifer mit eigenen Super-Schnäppchenangeboten auszubremsen. Dann können sie sogar ihren bislang günstigsten Rückflugtarif noch unterbieten. Der kostet gerade mal 88 Euro. DINAH DECKSTEIN