Rezessionsfolgen Industrie baut massenweise Jobs ab
Berlin - Besorgniserregende Zahlen aus der deutschen Industrie: Die Flaute des Frühjahrs, die zunächst durch volle Auftragsbücher abgefedert werden konnte, schlägt nun voll auf die Branche durch. Folge: der stärkste Stellenabbau seit sechseinhalb Jahren.
Arbeiter in Edelstahlgießerei: Heftigste Auftragseinbrüche der Nachkriegszeit im Frühjahr
Foto: A3250 Oliver Berg/ dpaEnde Juni zählten die Betriebe des verarbeitenden Gewerbes knapp 5,1 Millionen Beschäftigte. Das waren drei Prozent oder 154.900 weniger als vor einem Jahr, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. "Im Dezember 2002 war die Beschäftigtenzahl zuletzt mit minus 3,2 Prozent noch etwas stärker gesunken", hieß es.
Die exportabhängige Industrie hatte zu Jahresbeginn wegen der weltweiten Rezession die heftigsten Auftragseinbrüche der Nachkriegszeit hinnehmen müssen. Erst in jüngster Zeit zog die Nachfrage wieder leicht an.
Gleichzeitig sank die Zahl der offenen Stellen deutlich um 255.000 auf rund 900.000. Lediglich der Osten Deutschlands verzeichnete hier einen kleinen Zuwachs, weil die Industrie dort weniger exportabhängig ist.
Den stärksten Stellenabbau gab es bei den Herstellern von Gummi- und Kunststoffwaren sowie Metallerzeugnissen mit jeweils 4,2 Prozent. Die Autoindustrie baute 3,9 Prozent der Arbeitsplätze ab, die Maschinenbauer 1,9 Prozent. Die Nahrungs- und Futtermittelindustrie stockte ihre Belegschaft gegen den Trend um 1,6 Prozent auf.
2010 wieder fünf Millionen Arbeitslose?
Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden sank um 12,6 Prozent auf 607 Millionen. Allerdings gab es wegen Fronleichnam in diesem Juni in einigen Bundesländern einen Arbeitstag weniger als vor einem Jahr. Die Bruttolöhne und -gehälter verringerten sich um 6,4 Prozent auf 18,0 Milliarden Euro. In der Statistik werden nur Betriebe mit mindestens 50 Beschäftigten berücksichtigt.
Insgesamt ist die Zahl der Arbeitslosen seit Beginn des Jahres um rund 500.000 auf 3,5 Millionen gestiegen. Viele Jobs konnten nur durch den Einsatz von Kurzarbeit erhalten werden. Dieses Instrument dürfte nach Überzeugung von Experten allerdings spätestens im Winter seine Wirksamkeit verlieren. Pessimistische Prognosen fürchten, dass Ende 2010 wieder knapp fünf Millionen Menschen arbeitslos sein könnten, wenn es schlecht läuft.
Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes haben jedoch vereinzelt Hoffnungen geweckt, dass die Entwicklung glimpflicher verläuft. Danach ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2009 um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gewachsen - das erste Mal nach vier Minus-Quartalen in Folge.
"So schnell nicht zu alter Stärke zurück"
Konjunkturexperten versuchen allerdings, allzu großen Optimismus zu dämpfen: Nach Meinung des Chefs des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, ist lediglich der steile Absturz der Wirtschaft damit gestoppt, die weltweite Krise aber noch keineswegs überstanden. Es gebe auch keine Anzeichen für einen neuen, nachhaltigen Aufschwung, sagte er der "Bild"-Zeitung. "Die deutsche Wirtschaft wird so schnell nicht zu alter Stärke und den alten Wachstumsraten zurückfinden", erklärte Snower.
Skeptisch äußerten sich auch der Vorsitzende des Sachverständigenrats der Bundesregierung, Wolfgang Franz, gegenüber der Zeitung: "Wir sind mit dem Fahrstuhl im Keller angekommen, jetzt geht es mit der Rolltreppe ganz langsam nach oben." Die Rezession sei aber noch nicht überstanden. Es werde keine stürmische Aufwärtsbewegung der deutschen Wirtschaft geben, weil ein Anspringen der Weltkonjunktur nicht zu erkennen sei. Der Wirtschaftsweise warnte: "Wir werden dieses Jahr ein Minus-Wachstum von 5,5 Prozent haben. Das hat schlimme Folgen für den Arbeitsmarkt: Zur Jahreswende wird die Vier-Millionen-Marke gerissen, 2010 bleiben wir aber unter fünf Millionen."
Auch Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sieht noch keine Ende der Krise: "Wir bewegen uns aus dem Tal nur mit kleinen Schritten heraus. Der Mini-Aufschwung ist geborgt mit staatlichen Programmen wie der Abwrackprämie, die alle auslaufen." Es sei zu früh, von einer Erholung zu sprechen.