Rezessionspanik: US-Konjunktur fordert Weltwirtschaft heraus - DER SPIEGEL
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Rezessionspanik US-Konjunktur fordert Weltwirtschaft heraus

USA und Japan reißen die Weltwirtschaft in die Rezession - das ist die drastische Warnung der Investmentbank Goldman Sachs. Aber nicht alle Experten teilen die Panik: Sie vertrauen auf die Stärke der Wirtschaft abseits der USA.
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Hamburg - Nur noch 0,8 Prozent Wachstum in den USA, gerade mal ein Prozent Wachstum in Japan: Glaubt man der renommierten US-Investmentbank Goldman Sachs, dann steht es nicht gut um die wirtschaftliche Entwicklung der beiden weltgrößten Volkswirtschaften. Mit geballtem Pessimismus hatten die Konjunkturexperten der Bank erst gestern der US-Wirtschaft die Rezession prophezeit, um heute dann noch mal nachzulegen: Auch in Japan liege die Wahrscheinlichkeit von zwei Quartalen mit schrumpfender Wirtschaftsleistung bei immerhin 50 Prozent.

Tatsächlich ist das, was die Goldman-Sachs-Ökonomen jetzt in so drastischer Weise formulieren, seit Wochen das beherrschende Gesprächsthema an den globalen Finanzmärkten. Denn die Immobilienkrise des vergangenen Sommers hat nicht nur die internationalen Finanzmärkte völlig durcheinandergewirbelt und Großbanken und Investmentsfonds Verluste in Milliardenhöhe eingebracht. Vor allem hat sie Hunderttausende um ihre Ersparnisse gebracht.

Das aber trifft vor allem die US-Wirtschaft hart, denn kaum eine Volkswirtschaft ist so abhängig vom Konsum wie sie: Mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entfallen auf den privaten Konsum - in Deutschland sind das unter 60 Prozent. Doch das wird jetzt schwierig: "Der US-Verbraucher ist nicht in der Lage, die Wirtschaft nach vorne zu bringen", konstatierte denn heute auch der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers. Und warnte deshalb ebenfalls vor einer Rezession in den USA und weltweit: "Ich gehe stark davon aus, dass sich die US- und die Weltwirtschaft an einem Wendepunkt befinden und ein höheres Risiko als je zuvor in diesem Jahrhundert haben, in eine Rezession zu rutschen", sagte er.

"Sinkt die Kaufkraft der USA, schwächt das auch China"

Nicht alle aber teilen den "extremen Pessimismus", den Goldman Sachs verbreitet. Stefan Schneider von DB Research, dem Think Tank der Deutschen Bank: "Die Einkommenssituation in den USA ist immer noch relativ stabil, es gibt wenig Anzeichen, dass die Sparquote abrupt steigen wird." Darüber hinaus plane die Regierung, mit Steuersenkungen gegenzusteuern. Insgesamt seien bis jetzt noch keine größeren Veränderungen beim Konsumverhalten auszumachen.

Dass das Wohl und Wehe der Weltwirtschaft trotz hoher Wachstumsraten etwa von China und Russland nach wie vor von den USA beeinflusst werden, bestreitet er allerdings nicht. "Natürlich haben sich die Gewichte innerhalb der Weltwirtschaft ein wenig verlagert, aber das Wachstum der Schwellenländer ist auch durch die Nachfrage der USA getrieben." Das heißt: Sinkt dort die Kaufkraft, schwächt das auch das Wirtschaftswachstum in China oder anderen asiatischen Ländern.

Wirtschaftsprognose der Uno: Schwaches, aber robustes Wachstum

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Von einer weltweiten Rezession geht Schneider aber auch deshalb nicht aus, weil der "Korrekturbedarf" lange nicht so hoch sei wie etwa in den Jahren 2000/2001. "Damals haben zum einen die Konsumenten extrem viel Geld ausgegeben, weil sie dachten, die Gewinne an der Börse sind unendlich." Zum anderen hätten die Unternehmen auch dann noch sehr aggressiv investiert, als die Gewinne schon lange nicht mehr absehbar waren. "Diese Exzesse haben wir heute nicht. Die US-Wirtschaft wird also straucheln, aber nicht fallen, und damit ist auch eine weltweite Rezession unwahrscheinlich."

"Die Rezession kann abgewendet werden - wenn auch knapp"

Eine Einschätzung, die auch die Schweizer Großbank UBS teilt. In ihrer vor einer knappen Woche veröffentlichten Prognose für die USA heißt es: "Wir erwarten immer noch, dass die Rezession abgewendet werden kann, wenn auch nur knapp." Zwar sei die Zahl der Arbeitslosen im Dezember auf fünf Prozent gestiegen und auch der Geschäftsklima-Index ISM von 54,1 auf 53,9 Punkte gefallen. Das aber seien noch keine Anzeichen für eine Rezession. Es mache nur klar, dass weitere Unterstützung durch die Notenbanken nötig sei.

"Dass die erste Jahreshälfte in den USA schwierig wird, haben wir immer schon prognostiziert", sagt auch Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). "Es gibt mehrere Brandherde mit hohen Risiken für die Konjunktur." Im Gegensatz zu Goldman Sachs geht er aber von einer Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts für die USA von gut zwei Prozent in 2008 aus: "Die grundlegenden strukturellen Kräfte der US- und der Weltwirtschaft sind stark genug, um nicht in eine weltweite Rezession zu schlittern."

Denn mittlerweile seien die USA nicht mehr so "extrem dominant" wie noch vor 20 bis 25 Jahren. "Die Weltwirtschaft ruht heute auf mehreren Schultern, so dass eine Konjunkturabschwächung in den USA sie zwar bremst, aber nicht abstürzen lässt", sagt Straubhaar. Und dass Japan in diesem Jahr langsamer wachse, sei ja "nichts Neues", sondern in der ersten Hälfte des Jahrzehnts durchaus schon vorgekommen.

Glücklicher Zufall: Wahljahr in den USA

"Die interregionalen Beziehungen sind in den vergangen Jahren deutlich stärker geworden", sagt auch Christian Dreger, Konjunkturexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. So sei der Handel innerhalb der Eurozone um ein Vierfaches gewachsen, während sich der Handel der Europäer mit den USA nur etwas weniger als verdoppelt habe. Auch der Handel im innerasiatischen Raum sei stark gewachsen.

Wachstumsprognose der OECD *

USA Japan Eurozone gesamte OECD
erstes Quartal 2008 1,1 1,5 1,8 1,9
zweites Quartal 2008 1,5 1,6 1,9 2,0
drittes Quartal 2008 1,8 1,7 2,0 2,2
viertes Quartal 2008 1,9 1,8 2,0 2,3
erstes Quartal 2009 2,2 1,8 2,0 2,5
zweites Quartal 2009 2,5 1,9 2,0 2,6
drittes Quartal 2009 2,7 1,9 2,0 2,7
viertes Quartal 2009 2,8 1,9 2,0 2,7
* Veränderung des Bruttoinlandsprodukts in Prozent, Stand: Dez. 2007
Quelle: OECD

Hinzu komme, dass eine Abschwächung der US-Konjunktur und die damit abnehmendem Importe auch positive Folgen für die Weltwirtschaft hätten: "Das Außenhandelsdefizit, das vor allem zwischen den USA und Asien besteht, könnte sich so verringern", sagt Dreger. Gleichzeitig führe die Abwertung des Dollars dazu, dass US-Exporte begünstigt werden - was der US-Wirtschaft wiederum helfe.

Dazu kommt der "glückliche Zufall", wie HWWI-Chef Straubhaar es nennt, dass sich die USA 2008 in einem Wahljahr befinden: "Zum einen steht dadurch die Wirtschaftspolitik wieder im Vordergrund und die Regierung muss alles dafür tun, die richtigen Signale zu setzen." Zum anderen zeichne sich ja die neue Situation ab, dass erstmals eine Frau oder ein Schwarzer der neue US-Präsident werden könne. "Das wird eine solche Aufbruchsstimmung und einen solchen Modernisierungsschub geben, dass die Wirtschaft davon auf jeden Fall profitieren wird."