Riesenreeder Maersk Das See-Ungetüm wird angriffslustig
Amsterdam - Der dänische Frachtkonzern will 2,3 Milliarden Euro für die Übernahme ausgeben. Das Management von P&O Nedlloyd teilte mit, man unterstütze das von Maersk vorgelegte Gebot. Der Preis entspricht einem Aufschlag von 40,6 Prozent auf den Kurs der P&O-Aktie vom 9. Mai, einen Tag bevor beide Unternehmen ihre Fusionsgespräche bekannt gegeben hatten. Die Nachrichtenagentur dpa zitiert Branchenexperten, die von einem "idiotisch hohen Preis" sprachen.
Maersk brauche mehr Schiffe, um sein Wachstum fortsetzen zu können, teilte das Unternehmen mit. "Es gibt zwei Möglichkeiten, um zu wachsen: organisch oder über Zukäufe", sagte Konzernchef Jess Soederberg der Nachrichtenagentur Reuters. "Mit dem gegenwärtigen Engpass bei den Schiffskapazitäten wären wir nicht in der Lage, über die nächsten drei oder vier Jahre aus eigener Kraft zu wachsen."
Mit knapp 400 Schiffen bestreitet Maersk derzeit rund zwölf Prozent des weltweiten Containerverkehrs. Durch die Übernahme von P&O Nedlloyd bekommt das dänische Unternehmen 156 Schiffe hinzu. "Ich bin aufrichtig davon überzeugt, dass das Angebot im Interesse unserer Aktionäre wie auch unserer Beschäftigten liegt", sagte P&O-Nedlloyd-Chairman Andrew Land. Beide Unternehmen wollen die Einzelheiten der Übernahmevereinbarung in den kommenden Wochen regeln. Nach Angaben von P&O Nedlloyd werden mit der Verschmelzung der Firmen rund 1500 Arbeitsplätze verloren gehen.
Maersk: Ein großer Gemischtwarenladen
Das niederländische Unternehmen gab einen operativen Gewinn von 74 Millionen Dollar im ersten Quartal dieses Jahres bekannt. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum hatte dieser bei 21 Millionen Dollar gelegen. Der Umsatz stieg um 16 Prozent auf 1,7 Milliarden Dollar. Die Aktien des Unternehmens waren bereits am Dienstag auf ein Allzeithoch geklettert und gewannen am Mittwochvormittag noch einmal mehr als zwölf Prozent auf 56,65 Euro, was in etwa dem von Maersk gebotenen Kaufpreis entspricht. Die Maersk-Papiere wurden in Kopenhagen rund ein Prozent höher gehandelt.
Das dänische Unternehmen, dass auch Erdöl in der Nordsee fördert, eine Supermarktkette betreibt und eine Fluggesellschaft besitzt, wies für das vergangenen Jahr einen Nettogewinn von 3,18 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von annähernd 29 Milliarden Dollar aus.
Container-Boom: Und Dank an die Chinesen
Nach Schätzung des Branchenanalysten Alphaliner werden Maersk und P&O Nedlloyd im Container-Frachtverkehr zusammen auf einen Marktanteil von 17,7 Prozent kommen. P&O-Nedlloyd-Chef Philip Green sagte, er gehe davon aus, dass die Übernahme nicht auf Widerstand der EU-Wettbewerbsbehörde treffen wird. "Wir sehen das sicher nicht als selbstverständlich an, doch wären wir sehr überrascht, wenn die EU irgendwelche Bedenken haben sollte", sagte Green laut der Nachrichtenagentur Reuters.
Vor allem die stark steigenden Exporte aus China haben den Markt für Containertransporte in den vergangenen Jahren boomen lassen. Allein im letzten Jahr wuchs der globale Containerverkehr um mindestens neun Prozent, andere Quellen sehen sogar 12 bis 13 Prozent. Rund die Hälfte des Wachstums ist auf die Verlagerung von Produktion aus Europa und Amerika nach Asien zurückzuführen - der DVD-Player für 50 Euro kommt ebenso aus Korea, China oder Japan wie fast das gesamte Spielzeug, Fernseher, Computer, Kameras, Motorräder und Autos.
Weil die Werften mit dem Neubau von Containerschiffen nicht Schritt halten können, sind die Preise für den Schiffstransport, die Frachtraten, in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die deutsche Reederei Hapag-Lloyd, die weltweit einen Mittelplatz einnimmt, konnte 2004 ihre Preise im Durchschnitt um knapp acht Prozent anheben. Ob diese Entwicklung anhält, ist unter Experten umstritten.
Doch nur eine Blase?
Einerseits arbeiten die Werften weltweit fieberhaft an neuen Containerschiffen. Dadurch drängen neue Frachtkapazitäten in den Markt, was zu sinkenden Frachtraten führen könnte. Andererseits ist kein Ende des Mengenbooms zu sehen. "Wir gehen von einem weiteren Anstieg des Containerverkehrs in den kommenden Jahren aus", sagt Hapag-Lloyd-Chef Michael Behrendt. "Bislang fielen die Prognosen stets zu verhalten aus."
So scheinen auch die Verantwortlichen in der Maersk-Zentrale am Kopenhagener Hafen zu denken. Obwohl der Preis hoch ist - die Konzernmutter A.P. Møller kann ihn durch einen simplen Griff in die stillen Reserven von derzeit 15 Milliarden Euro finanzieren.
Das zuständige Vorstandsmitglied Eivind Kolding schwärmte im Rundfunk von den "enormen Synergieeffekten" durch das Zusammengehen mit P&O, sprach aber auch vom "notwendigen Konsolidierungsprozess in einer sehr unruhigen Branche". Damit meinte er wohl auch eigene Sorgen, dass Maersk von angriffslustigen Konkurrenten aus China und anderen asiatischen Ländern bei der Übernahme in den Niederlanden ausgestochen und insgesamt überholt werden könnte. Nun aber steuern die Dänen nach der Steigerung ihres Weltmarktanteils von 12 auf 18 Prozess das nächste Ziel an: Jeder fünfte Container auf den Weltmeeren soll von Maersk befördert werden.