Rio-Tinto-Affäre: China setzt auf Manager-Mobbing - DER SPIEGEL
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Rio-Tinto-Affäre China setzt auf Manager-Mobbing

In der Rezession hoffen viele westliche Länder auf den Boom-Markt China. Doch die Geschäfte in der Volksrepublik sind riskant - das beweist die Festnahme von Managern des Erzgiganten Rio Tinto. Der Fall zeigt, mit welch rabiater Praxis das Riesenreich seine wirtschaftlichen Interessen durchsetzt.
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Shanghai - Wer mit China Geschäfte macht, lebt manchmal gefährlich. Das erfuhr dieser Tage Stern Hu, der Staathalter des australischen Rohstoffkonzerns Rio Tinto in Shanghai. Unter dem Verdacht, Staatsgeheimnisse ausspioniert zu haben, wurden der australische Staatsbürger und drei örtliche Mitarbeiter festgenommen.

Rio-Tinto-Büro in Shanghai: Sorge unter westlichen Geschäftsleuten

Rio-Tinto-Büro in Shanghai: Sorge unter westlichen Geschäftsleuten

Foto: ALY SONG/ REUTERS

Rio Tinto ist indes ein Fall, der nicht nur eine einzelne Firma betrifft. Vielmehr erhellt das Vorgehen der Chinesen die großen Risiken, mit denen westliche Unternehmen in China neuerdings verstärkt zu rechnen haben.

Denn die Verhaftung des gebürtigen Chinesen Hu schockiert nicht nur westliche Geschäftsleute in China. Auch weltweit horchen Konzernchefs auf: Denn die chinesische Obrigkeit greift zu einem Zeitpunkt zu, der den Verdacht weckt, sie handele weniger aus juristischen denn aus ökonomischen Motiven.

Der Festgenommene war Chefunterhändler von Rio Tinto in China, seit Wochen feilschte er mit chinesischen Stahlherstellern über den Preis von Eisenerz - jenes Rohstoffs, der Chinas Wirtschaftswunder befeuert und den die Volksrepublik großenteils importieren muss. Eigentlich sollten die Verhandlungen Ende Juni abgeschlossen sein, doch sie zogen sich hin, weil China einen niedrigeren Preis verlangte.

Zugleich spielte Rio Tinto aber auch eine höchst symbolische Rolle in den ehrgeizigen Expansionsplänen, mit denen Peking sich derzeit weltweit in Rohstoff- und Hightech-Konzerne einzukaufen versucht: Unlängst lehnten die Australier das Ansinnen des staatlichen chinesischen Rohstoff-Riesens Chinalco ab, für 19,5 Milliarden Dollar zusätzliche Anteile an Rio Tinto zu übernehmen - und den chinesischen Abnehmern so verstärkten Einfluss auf ihren Lieferanten zu sichern.

Die Abfuhr durch Rio Tinto erfolgte nach heftiger politischer Debatte in Australien - Patrioten befürchteten dort den Ausverkauf ihrer Bergwerke an das rohstoffhungrige China. Die chinesischen Staatskapitalisten sahen sich indes durch die australische Absage tief gedemütigt.

Politisierung wäre "schädlich für Australien"

Zwar weist Peking nun den Verdacht weit von sich, es wolle mit den Festnahmen Druck auf Rio Tinto ausüben und sich gar für das Platzen des Aktien-Deals rächen: Der Fall dürfe nicht politisiert werden, sagt ein Sprecher des Außenministeriums - und warnt zugleich, dies wäre auch "schädlich für Australien".

Gleichwohl löst die Affäre bei westlichen Managern in China ungute Gefühle aus - es sind Ängste, die viele aus eigener Erfahrung im Reich der Mitte kennen: Denn darüber, was an den Vorwürfen gegen den australischen Manager tatsächlich dran ist, befindet letztlich die Kommunistische Partei - ihr untersteht die Gerichtsbarkeit der Volksrepublik.

Als Handhabe gegen die Festgenommenen dient den Behörden offenbar ein Gesetz, das den Verrat von Staatsgeheimnissen unter Strafe stellt. In China, wo der Staat die wichtigsten Großkonzerne kontrolliert und Banken praktisch befehlen kann, wem sie wie viel Kredite vergeben sollen, lässt sich aber nahezu alles mögliche als "Staatsgeheimnis" definieren - von Produktionsplänen über das Ausmaß der Umweltverschmutzung bis zu privaten Vergnügungen von Konzernlenkern.

Umgekehrt sind die Chinesen allerdings wenig zimperlich, wenn es um ausländische Interessen geht. Dass westliche Produkte in China illegal abgekupfert werden oder Hersteller von Staats wegen praktisch gezwungen werden, chinesischen Konkurrenten Technologien zu überlassen, gehört zum Alltagsgeschäft in der Weltfabrik.

Die Allmacht des chinesischen Staats wird von westlichen Firmen meist zähneknirschend hingenommen. Auf dem lukrativen Zukunftsmarkt gilt nach wie vor die olympische Devise: Dabeisein ist alles. Kein westlicher Firmenboss möchte Peking durch vorlaute Kritik verärgern.

Denn der chinesische Staat schlüpft beliebig in wechselnde Rollen - je nach dem, was den Aufstieg der künftigen Supermacht gerade befördert: Geschäftspartner, Konkurrent, Inspektor der Genehmigungsbehörde, Steuerfahnder, Parteisekretär, Internet-Zensor, Polizist, Richter oder gar Gefängniswärter.

Globale Gewichte verschieben sich zugunsten Chinas

Hinzu kommt: Im Zuge der Weltwirtschaftskrise verschieben sich die globalen Gewichte derzeit dramatisch zugunsten der Volksrepublik - einem Land, das dank staatlicher Konjunkturspritzen selbst jetzt noch mit Raten wächst, von denen der Westen nur träumen kann.

Und deshalb sollte es der Welt nicht egal sein, mit welchen Praktiken die Chinesen ihrer heimischen Industrie zum Sieg verhelfen wollen - und zwar verstärkt auch außerhalb ihres eigenen Reiches. In Peking stecken die Industrieplaner zurzeit die nächsten Etappen ihrer großen Einkaufstour ab. Das nötige Kapital haben sie - mit einem Devisenschatz von fast zwei Billionen Dollar schwimmt die Volksrepublik geradezu im Geld.

Beim Staatsfonds CIC denkt man zum Beispiel angeblich darüber nach, bei Autobauern wie Porsche   oder Daimler   einzusteigen. Und Beijing Automotive Industry - ein Unternehmen, das die Pekinger Stadtväter kontrollieren - wirbt um Opel . Mit Hilfe der angeschlagenen GM-Tochter wollen die Chinesen ihre Autoindustrie auf die nächste Hightech-Stufe hieven - am liebsten mit deutschen Staatsbürgschaften.

Natürlich wird die Volksrepublik nicht alle Ambitionen sofort verwirklichen. Aber der chinesische Staat zieht alle Register, die ihm zu Gebote stehen - politisch, ökonomisch und eben juristisch. Darauf zumindest deutet der Fall Rio Tinto hin.

Langfristig könnte die China AG gar die Spielregeln verändern, nach denen weltweit Geschäfte gemacht werden. Denn wer das Geld hat, besitzt die Macht.