Rohstoffe "Es ist genug für alle da"
SPIEGEL ONLINE: Herr Matthies, die Industrie macht sich große Sorgen um die Rohstoffversorgung in Deutschland. Ist die Lage wirklich so dramatisch?
Matthies: Die Besorgnis ist groß, weil die Preise explodiert sind. Eisenerz ist heute dreimal so teuer wie vor fünf Jahren, der Nickelpreis hat sich sogar verzehnfacht. Das heißt aber nicht, dass man sich um die Versorgung Deutschlands Sorgen machen müsste. Die Lieferungen sind genauso sicher wie bisher - nur eben zu einem anderen Preis.
SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Preise so stark gestiegen?
Matthies: Das ist eine Sache von Angebot und Nachfrage. China schaut sich weltweit nach Rohstoffen um, das treibt die Preise. Gleichzeitig gibt es nur wenige Anbieter, und die nutzen die Situation natürlich aus. Bei Eisenerz zum Beispiel gibt es weltweit nur drei oder vier große Unternehmen.
SPIEGEL ONLINE: Rohstoffe sind sehr ungleich über die Welt verteilt. Manche kommen nur in wenigen Ländern vor - und die sind häufig politisch instabil.
Matthies: Ja, das ist aber nicht das entscheidende Problem. Natürlich besitzt der Kongo viele metallische Rohstoffe, aber wir hängen von diesem Land nicht ab. Eisenerz beziehen wir vor allem aus Brasilien, Kupfer aus Chile - da muss man sich keine Sorgen um die politischen Verhältnisse machen.
SPIEGEL ONLINE: Es sind also nicht irgendwelche afrikanischen Diktatoren, die die Weltmärkte durcheinander bringen?
Matthies: Nein. Das Hauptproblem ist die gestiegene Nachfrage. Es gibt genug Rohstoffe in der Erde, man muss sie nur fördern.
SPIEGEL ONLINE: Warum geschieht das nicht in ausreichendem Maß?
Matthies: Die Produzenten haben die Entwicklung verschlafen - und natürlich profitieren sie auch von der Verknappung der Rohstoffe. Demnächst wird das Angebot aber wieder größer. Die Unternehmen investieren momentan in viele Bergbauprojekte.
SPIEGEL ONLINE: Und dann sinken die Preise wieder?
Matthies: Rohstoffe werden nicht mehr so billig wie früher. Wenn aber das Angebot wächst, werden die Preise auch nicht unendlich weiter steigen.
SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Industrie sieht in den hohen Rohstoffpreisen einen Wettbewerbsnachteil. Zu Recht?
Matthies: Das Argument zieht nicht. Rohstoffpreise sind Weltmarktpreise - das Problem haben also alle Industrienationen gleichermaßen. Die Bedeutung der Rohstoffkosten wird ohnehin oft überschätzt. In der Autoindustrie zum Beispiel sind sie bei weitem nicht der entscheidende Faktor.
SPIEGEL ONLINE: Also kein Handlungsbedarf für die Politik?
Matthies: Der Staat muss sich nicht um die Einkaufspolitik der Industrie kümmern, das ist Sache der Unternehmen.
SPIEGEL ONLINE: Die Chinesen sehen das anders. Die Regierung in Peking ist weltweit auf der Suche nach Rohstoffen, zum Beispiel in Afrika.
Matthies: In gewisser Weise ist das ein Nachteil für die deutsche Industrie. Aber was sollen wir tun? Es widerspricht nun mal unserem Marktverständnis, dass sich die Regierung um so etwas kümmert.
SPIEGEL ONLINE: Auch wenn Deutschland im weltweiten Wettlauf um Ressourcen abgehängt wird?
Matthies: China bestimmt zunehmend das Geschehen auf den Weltmärkten. So gesehen ist es richtig, dass wir ein Stück weit an den Rand gedrängt werden. Ich vertraue aber auf die Selbstregulierungskräfte des Marktes. Das Rohstoffangebot wird der gestiegenen Nachfrage folgen. Und dann ist genug für alle da.
Das Interview führte Anselm Waldermann