Konkurse Rostige Reste
Wolfgang Männchen, 52, zuckt zusammen. Die dröhnige Lautsprecherstimme - »Niemand mehr? Niemand mehr?« - schmerzt, die kurzen Schläge des Hammers bereiten ihm Qualen.
Er hat es so gewollt. Männchen will dabeisein, wenn sein Tisch, sein Stuhl, sein Zeichenbrett und seine Kaffeemaschine im Festsaal des Gasthauses »Goldener Löwe« in Freital bei Dresden versteigert werden. 1957 fing der gelernte Maschinenschlosser beim Dresdner Kamerahersteller Pentacon an. Jetzt kauert er in der letzten Stuhlreihe. In der rechten Hand hält er seinen Mopedhelm, in der linken den Versteigerungsprospekt. »Alles ist weg«, sagt er wie zu sich selbst, »alles weg.«
Von Position 1, einer Präzisions-Tischbohrmaschine, bis zur Position 5929, dem Drehdiamanten, ist alles aufgeführt, was vor kurzem noch Männchens Firma war. Am Tag nach der Auktion beginnt die Demontage.
Das Vorzeige-Unternehmen der SED, von den Genossen hoch subventioniert, wurde schon in der Nacht der Währungsumstellung zum Todeskandidaten. Zu kostendeckenden Preisen wurden die Dresdner ihre Kameras bei westdeutschen Händlern wie Photo-Porst und Quelle nicht mehr los.
Ende Januar bauten die Werktätigen die letzten Modelle der Marke Praktica zusammen. Seither sind die Fabrikhallen still und menschenleer. Die Versteigerung von Maschinen und Mobiliar ist der Schlußakt in dem seit Oktober laufenden Liquidationsverfahren.
Auktionator Arnold Troostwijk, ein Holländer, läßt den Hammer aus der Hand rutschen, greift sich fahrig ins lichte Haar. Die Monitore ringsum zeigen die rostigen Überreste von Pentacon. Keiner der rund 70 Versammelten rührt die Hand. »Das ist doch wirklich Wahnsinn«, stöhnt Troostwijk.
Position 67, eine Fräsmaschine aus dem Chemnitzer Fritz-Hecker-Kombinat, will niemand haben. Zumindest nicht für 35 000 Mark, das Mindestgebot.
Der Mann auf der Bühne greift erneut sein Schlagwerkzeug. »Wir probieren es jetzt mit der Hälfte«, ruft er entnervt. Auf der Leuchttafel hinter seinem Rücken flammt in tiefrot die Zahl 15 000 auf.
Das Publikum, wenige sächsische Mittelständler, einige Pentacon-Arbeiter, vor allem Großhändler aus Holland, England und der Schweiz, bleibt stumm. Wolfgang Männchen leidet und drückt den Mopedhelm dichter, noch dichter, an sich heran.
Für 12 000 Mark wird Troostijk die Ost-Fräse endlich los. Er knallt den Hammer auf die Preßspanplatte.
Männchen zuckt zusammen. Bei Pentacon war er zuletzt zuständig für die Bestellung von Drehbänken und Fräsmaschinen. Er kennt die alten Preise, er weiß, wie trickreich das Gerät besorgt wurde. Eine Marktwirtschaft, in der man Maschinen per Handzeichen ordert und nur Schleuderpreise zahlt, empfindet einer wie er als grausam. Und irgendwie auch als unseriös.
Den holländischen Versteigerern blieb die Gemütslage der Pentacon-Leute nicht verborgen. Tagelang fehlten die Schlüssel für Werkshallen und Büros. Inventarlisten waren unvollständig, die Telefone stumm. Die Arbeit des Auktionshauses, das Bewerten der Maschinen, kam nur schwer voran.
»Ich bin der Mann, der den Tod organisiert«, sagt der Deutschland-Chef der Troostwijk-Gruppe, Jacques Hendriksen. Er zuckt die Achseln. »Vielleicht«, meint er, »ist es besser, daß ein Holländer und kein Deutscher diese Arbeit erledigt.«
Das niederländische 750-Mann-Unternehmen ist auf Industrieversteigerungen spezialisiert. 85 Prozent der Erlöse kassiert die Berliner Treuhandanstalt, den Rest behält Troostwijk. Gewinn erwartet Hendriksen von dieser ersten ostdeutschen Großauktion nicht: Allein die Werbung, verschickt wurden Einladungen bis nach Hongkong und Taiwan, kostete rund 300 000 Mark.
Die Troostwijks hoffen bei künftigen Ost-Auktionen auf Profit. »Das Instrument der Versteigerung muß sich erst rumsprechen«, sagt Hendriksen. 400 Ex-VEB werden derzeit vom Liquidator zerlegt. Für die Großhändler ist schon das Ende von Pentacon ein Glücksfall. Lastwagenweise können sie billige Secondhand-Maschinen in ihre Lager karren. »Die Preise sind gut, sehr gut«, sagt Robert Bouland, Eigentümer der britischen Fairfield Industries Ltd.
Gewissenhaft notiert Wolfgang Männchen die Preise, die Bouland und andere Händler zahlen. In zwei Wochen, wenn die Techniker seiner alten Werksabteilung zum Ehemaligentreff zusammenkommen, soll er berichten. Die einstigen Kollegen wollen wissen, was die Stahlschränke, die Polar-Tiefkühltruhe und Hunderte von Zeiss-Mikroskopen gebracht haben.
Die unverkäuflichen Überbleibsel werden am nächsten Tag verschrottet. Die Laster hat der Liquidator bereits bestellt. Nur das rostige Schild am Hauptportal, montiert am 28. Oktober 1968, wird den Tag des Abschraubens überdauern. »Aktivisten der ersten Stunde«, heißt es da kaum noch leserlich, »legten den Grundstein für den sozialistischen Großbetrieb Kombinat VEB Pentacon Dresden.«