Rote Blutbäder - DER SPIEGEL
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BÖRSE Rote Blutbäder

Jack White verlor am Neuen Markt viel Geld. Jetzt will er jene Fondsgesellschaft auf Schadensersatz verklagen, die einst seine Schlager-Aktie nach oben trieb.
• aus DER SPIEGEL 47/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Früher war alles irgendwie besser. Tony Marshall fragte »Schöne Maid, hast du heut für mich Zeit?«, Roberto Blanco sang »Heute so, morgen so« und die Fußballnationalmannschaft schmetterte »Fußball ist unser Leben« - und gemeinsam füllten sie die Kasse des Schlagerproduzenten Jack White, dem die Welt diese Musik zu verdanken hat.

Neuerdings aber geht White, 61, vieles daneben. Fünf Millionen Mark hat er in die Boygroup »First Love« gesteckt. »Doch die amerikanischen Radiosender wollten die Musik einfach nicht senden«, klagt der Vorstandsvorsitzende der Jack White AG.

Auch die erste Liebesaffäre des Hitkomponisten mit der Börse, kurz, aber dafür umso heftiger, endete enttäuschend - für den Anleger und für den Unternehmer White. Der Unternehmer Jack White hatte im Herbst 1999 seine Schlager-Aktie mit großen Versprechen an die Börse gebracht. Schnell stieg sie von 12 auf 54 Euro, um dann bis auf zeitweise unter 3 Euro abzustürzen.

Der Anleger Jack White, mit bürgerlichem Namen Horst Nußbaum, verlor auch als Privatmann beim Crash des Neuen Marktes tüchtig Geld. Sieben Millionen Mark hatte der Komponist vor zwei Jahren in den Creativ Fonds der Schweizer Privatbank Julius Bär gesteckt. Da der Fonds des ehemaligen Anlagegurus Kurt Ochner vor allem in Werte des Neuen Marktes investiert war, sind nach Whites Angaben sechs Millionen Mark verschwunden.

Nun soll das Landgericht Frankfurt dafür sorgen, dass er sein Geld wieder zurückbekommt. Ende dieser Woche will Whites Anwalt Klaus Nieding die Klageschrift einreichen.

»Mangelhafte Risikostreuung und fehlerhafte Anlegerberatung« wirft Nieding der Julius Bär Kapitalanlage AG vor und verlangt Schadensersatz. Ochner, der bis Anfang April Vorstandsmitglied dieser Frankfurter Tochter der Schweizer Bank war, habe White den Fonds persönlich wärmstens empfohlen. Bei der Frage nach den Risiken habe der Fondsmanager lapidar geantwortet: »Wir sind hier nicht bei der Sparkasse. In diesem Fonds sind wir alle drin, Freunde, Familie, Kumpels.«

White und Ochner, der im Börsenfernsehen als Mr. Neuer Markt hofiert wurde, lernten sich beim Börsengang der Schlager-Aktie näher kennen. »Das war damals der absolute Oberguru«, erinnert sich White. Ochner investierte heftig in das White-Papier und kontrollierte mit seinen verschiedenen Fonds zeitweise rund die Hälfte der Aktien, die frei an der Börse handelbar waren. Selbst der Creativ Fonds, über dessen Wertentwicklung sich White nun beschwert, hatte zeitweise rund 140 000 Jack-White-Aktien im Portefeuille.

Auch Ochners Geschäftspartner Marian von Korff, ein ehemaliger »Focus«-Redakteur, legte als Fondsberater viel Geld in Aktien der Jack White AG an. Dank dieser Anstrengungen verknappte sich das Angebot, der Kurs explodierte.

Der Schlagerkomponist wähnte sich im siebten Himmel. Er revanchierte sich, indem er nicht nur privat in einen Ochner-Fonds investierte. Zusätzlich steckte er nach eigenen Angaben neun Millionen Mark, einen Teil des eigentlich für den Ausbau des Musikgeschäfts an der Börse eingesammelten Kapitals, in einen Spezialfonds von Julius Bär.

Zunächst funktionierte das Perpetuum mobile: Am 16. Juni 2000 überraschte der Vorstandsvorsitzende White seine Aktionäre mit einem Quartalsgewinn von 4,3 Millionen Mark, bei einem Umsatz von vier Millionen Mark eine stramme Leistung. Für das Börsenwunder waren allerdings fast ausschließlich die Buchgewinne aus Ochners Fonds ausschlaggebend, die brav als »Kursgewinne bei kurzfristigen Wertpapieranlagen« ausgewiesen wurden.

Doch entwickelte sich das Anlagemodell von Ochner, vor allem in kleine, marktenge Werte zu investieren, zum Desaster. Als die Kurse am Neuen Markt abstürzten und die Anleger auch aus seinen Fonds flüchteten, konnte er seine Investitionen nur unter Inkaufnahme massiver Kursstürze liquidieren. Anfang April trennte sich Julius Bär von dem Fondsmanager.

Noch am gleichen Tag stürzten die Kurse von Ochners Lieblingen wie Caatoosee, Biodata, CyBio und eben auch Jack White um bis zu 56 Prozent nach unten. Die Anlageprofis wussten, dass viele Aktien ohne die Protektion von Ochner, den manche Investmentbanker als den Paten des Neuen Marktes bezeichneten, nicht mehr viel wert waren.

Auch White machte sich Sorgen, nach seinen Angaben kontrollierten Julius-Bär-Fonds im April noch über eine Million Jack-White-Aktien. Er schickte seinen Aufsichtsratsvorsitzenden zu der Schweizer Bank. »Die Julius-Bär-Leute haben ihm versichert, dass sie nicht verkaufen werden«, sagt der Schlagerkomponist. Doch die Nachfolger von Ochner fühlten sich nicht an dieses Versprechen gebunden. »Fondsmanager können keine langfristigen Zusagen machen«, sagt ein Sprecher von Julius Bär. Die Bank verkaufte die Jack-White-Aktien.

Der enttäuschte Musikproduzent revanchierte sich, indem er nun die Anlagegelder seiner Aktiengesellschaft von einer anderen Bank verwalten lässt. Gleichzeitig will er Julius Bär gerichtlich dazu zwingen, ihm seinen persönlichen Vermögensverlust zu ersetzen. Die Bank weist alle Vorwürfe zurück und sieht »keine Grundlage für irgendwelche Schadensersatzansprüche«.

Von der Börse hat White erst einmal genug. »Ich bin es leid, die roten Blutbäder anzuschauen«, sagt er. Seine neue Bank ist angewiesen, vor allem in konservative Rentenpapiere zu investieren. CHRISTOPH PAULY

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