BANKEN Rote Lampe an
Laute Aufschneiderei kann Friedrich Wilhelm Christians überhaupt nicht leiden. »Die wirksamste Form der Angabe«, weiß der Chef der Deutschen Bank, »ist das Understatement.«
Am vergangenen Mittwoch, als der Bankier seine Bilanz für 1986 aufmachte, hatte Christians Mühe mit dem Tiefstapeln. Das Geschäft habe sich »erfreulich« entwickelt, verkündete Christians, das Ergebnis sei »glänzend« gewesen.
Und wie: Der ausgewiesene Jahres-Überschuß des Konzerns kletterte fast um ein Viertel, auf 1,1 Milliarden Mark.
Die Anteilseigner der Bank haben reichlich Anlaß zur Freude. Zur schon gewohnten Dividende von zwölf Mark pro Aktie kommt noch ein Bonus von fünf Mark. Mehr als 550 Millionen Mark sollen die Aktionäre nun kassieren.
»Lassen Sie die Zahlen auf sich wirken«, so pries Christians in der vorigen Woche freundlich lächelnd die schöne Bilanz, und er weiß dabei, daß die großen Zahlen nur einen kleinen Teil des Erfolgs offenbaren. Die Geldexperten haben viel Geld in allerlei Bilanzposten versteckt und unkenntlich gemacht.
Das ist durchaus erlaubt. Vor allem dürfen die Kreditinstitute ihre Abschreibungen und Wertberichtigungen auf Forderungen oder Wertpapiere mit Gewinnen aufrechnen. Von dieser Möglichkeit, sagt Christians, habe die Bank »voll Gebrauch gemacht«.
Dabei kommt einiges zusammen. Im vorigen Jahr haben die Frankfurter Bilanzkünstler allein 1,453 Milliarden Mark als Vorsorgen weggesteckt. Solche Zahlen stehen nicht in der feierlich vorgestellten Bilanz, sondern nur in den bankinternen Papieren, die dem Publikum gemeinhin vorenthalten werden.
In der »Gesamtübersicht über Wertberichtigungen und Rückstellungen im Kreditgeschäft 1986« (so der Titel des vertraulichen Papiers) ist abzulesen, daß Deutschlands größte Bank inzwischen die kaum vorstellbare Summe von 11,9 Milliarden Mark für die Risikovorsorge beiseite gelegt hat. Das ist mehr, als die offiziell verkündeten »eigenen Mittel« der Bank ausmachen (zehn Milliarden Mark).
Christians und sein Sprecher-Kollege Alfred Herrhausen mögen dazu gar nichts sagen. Noch nie habe die Bank Details über Wertberichtigungen verlautbart, blockt Herrhausen ab, »Auskünfte geben wir nicht«.
Derlei Heimlichtuerei macht aus der Sicht der Geldmanager durchaus einen Sinn. Mancher Aktionär, wüßte er die ganze Wahrheit, würde sich sicherlich fragen, warum nur ein Bruchteil der Gewinne ausgeteilt wird. Kunden der Bank müßten sich wohl wundern, warum sie über Zinsen und Gebühren die Fehlleistungen des Managements ausputzen.
Gute Gründe für solche Umbuchungen, die den steuerpflichtigen Gewinn mindern, gibt es genug. Gerade jetzt erst hat Christians »neue Gefährdungstatbestände ausgemacht«.
Die Zahl der Pleiten, sagt der Bankchef, sei »betrüblich hoch«, beim Bau sei
die Bank »viele Verpflichtungen eingegangen«. Leider steckten auch in den Krediten an Länder der Dritten Welt »latente Risiken«. Da geht, klagt Christians, »die rote Lampe an«.
Nach den internen Berichten der Bilanzexperten haben die sonst so tüchtigen Geldmanager manches schlechte Risiko ins Haus geholt. Allein im inländischen Kreditgeschäft sind Vorsorgen über 4,4 Milliarden Mark aufgelaufen.
Besonders unangenehm ist die Lage der Bank bei der Baufinanzierung. »Die kritische Situation in weiten Bereichen des Immobilienmarktes« wurde mit rund 1,5 Milliarden Mark abgefedert. Arbeitslosigkeit und familiäre Probleme der Kundschaft seien die Ursachen vieler Zwangsversteigerungen, »aber auch Fehler in der Prüfung« der Kreditwürdigkeit. Mit der großzügigen Finanzierung von Bauherren-Modellen und anderen Steuerspar-Immobilien hat die Bank ebenfalls viel Geld verloren.
»Stark angewachsene Gefährdungen« wurden in den Branchen Schiffbau und Schiffahrt entdeckt. Selbst ordentliche Firmen machten Verluste und seien in existenzgefährdende Krisen geraten.
Zahlreiche Kredite und Sicherheiten mußten die Experten der Bank abwerten. Ein »fast vollständiger Verzicht auf Neugeschäft für unsere Filialen Bremen und Hamburg«, so der Bericht, sei die Folge. Das gelte auch für die beiden Schiffsbanken in Bremen und Kiel. 413 Millionen Mark könnte die Deutsche Bank womöglich an der Küste verlieren.
Die ganz großen Gefahren freilich drohen aus dem Ausland, das hat Christians »leider erneut bestätigt bekommen«. Viel Geld müsse für die sogenannten Länderrisiken aufgehoben werden. »Wir sind außerordentlich vorsichtig«, erklärt der Bankchef.
Die Fachleute in Frankfurt haben das in exakte Zahlen gefaßt. Insgesamt gelten bei der Deutschen Bank mehr als sechs Milliarden Mark als »unbesicherte Forderungen in gefährdete Länder«. Dafür hat der Konzern inzwischen 4,2 Milliarden Mark zurückgelegt. Die möglichen Verluste sind also zu knapp 70 Prozent gut »abgeschirmt«, im vorigen Jahr waren es erst knapp 50 Prozent.
Der Fall des Dollar hat den Geldhändlern tüchtig geholfen. In Mark umgerechnet, wurden die drohenden Verluste aus Dollar-Krediten an die Dritte Welt entsprechend kleiner. Außerdem hat die Bank etliche »risikobehaftete Forderungen« verramscht: 364 Millionen gingen mit entsprechenden Abschlägen, an Leute, die glauben, einen Teil des Geldes irgendwann noch mal eintreiben zu können.
Besonders viel wurde für die Länder Lateinamerikas zurückgestellt. Knapp 3,5 Milliarden Mark hat der Konzern als Vorsorgen verbucht, davon jeweils mehr als eine Milliarde Mark für Brasilien und Mexiko und 700 Millionen für Argentinien.
Damit sind die Forderungen an Mexiko zu rund 50 Prozent, die an Brasilien zu 70 Prozent und die an Argentinien zu 80 Prozent abgedeckt.
Ein Ende der Schuldenkrise ist dennoch nicht abzusehen. Die Bank sah sich gezwungen, Ausleihungen im Kongo, in Tunesien und in den beiden Jemen in ihre Liste fauler Kredite aufzunehmen.
Risiken gehören zum Bankgeschäft; kein Geldverleiher ist dagegen gefeit, daß der Gläubiger klamm wird. So spricht es gewiß für die Geschäftstüchtigkeit des Deutsche-Bank-Managements, daß die Erträge aus großzügigen Zinsmargen und gut kalkulierten Provisionen fast alle Fehlgriffe zudecken.
Über die Höhe von Gewinnen und Reserven mag Christians »natürlich nicht« reden. Vielleicht würde das Volk auch ungläubig staunen, daß die Deutsche Bank in einem einzigen Geschäftsjahr brutto gut vier Milliarden Mark verdient und inzwischen klammheimlich zwölf Milliarden aufgehäuft hat.
»Wer angibt«, pflegt Geldmanager Christians seine Bescheidenheit, »macht sich verdächtig.«