Rückruf-Aktion Dramatische wirtschaftliche Folgen
Leverkusen - Sieben Wochen vor dem Gang an die New Yorker Börse mussten die Bayer-Manager wegen des Medikamenten-Rückrufs erneut Abstriche an der Gewinnprognose für das Geschäftsjahr 2001 machen. Konkretes wird mit der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen an diesem Donnerstag erwartet. Bereits Ende Juni sah sich der Vorstand wegen eines Ergebniseinbruchs beim biologisch hergestellten Medikament Kogenate, hoher Rohstoffkosten und schlechter Konjunktur zu einer ersten Gewinnwarnung veranlasst.
Baycol ist für Bayer kein kleiner Fisch. Das Medikament war im vergangenen Jahr hinter den Mitteln Ciprobay und Adalat der drittgrößte Umsatzbringer in der Pharmasparte des Konzerns. Mit plus 80 Prozent erzielte es die höchsten Zuwachsraten. Insgesamt hat Bayer vier Arzneimittel auf dem Markt, die mehr als eine Milliarde Mark Umsatz abwerfen.
In Analystenkreise wird nun ein neues Aufflammen der Strategiedebatte erwartet. Bayer-Chef Manfred Schneider lehnt bisher eine Aufspaltung des Konzerns in zwei oder drei Teile ab. Auf der Hauptversammlung Ende April in Köln wies er entsprechende Forderungen des New Yorker Investmenthauses Tweedy Browne zurück. Für Andreas Theisen, Analyst für Pharma und Gesundheit bei der WestLB Panmure, beweist die Rücknahme von Baycol die Anfälligkeit des Pharmabereichs.
Andere Konzerne, die sich auf dieses Geschäft konzentrierten, seien weniger anfällig bei Problemen mit einzelnen Medikamenten. Bayer-Finanzvorstand Werner Wenning räumte am Mittwoch bereits ein, dass nach der Rücknahme von Baycol die Gesamtstrategie auf den Prüfstand gestellt werde.
Der Kurseinbruch von 15 Prozent für die Bayer-Aktie am Mittwoch belege, wie nervös die Kapitalmärkte gegenwärtig auf Gewinnwarnungen reagieren, sagt der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Ulrich Hocker, in Düsseldorf. Ein guter Markt für das Leverkusener Schmerzmittel Aspirin, scherzte ein Börsianer. Der Börsengang in Übersee wird trotz schlechter Nachrichten aber nicht abgeblasen. "Das ziehen wir durch", heißt es bei Bayer selbstbewusst.
Auch die Bayer-Potenzpille Vardenafil soll den Aktienkurs stärken. Im September wird Medienberichten zufolge die Zulassung in den USA beantragt. Mit dem "Bayer-Hammer" soll der Sprung unter die zehn größten Pharmakonzerne weltweit gelingen. Derzeit belegt das Unternehmen den 16. Platz. Der Kauf der Agrarchemie-Tochter von Aventis würde Bayer an an die Weltspitze der Pflanzenschutz-Hersteller führen. Dazu laufen exklusive Verhandlungen mit Aventis.