9/11: Profiteure des Terrors
Rüstungslobbyist nach 9/11 "Es ist patriotisch, unsere Soldaten zu beschützen"
John Simmons hat sich das Büro mit Souvenirs seiner Karriere dekoriert. Das Modell eines Space Shuttle samt originaler Hitzekachel, von seiner Arbeit mit der Nasa. Ein Glas Salsa-Sauce (abgelaufen), ein Dankeschön von Bill Richardson, damals Gouverneur New Mexicos. Die gerahmte Titelseite der "Buffalo News" vom 27. August 2005: "Stützpunkt gerettet."
"Ich bin voller Leidenschaft für meine Arbeit", sagt Simmons, ein jovialer Hüne in feinem Nadelstreifen-Anzug. "Sie macht mir viel Spaß."
Wer genau hinschaut, bemerkt eine auffallende Menge militärischer Memorabilien. Die gewaltige Schraube etwa, in einer Vitrine ausgestellt, stammt von einem Flugzeugträger. Daneben liegt eine Granathülse. An der einen Wand hängt das Gruppenfoto einer GI-Einheit im Irak, an der anderen die blutrote Flagge der Marineinfanteristen: "Semper fidelis" (immer treu).
Simmons, 43, hat selbst nie gedient. Doch das Militär prägt sein Dasein. Besser gesagt: die US-Rüstungsindustrie, die Amerikas Militär mit Kriegsmaschinerie versorgt. Der dient Simmons als Lobbyist: In ihrem Auftrag pflegt er die Kontakte zum Kongress, bugsiert Aufträge und Budgets durch Ausschüsse, sorgt dafür, dass Gesetze nicht allzu unvorteilhaft ausfallen. Simmons ist der Mann, der die Weichen stellt und Politiker dazu bringt, Geld auszugeben statt zu sparen - im Gegenzug für diskrete Wahlkampfspenden. Es ist einer der am übelsten beschimpften Berufszweige. US-Präsident Barack Obama spricht das Wort "Lobbyist" aus, als sei es eine Beleidigung.
Simmons stört das nicht: "Irgendjemand muss es ja machen." Und er kann auch ganz genau sagen, wann seine Leidenschaft für die Lobbyarbeit begann: "Am 11. September 2001."
Zwei Kriege und der Begriff "Heimatschutz" brachten den Boom
Simmons' Lobbyfirma heißt Akin Gump Strauss Hauer & Feld: Eine renommierte Großkanzlei mit mehr als 800 Anwälten, die eine breite Klientenschar durch juristische Zwickmühlen manövriert - darunter Starbucks , American Express , AT&T, FedEx und Volkswagen . Doch nur ein kleines Spezialistenteam betreut die Rüstungsindustrie, geführt von Simmons: "Wir sind ihre Einfluss-Multiplikatoren."
Mit Erfolg: Der Einfluss der Branche hat sich seit 9/11 in der Tat multipliziert. Zwei Kriege und der neue Begriff "Heimatschutz" sorgten für einen Rüstungsboom. Die Wehrausgaben vervielfachten sich - von 316 Milliarden Dollar (2001) auf 708 Milliarden Dollar (2011). Und der S&P-Rüstungsindex - also die Aktienkurse der involvierten Firmen - stieg um 67 Prozent.
"9/11", sagt Simmons, "war der Anfang." Mehr noch: Sein Job existierte vorher gar nicht - er wurde erst nach den Anschlägen geschaffen. Simmons war im Juni 2001 zu Akin Gump gewechselt. Zuvor hatte er zehn Jahre lang als juristischer Assistent im Kongress gearbeitet, für den republikanischen Abgeordneten James Walsh aus Simmons' Heimatstaat New York. Bei Akin Gump vertrat Simmons zunächst Gemeinden, die von Schließungsplänen Dutzender Militärstützpunkte durch das Pentagon betroffen waren.
"Und dann kam der 11. September."
Im Fernsehen an seinem Arbeitsplatz sah Simmons, wie das World Trade Center fiel. Dann erspähte er durchs Fenster Rauch aus der Richtung des Pentagon. Simmons rief seine Frau Kristine an, die im Weißen Haus arbeitete. Sie fielen sich auf der Pennsylvania Avenue in die Arme.
11. September 2001: Der Tag des Schreckens
Noch ahnte er nicht, wie jener Tag sein Leben verändern würde. 9/11 stürzte die USA in eine neue Art Krieg: asymmetrisch, diffus, virtuell. Der Feind war ein Netzwerk, keine Armee. Die weltgrößte Streitkraft musste mutieren, von einer rostigen Armee zu einer flexiblen und flinken Truppe. Neue Waffen, Geräte und Technologien mussten her und zwar schnell, ohne die üblichen parlamentarischen Bremsen.
Ein Sammelsurium mit Konzernnamen
Simmons' erster Rüstungsklient war die Syracuse Research Corporation (SRC). Das Unternehmen bastelte an neuen Technologien, vor allem auf dem Feld der elektronischen Kriegsführung. Simmons kannte SRC aus seiner Zeit im Kongress. SRC hatte ein Radarsystem entwickelt, um Granatwerfer zu erkennen. Sonst dauert es Jahre, bis die Nutzung solcher Anlagen den Kongress passiert. Simmons erreichte, dass die ersten binnen 90 Tagen ausgeliefert wurden. Heute hat SRC mehr als 1100 Angestellte, bei rund 130 Millionen Dollar Jahresumsatz.
Der Irak-Krieg heizte den Boom weiter an. Simmons legte sich einen ganzen Bauchladen aus Konzernen zu, die er vertrat. "Es ist patriotisch, unsere Soldaten zu beschützen", findet er. "Diese Kids sind 18, 19 Jahre alt. Wir müssen sicherstellen, dass sie alles haben, was sie brauchen."
Zu Simmons' Klienten zählen Unternehmen wie United Technologies ("Black Hawk"-Helikopter), Boeing (Drohnen), Defenshield (Panzerschutz) und Trimble (GPS). Allein Boeing gab voriges Jahr 600.000 Dollar für die Lobbydienste aus. Wie viel Simmons davon für sich behalten darf, das verrät er nicht. "Wir verdienen bei weitem nicht so toll wie Rechtsanwälte", lacht er nur.
Doch die Blütezeit geht langsam vorbei. Die Kriegseinsätze werden weniger, Osama Bin Laden ist gefasst, al-Qaida dezimiert, und der Haushaltskompromiss erzwingt drastische Budget-Einschnitte fürs Pentagon. Das macht sich auch für Simmons bemerkbar. Schon 2010 verringerte das Unternehmen SRC seine Lobby-Aufwendungen von 334.000 Dollar (2009) auf 210.000 Dollar. Und in diesem Jahr gab es bis Ende August gerade mal 60.000 Dollar aus.
"Es war eine spannende Zeit", sagt Simmons. An Arbeit wird es ihm trotzdem nicht mangeln. Der "Superausschuss", der das neue Sparpaket formulieren soll, dürfte die Schließung weiterer Stützpunkte anpeilen - Simmons' Spezialität.
Simmons' Blackberry summt. Er schaut auf die Nummer und lächelt. "Ein Rüstungsklient", verrät er. "Es gibt immer etwas zu tun."