Run auf Solarwerte Dem Himmel so nah
Berlin - Schon zum weiten Mal in kurzer Zeit knallten heute im Launch-Room der Deutschen Börse die Sektkorken. 20 handverlesene Gäste feierten den Börsengang des Thalheimer Solarzellenherstellers Q-Cells. Man begrüßte sich, hielt hier ein Schwätzchen, prostete dort einem Bekannten zu und war sich einig, wieder einmal einen besonders guten Riecher gehabt zu haben.
Der Grund für die Festtagslaune in der Promi-Kabine war auf der Anzeigentafel über dem Börsenparkett abzulesen. Bereits zum Handelsauftakt setzte die Aktie zum Höhenflug an. Sie notierte bei 49 Euro - elf Euro über dem Ausgabepreis. So wurden rund 242 Millionen Euro in die Firmenkasse gespült, nahezu das Doppelte des gesamten Umsatzes von 2004. Die Aktie war zuvor fast vierzigfach überzeichnet, Q-Cells konnte in der vergangenen Woche die Preisspanne sogar noch einmal heraufsetzen.
Schon am vergangenen Freitag herrschte auf dem Frankfurter Parkett Euphorie: Da wagte die Erfurter Firma ErSol den Börsengang. Für die Aktien zahlten Nachzügler statt des Ausgabepreises von 42 Euro gerne auch 65 Euro. "Wir danken dem Börsengott", rief ein Händler - obwohl der Kurssprung auch hier nicht wirklich überraschend kam: Das Papier war bereits vor der Emission mehr als fünfzigfach überzeichnet.
Sonnenfreude und kein Ende
Die gute Stimmung wird, wie es aussieht, noch eine Weile anhalten. Nach ErSol und Q-Cells warten bereits zwei weitere Firmen darauf, das derzeitige Vertrauen in die Solartechnik in Geld umzumünzen. Der Börsengang der Sunline AG aus Fürth folgt am 20. Oktober, bei der Dresdener Solarwatt will man ihn bis Jahresende nicht ausschließen.
Der Run auf die Energiewerte erinnert an die unseligen Zeiten des Neuen Marktes.
Angeheizt wird die Hausse vom Schwergewicht der Branche, dem Bonner Solarzellenhersteller SolarWorld. Das Unternehmen hat in den vergangen Jahren maßgeblich dazu beigetragen, dass Deutschland Japan überholen konnte und inzwischen als weltweit führend bei der Herstellung von Zellen, Modulen und Technik rund um den Solarstrom gilt. Mehr als 5000 Unternehmen zählen zum Solarsegment, rund 140 von ihnen produzieren Solarzellen oder -anlagen. Die Zellenbauer erwirtschafteten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro. Im Jahr 2003 waren es noch 750 Millionen Euro.
Experten registrieren die Euphorie mit Verwunderung und auch mit wachsendem Unbehagen. Denn nicht nur Umsätze und Gewinne der Solarunternehmen stehen im Moment in keinem Verhältnis zum ihrem Wert an der Börse. "Die Titel sind viel zu teuer", sagte ein Händler in Frankfurt am vergangenen Freitag.
Ähnlich wie bei den Titeln der New-Economy-Unternehmen interessieren sich die Anleger wenig für die Bilanzen der Unternehmen. "Die inoffiziellen Kurse vor den Börsengängen sind schon jetzt verdammt hoch", räumt ein Branchenexperte ein, der eng mit den Firmen zusammen arbeitet. Auch die bereits gehandelten Werten sind begehrt: Der Aktienkurs von SolarWorld, hat sich im vergangenen Jahr versechsfacht. Auch Konkurrenten wie Solarparc, Solar-Fabrik und Phoenix Sonnenstrom haben stark zugelegt.
Zwar konnte der Branchenprimus seinen Umsatz im vergangenen Jahr auf rund 200 Millionen Euro verdoppeln. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktie lag im vergangenen Jahr jedoch mit 21 am oberen Rand des Vertretbaren. Für 2005 wird jedoch ein nahezu doppelt so hoher Wert erwartet - für den Energieriesen Royal Dutch Shell, der durch den hohen Ölpreis nicht schlecht verdient, erwartet der Börsendienst Onvista ein KGV von 11.
Wegen der Euphorie sind viele Titel zu teuer
"Es hat den Anschein, als hätten die Banken den Bodenkontakt verloren", urteilt die "Börsen-Zeitung". Würden die bei der Bewertung ihrer Schützlinge maßvoller zu Werke gehen, ließe sich ein "Horrorszenario" wie bei den Windenergie-Unternehmen ausschließen. Deren Börsengänge waren von ähnlicher Euphorie begleitetet worden, wie sie jetzt die Solarunternehmen erfahren. Doch die Bilanz ist ernüchternd. Mit einem Verfall um 65 Prozent gehört die Aktie der alternativen Repower noch zu den besseren Werten des Windsegments.
Auch die politischen Rahmenbedingungen sind für die Solar-Unternehmen alles andere als rosig. Denn unter der Regie der Union könnte das von Rot-Grün eingeführte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in zentralen Punkten zur Disposition stehen. Die Union hat das EEG immer kritisch gesehen. "Wir wollen ergebnisoffen prüfen", versichert zwar Peter Paziorek, energiepolitischer Sprecher der Union, "aber über die Förderhöhe wird geredet werden." Es dürfe nicht weiter Geld zum Fenster hinausgeworfen werden.
Denkbar ist, dass ab 2008 die Mindestpreise stärker abgesenkt werden, als es das jetzige Gesetz vorsieht. Grundsätzlich will sich die Union dem Wachstumsmarkt Solarstrom aber nicht verschließen: "Ich glaube zu erkennen, dass in der neuen Fraktion die Neuen Energien auf positiven Rückhalt stoßen", so Paziorek.
Die rot-grüne Regierung hatte dagegen die Stromnetzbetreiber mit EEG noch verpflichtet, Photovoltaik-Anlagen an ihr Netz anzubinden und einen Mindestpreis von rund 50 Cent pro Kilowattstunde zu bezahlen. Nur deswegen ist Solarstrom in Deutschland überhaupt rentabel. "Die Branche hat mit politischen Risiken zu leben", resümiert Dieter Küffer, Fondsmanager bei Sustainable Asset Management (SAM) in Zürich.
Exklusiver Marktzugang - für einen hohen Preis
Auch was die technischen Rahmenbedingungen betrifft, ist das Engagement in der Solarzellenbranche nicht ohne Risiko. Eines davon ist der weltweite Mangel an Silizium, dem Grundstoff für Solarzellen. Zwar wird Silizium aus Sand gewonnen - der nahezu unbegrenzt vorhanden ist -, aber das Verfahren ist sehr aufwendig, und die Kapazitäten sind begrenzt. Veredelungsanlagen für Silizium sind teuer und nicht von heute auf morgen zu bauen. Experten rechnen damit, dass noch bis 2007 mehr Silizium nachgefragt wird, als auf dem Weltmarkt vorhanden ist.
Die Solartechnik-Unternehmen reagieren darauf, indem sie sich mit langfristigen Lieferverträgen absichern. Das garantiert ihnen einen exklusiven Zugang, aber im Gegenzug müssen die Firmen erhebliche Vorauszahlungen leisten. Beispiel Q-Cells: In den kommenden zehn Jahren muss der Solarzellenhersteller Verpflichtungen in Höhe von mehr als 1,76 Milliarden Euro bedienen.
Angesichts dieser Belastung bleibt der Branche gar nichts anderes übrig, als auf die Unterstützung von staatlicher Seite zu vertrauen - zumindest nach außen hin. "Wir erwarten keinen Fadenriss bei der Solarförderung", sagte Carsten König, Geschäftsführer der Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft, kurz nach der Bundestagswahl. "Deutschlands Solarindustrie wird auf Erfolgskurs bleiben."
Gerne verweist Solarlobbyist König darauf, dass die Unternehmen immer größere Teile ihres Geschäftes im Ausland machen. Unerwähnt lässt er, dass der Solarstrom auch in vielen anderen Ländern gefördert werden muss, um marktfähig zu sein.
Doch selbst wenn im In- oder Ausland die politischen Rahmenbedingungen unverändert bleiben, bleibt die Beteiligung an einem Solarzellen-Hersteller ein Risiko. Beim Bundesverfassungsgericht liegt derzeit eine Beschwerde gegen das EEG vor. Der Vorwurf: Der Verbraucher werde gezwungen, künstlich überteuerten Strom zu bezahlen. Noch ist unklar, ob sich das Gericht des Falls annehmen wird.