Ruppige Sitten - DER SPIEGEL
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Medien Ruppige Sitten

Das digitale TV-Zeitalter beginnt mit einem Systemkrieg: Bertelsmann und Kirch streiten um die Einführung des digitalen Decoders. Leo Kirch ist entschlossen - notfalls will er allein starten.
• aus DER SPIEGEL 48/1995
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Henri Joubaud, Technischer Direktor des Pay-TV-Senders Canal Plus, war zu neugierig. Manager des Münchner Medienunternehmers Leo Kirch, 69, jagten ihn auf der Funkausstellung in Berlin von ihrem Stand.

Die Kirch-Leute wollten frei von den Blicken der Konkurrenz ihre Visionen vom Fernsehen der Zukunft präsentieren. Erstmals zeigten sie zeitgleich mehrere Spiele der Fußball-Bundesliga, sogar spezielle Kamerapositionen konnten die Besucher selbst auswählen - über ein Zusatzgerät, den Decoder »d-Box«.

Die Konkurrenz zog nach. Eine ähnliche Show bot Canal Plus am vergangenen Mittwoch zusammen mit seinem deutschen Partner, dem Medienkonzern Bertelsmann. Das Duo zeigte parallel acht Spiele europäischer Fußballmeister - über ein eigenes Zusatzgerät, die »Mediabox«.

Diesmal blieben die Kirch-Leute ausgesperrt. Firmensprecher Johannes Schmitz, der sich selbst zur Gala in einer umgebauten Kölner Fabrikhalle eingeladen hatte, wurde von der Türwache zurückgeschickt. Der Kirch-Assistentin Barbara Schardt gelang erst nach fast zweistündiger Wartezeit der Eintritt.

Ruppige Sitten im TV-Geschäft: Der Streit um die Vorherrschaft im Fernsehmarkt nimmt an Schärfe spürbar zu. Es _(* Vergangenen Mittwoch in Köln bei ) _(der Präsentation der »Mediabox«. )

geht um die Startposition für das digitale Fernsehzeitalter.

Im Zentrum des Konflikts steht der Decoder, ein technisches Wunderwerk, groß wie ein Videorecorder, das den Fernseher zur Multimedia-Maschine aufrüstet. Mit dem rund 1000 Mark teuren Zusatzgerät wird der Fernseher zum Reisebüro, zum Bankschalter, zum Videoverleih, und auch der bisher dem Computer vorbehaltene Kontakt zu den weltweiten Datennetzen ist nun via Bildschirm möglich.

Der Decoder mache »aus dem Wohnzimmer ein Multimedia-Zentrum - ohne daß Sie sich ein einziges Möbelstück dazukaufen müssen«, werben Bertelsmann und Canal Plus im Kundenprospekt. Der TV-Zuschauer muß nur eine mit Geld geladene Plastikkarte in den Schlitz des neuen Geräts schieben.

Mediabox und d-Box sollen dem Zuschauer die Orientierung in der kommenden Programmflut erleichtern. Neue Fernsehsatelliten wie der im April sendebereite Astra 1E steigern die Kapazität für Programme um ein Zehnfaches - viel Platz für die expansionswilligen Medienkonzerne.

Wer seinen Decoder durchsetzt, kann wie im Mauthäuschen den Programmzugang kontrollieren und Lizenzgebühren kassieren. Alle neuen TV-Angebote müssen durch die Box eingespeist werden. Für die digitale Fernsehwelt, die in Deutschland schätzungsweise 200 zusätzliche Spartenprogramme bringen wird, ist der Decoder das Betriebssystem. Energisch versuchen Kirch und das Duo Bertelsmann/Canal Plus die technischen Standards für die neue TV-Ära zu setzen. Darunter leidet sogar ihr gemeinsamer Pay-TV-Kanal Premiere (eine Million Abonnenten), den Bertelsmann-Manager Rolf Schmidt-Holtz als »beste Plattform« fürs Digital-TV lobt. Seit Monaten einigen sich die beiden Fraktionen nicht auf einen Decoder. »Wir könnten in diesem Verteilungskampf ein Stück Zukunftsfähigkeit verlieren«, warnt Premiere-Chef Bernd Kundrun.

Keiner der Konkurrenten, so scheint es, kann jetzt zurückstecken. Zu hoch sind die bisher schon investierten Summen, zu groß die Erwartungen, auf einen Schlag das neue Fernsehzeitalter prägen zu können. »Da rasen«, sagt ein Bertelsmann-Stratege, »zwei Lokomotiven mit Volldampf aufeinander.«

Vor allem Leo Kirch, der Mann mit Gespür für Zukunftsmärkte, hat frühzeitig investiert. Seit knapp zwei Jahren erarbeitete ein Team um Chefentwickler Gabor Toth - für Entwicklungskosten von angeblich rund 150 Millionen Mark - aus einem System des TV-Unternehmens Nethold einen eigenen Decoder.

In das Fernsehkästchen ließ Kirch allerlei Anschlüsse einbauen, etwa für CD-Player und Computerdatendienste. Nun will er es als Multimedia-Gerät vom 1. März an vermarkten - im Zusammenspiel mit seinem langjährigen Partner Otto Beisheim, dem Gründer und Miteigentümer des Handelsriesen Metro. Dessen Präsident Erwin Conradi bestätigt »Überlegungen, daß die Metro-Gruppe das Gerät ins Sortiment aufnimmt«.

Kirch will die Decoder-Käufer vor allem mit aktuellen Spielfilmen locken, die nonstop zeitversetzt auf mehreren Kanälen ausgestrahlt werden. Das sei »die meistpräferierte Anwendung für das digitale Fernsehen«, so die Berater von Booz Allen & Hamilton in einem für Kirch erstellten Strategiepapier.

Kirch ist für das digitale Zeitalter gut gerüstet: Er besitzt riesige Programmvorräte, etliche Satellitentransponder und demnächst auch ein modernes Sendezentrum für 200 Mitarbeiter. Insgesamt investiert die Kirch-Gruppe nach eigenen Angaben in das Digital-TV über eine Milliarde Mark. Die Konkurrenz verfolgt die Tätigkeit des Münchner Medienunternehmers mit Argwohn. Marc-Andre Feffer, Vizepräsident von Canal Plus, vermutet hinter den Kirch-Aktivitäten einen »großen Bluff«. Sein Haus, mit vier Millionen Abonnenten der größte Pay-Sender Europas, will bereits im Januar in Frankreich digitale Decoder einführen.

Doch Kirchs forsches Vorgehen hat die Pläne von Canal Plus und Bertelsmann schon jetzt empfindlich gestört. Das Duo wollte zusammen mit ARD, ZDF, RTL, der Compagnie Luxembourgeoise de Telediffusion (CLT) sowie der Telekom die Multimedia-Betriebsgesellschaft (MMBG) gründen, eine Art Genossenschaft für ein digitales Fernsehen. Im Sommer hatten sich die Partner bereits für das technische System der Pariser Firma Seca entschieden, die größtenteils Canal Plus und Bertelsmann gehört.

Doch die Unterzeichnung des MMBG-Vertrags Mitte Oktober fiel aus. Das Vorhaben droht zu scheitern.

Ausgerechnet der größte MMBG-Gesellschafter, die Telekom, ist auf dem Absprung. Von der früheren Entscheidung seines Kabelmanagers Peter Kahl, _(* Auf der Internationalen ) _(Funkausstellung in Berlin. )

der nach einem Produkttest auf Seca und die MMBG setzte, will Telekom-Vorstand Hagen Hultzsch nichts mehr wissen. Ohne die Telekom und ihre Kabelnetze aber, die derzeit rund 15 Millionen Haushalte erreichen, wird der Start ins digitale Fernsehzeitalter für jeden Bewerber noch schwerer.

Nach einem Besuch der Kirch-Zentrale am 17. Oktober gab Hultzsch zu Protokoll, die bisherigen Informationen über das Kirch-System seien »unvollständig und nicht zutreffend« gewesen. Nun befand er, Kirchs Beta-Technik habe die »besondere Leistungsfähigkeit ihrer Decoder-Struktur demonstriert«.

Intern betreibt die Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl seit Monaten Lobbying für Kirchs Kasten. Es dürfe nicht sein, sagt Kohls Medienberater Andreas Fritzenkötter, »daß ein von einer deutschen Firma entwickeltes System von vornherein hinter einem im Ausland entwickelten System zurückstehen muß«.

Auch Bundespostminister Wolfgang Bötsch (CSU) rückt von einer Kooperation Telekom/Bertelsmann/Canal Plus erkennbar ab: »Warum muß das ein Gerät sein, das von Canal Plus entscheidend beeinflußt ist?«

Dem Druck kann sich Telekom-Chef Ron Sommer kaum entziehen. Bei einem lautstarken Spitzengespräch mit Bertelsmann kündigte Kirch den Alleingang an: »Herr Dr. Kirch schließt eine Beteiligung der Kirch-Gruppe an der heutigen MMBG aus«, heißt es in einem Protokoll der Sitzung.

Der Kirch-Decoder werde von der Firma Vebacom des Energiekonzerns Veba auf den Markt gebracht, schob Kirch-Berater Joachim Theye als Information für die Konkurrenten nach: »Kirch-Gruppe und Vebacom sind sich einig über ihre Kooperation.« Dieser Allianz könne die Telekom dann beitreten, bot er an.

Setzt sich am Ende Kirchs Decoder durch, entstehe »eine Fernsehfestung in Deutschland«, fürchtet Bertelsmann-Manager Michael Dornemann. WDR-Intendant Fritz Pleitgen warnt: »Keiner darf die Schlüsselgewalt für die Neuen Medien haben.«

Kirch ist offenbar zum Solo entschlossen: »Die stehen noch in der Box«, spottet Kirch-Geschäftsführer Gottfried Zmeck über die Rivalen, »wir aber drehen schon die Aufwärmrunden.« Y

* Vergangenen Mittwoch in Köln bei der Präsentation der »Mediabox«.* Auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin.

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