MANAGER Ruppiger Ton
Der kleine Saal der Kongreßhalle von Böblingen ist am Montag dieser Woche, ab zwölf Uhr, für eine »geschlossene Gesellschaft« reserviert. An der Tür ist der IBM-Ausweis vorzuweisen.
Rund 300 Managern aus dem zweiten Glied, die aus dem ganzen Bundesgebiet anreisen, hat der deutsche Statthalter des amerikanischen Computerkonzerns, Walther Bösenberg, eine heikle Neuigkeit beizubringen. Zum dritten Mal in kurzer Zeit müssen Führung und Organisation des wichtigsten Unternehmensbereichs, des Groß-Computervertriebs, umgebaut werden.
Als neuer Boß der Datenverarbeitung wird der versammelten Mannschaft ein altbekanntes Gesicht präsentiert: Karl Edmund Michel war vor Jahren schon einmal in der Führungsspitze dieses Unternehmensbereichs. Große Freude wird das Wiedersehen mit Michel nicht auslösen: Er hat sich damals schon durch einen ruppigen Umgangston bei den sensiblen IBM-Leuten unbeliebt gemacht.
Viele sahen ihn daher vor zwei Jahren gern zum Europa-Hauptquartier der IBM in Paris abwandern. Michel, der dort den Titel eines Vizepräsidenten Datenverarbeitung, Marketing und Services führte, hatte aber kaum vor, in Paris heimisch zu werden.
Mit Unterstützung des Schweizers Kaspar V. Cassani, des europäischen Vize-Präsidenten von IBM und Aufsichtsrats-Chefs der deutschen Tochtergesellschaft, drängte Michel zurück ins Schwäbische. Seine Heimkehr macht umständliche Verschiebungen in der deutschen IBM-Führung nötig.
Dort war es auch in den letzten Jahren schon weit hektischer zugegangen, als nach der offiziösen IBM-Philosophie wünschenswert ist. Während bei anderen Computerherstellern das Management oft schneller wechselt als die Rechner-Modelle, hält sich der Marktführer viel auf seine kontinuierliche Personalpolitik zugute. So soll nach interner Regel jeder Verantwortliche schon seinen Nachfolger parat haben.
Doch an der Spitze der deutschen IBM ist dieses Prinzip offenbar außer Kraft gesetzt. Die ausbalancierte Hierarchie brachte als erster der Finanz-Fachmann Eberhard Bihler ins Wanken. Mit dem Angebot von AEG-Chef Heinz Dürr für einen Vorstandsposten pokerte Bihler um den Job des IBM-Finanzchefs Lothar Sparberg.
Bihler gewann und rückte vor. Für den altgedienten Sparberg zog IBM-Chef Bösenberg eigens eine neue Zwischenetage in der Führungsriege ein --Sparberg erhielt die Oberaufsicht über Finanzen, Planung und Datenverarbeitung. Das wiederum verprellte den Chef der Datenverarbeitung (DV), Rolf-Dieter Leister, der bis dahin direkt Bösenberg unterstellt war. Leister kündigte zum Ende des letzten Jahres und wurde Berater bei AEG.
Leister war binnen kurzer Zeit der siebte fertig ausgebildete Marketing-Manager, der überraschend IBM verließ. Um einen Nachfolger verlegen, setzte Bösenberg den Ober-Buchhalter Sparberg auch noch als Chef der Datenverarbeitung ein. Der mit dem Computerverkauf kaum vertraute Finanzmann modelte erst mal die ganze Stabsorganisation um.
Zwischendurch sorgte er noch für die Degradierung des einzigen starken Mannes im Computervertrieb, der nach Leisters Abgang noch übrig war. Der Generalbevollmächtigte Cornelius Schulz-Wolfgramm stolperte über einen mißglückten Computerdeal mit dem IBM-Kunden Unilever und wurde in der DV-Provinz Nord kaltgestellt.
Sparberg geht es jetzt nicht viel besser. Nachdem Michel seinen Posten übernimmt, wird Sparberg mit einem klangvollen Titel abgefunden -- »Assistant General Manager«. Neuer Ärger ist damit schon programmiert.
Denn Michel, der Chef des wichtigsten Unternehmensbereichs, hat eine Hierarchie-Stufe zwischen sich und Bösenberg -- nämlich Sparberg. Sein Kollege Reiner Gohlke, für Mini-Computer und Schreibmaschinen zuständig, untersteht dem Boß dagegen direkt.
Zufrieden kann mit dieser Lösung nur der oberste Chef des Hauses sein. Seit seinem sechzigsten Geburtstag am 23. März dieses Jahres steht Bösenberg nach IBM-Reglement eigentlich zur Pensionierung an. Doch nach dem Gerangel im zweiten Rang der Manager-Garde ist ein Nachfolger für ihn weniger in Sicht denn je.