Russen-Oligarch Jewtuschenkow: "Wir müssen aggressiver sein" - DER SPIEGEL
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Russen-Oligarch Jewtuschenkow "Wir müssen aggressiver sein"

Russland ehemals so mächtige Oligarchen kämpfen mit den Folgen der globalen Konjunkturkrise. Der Magnat Wladimir Jewtuschenkow erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie er die Turbulenzen übersteht - und warum er gerade jetzt Marktanteile erobern will.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Sie begrüßen uns mit einem Lachen. Geht es Ihnen etwa gut, nachdem Sie gerade um einige Milliarden Euro ärmer geworden sind und einige Teile Ihrer Holding an der Börse rund 90 Prozent an Wert verloren haben?

Jewtuschenkow: Wir haben in Russland ein Sprichwort. Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen. Ich schaue mit Optimismus in die Zukunft. Wer den Mut verliert, hat schon verloren. Meine Holding Sistema verfällt keinesfalls in eine abwartende Verteidigungshaltung. In jeder Krise kommt es darauf an, aktiver und aggressiver zu sein.

SPIEGEL: Hat nicht genau diese Aggressivität einen Teil der Oligarchen an den Rand des Untergangs geführt?

Jewtuschenkow: Ja, das war bis vor kurzem noch die Stimmung bei vielen in Russland. Mehr, mehr, mehr. Höher, höher, höher. Expansion um jeden Preis. Die Krise aber braucht eine andere Psychologie. Wir werden Entscheidungen schneller treffen, Verfahrenswege abkürzen und schneller auf den Markt reagieren. Wer das schafft, überlebt. Wir wollen aus der Krise stärker und mit höheren Marktanteilen hervorgehen.

SPIEGEL: Ich habe es geahnt, Herr Jewtuschenkow, russische Unternehmer fühlen sich in der Krise erst richtig wohl. Die meisten gelangten mit ihren Unternehmen in einer Art Dauerkrise an die Spitze, in der langen Krise vor und nach dem Zerfall der Sowjetunion, bis 1998 alles zusammenbrach. Der Staat war damals bankrott.

Jewtuschenkow: Richtig ist, dass wir uns schnell adaptieren und auch gelernt haben, dass die Krise irgendwann wieder vorbeigeht. Ich denke, das ist ein Vorteil gegenüber den Amerikanern, die seit einigen Generationen von einer wirklich großen Krise verschont blieben. Ansonsten lässt sich die Krise von 1998 nicht mit der von heute vergleichen. Heute haben wir eine Weltfinanzkrise, von der beinahe alle Länder betroffen sind. Russische Firmen können nicht einfach ihre Schulden wie damals zu einem Bruchteil abschreiben und verkaufen. Es stehen auch keine ausländischen Unternehmen bereit, die in die Bresche springen. Sie haben selbst genug Probleme.

SPIEGEL: Sie wollen trotz der Krise die Mehrheit an einer Ölfirma in der russischen Republik Baschkorastan übernehmen. Sie sitzen doch schon auf einem Berg von Schulden. Wie wollen Sie das finanzieren?

Jewtuschenkow: Die Finanzierung können wir stemmen. Daran arbeiten wir gerade. Wenn alles klappt, wäre das unter den gegenwärtigen Bedingungen ein großer Erfolg. Es geht um ein vertikales Unternehmen, das von der Ölförderung über erstklassige Raffinierung in den besten Fabriken Russlands bis zum Tankstellennetz alles macht.

SPIEGEL: Die staatliche Entwicklungsbank greift Ihrer Hightech-Firma „Sitronics“ mit umgerechnet 230 Millionen Dollar unter die Arme. Wie wichtig ist die Nähe zur Regierung in der Krise?

Jewtuschenkow: Ich wäre ein schlechter Wirtschaftsführer, wenn ich die Beziehungen zu unser Regierung nicht pflegen würde. Das ist doch auch in Amerika und Europa nicht anders. Von den Milliarden Euro, mit denen die deutsche Regierung eine Bank rettete, kann ich nur träumen.

SPIEGEL: Der russische Staat stützt Banken, kauft Unternehmen heraus und macht sich immer breiter in der Wirtschaft. Wird der Kreml zum Hyper-Oligarchen?

Jewtuschenkow: Die russische Regierung tut nichts, was westliche Regierungen nicht auch tun. In Amerika stützt der Staat die Wirtschaft mit Milliarden und knüpft Unternehmenskredite an harte Bedingungen.

SPIEGEL: Man kann sich in Russland aber nicht sicher sein, dass der Staat sich wieder zurückzieht.

Jewtuschenkow: Die Presse liebt es, über dieses Thema zu spekulieren. Es ist doch nicht so, dass im Kreml Dummköpfe sitzen, die erst alles an sich reißen wollen, dann aber alles in den Abgrund stürzen lassen, weil sie nicht wissen, wie man das Unternehmen führt. In aller Regel sind Bürokraten nicht die besten Unternehmer. Unser armer Premierminister Wladimir Putin muss endlos wiederholen, dass der Staat nichts wegnehmen wird.

"Einige Oligarchen werden noch stärker"

SPIEGEL: Sind Sie eigentlich zufrieden damit, dass der politische Einfluss der Großunternehmer im Vergleich zu den neunziger Jahren gering ist?

Jewtuschenkow : Ja, das ist vorbei und das ist ein natürlicher Prozess. Das bedeutet aber nicht, dass wir keine Lobbyarbeit machen könnten. Jeder von uns hat die Gelegenheit, sich mit dem Premierminister und dem Präsidenten zu treffen und seine Ansichten darzulegen. Und häufig stoßen wir auf Verständnis.

SPIEGEL: Sie hatten ja mal Interesse an Anteilen der Deutschen Telekom. Kommt mit der Krise auch Ihre Expansion ins Ausland zum Erliegen?

Jewtuschenkow: Nein, allerdings werden jedes einzelne Projekt sehr viel genauer prüfen müssen. In Indien aber zum Beispiel halten wir daran fest, innerhalb von drei Jahren Milliarden Dollar zu investieren. Unsere Telekommunikationsfirma dort wächst rasant.

SPIEGEL: Im Sommer haben Sie uns gesagt, dass Sie sich zu allerletzt von Ihrer Halbleiterfirma Sitronics trennen werden, wenn es einmal dick kommt. Gilt das noch?

Jewtuschenkow: Ja. Nicht Sitronics steht auf dem Spiel, sondern die Zukunft Russlands als Technologiemacht. Wir waren es mal, dann wieder nicht. Immer wieder sind wir wie ein Phönix aus der Asche gestiegen. Das werden wir auch diesmal schaffen. Ich möchte nicht hoffen, dass ich mich täusche und Russland nur eine Rohstoffgroßmacht bleibt. Für die Entwicklung der Informationstechnologie brauchen wir einen langen Atem. Dazu gibt es aber keine Alternative. Ohne dies kann Russland weder wirtschaftlich noch politisch eine Führungsposition in der Welt einnehmen. Das ist die nackte Wahrheit.

SPIEGEL: Haben Sie die Krise vorausgesehen?

Jewtuschenkow: Wer das behauptet, lügt. Die Wirtschaft verläuft in Zyklen. Klar war, dass es irgendwann einen Abschwung gibt. Wann er kommt, wusste keiner. Was heißt eigentlich voraussehen und vorbereiten? Ich bin kein Theoretiker, sondern führe ein Unternehmen. Hätte ich etwa bei glänzender Konjunktur Firmen verkaufen und Leute entlassen sollen. Der SPIEGEL hätte mich doch als Erster für verrückt gehalten.

SPIEGEL: Wie viele Mitarbeiter müssen Sie jetzt auf die Straße setzen.

Jewtuschenkow: Gott sei Dank, müssen wir nicht im großen Stil entlassen. Wir sind kein Rohstoff- , sondern ein Infrastruktur- und Verbraucherunternehmen. Das hilft uns.

SPIEGEL: Was wird aus den Oligarchen?

Jewtuschenkow: Ganz einfach. Einige werden noch stärker, einige verschwinden, und natürlich tauchen einige neue auf.

SPIEGEL: Das klingt nicht dramatisch. Dabei ist schon vom Herbst der Oligarchen die Rede?

Jewtuschenkow: Bekanntermaßen folgt auf den Herbst der Winter. Diesmal wohl ein harter und langer. Dann aber kommt unweigerlich der Frühling. 60 bis 70 Prozent der sogenannten Oligarchen werden die Krise nicht nur überstehen, sondern gestärkt aus ihr hervorgehen. 30 bis 40 Prozent sind dann leider Geschichte. So ist es in jeder Krise. Bei dem einen halten die Nerven nicht durch, beim nächsten sind die Schulden zu hoch. Das ist eine Tragödie für den konkret Betroffenen, volkswirtschaftlich gesehen aber eine Gesundung.

Das Interview führte Matthias Schepp in Moskau