Russische Öl-Exporte Preispoker mit Pipeline-Spielchen
Moskau In der Ölbranche lässt man sich nicht gerne in die Karten sehen. Der Wettbewerb ist hart, es geht um viel Geld, und die Konkurrenten sind wachsam. Außerdem ist es ohnehin schon schwierig genug, sich voneinander abzuschotten, denn für den Transport des Öls ist man zum großen Teil auf gemeinsame Wege angewiesen dazu gehört unter anderem die berühmte Druschba-Pipeline.
Es bleiben also nur Indizien, um abzuschätzen, wie ernst die Probleme tatsächlich sind, die im Juni und im Juli zur Drosselung der Erdöllieferungen aus Russland geführt haben. Als Alarmzeichen könnte man da die schnelle Reaktion von Sergei Grigorjew werten, dem Vize-Präsidenten des staatlichen Monopolisten Transneft, dem alle Erdölleitungen in Russland gehören. Gegen Mittag gab der Manager der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti und dem Radiosender Echo Moskau jeweils ein Telefoninterview, in dem er die Lage zu erklären versuchte.
Transneft sei für die Drosselung der Erdöllieferungen nicht verantwortlich, versicherte Grigorjew. Vielmehr habe Surgutneftegas als größter Lieferant im Juli nicht mehr als 1,1 Millionen Tonnen Öl nach Deutschland gepumpt - nur 63 Prozent des üblichen Umfangs. Die Ölgesellschaft Lukoil habe ihre Lieferungen um ein Drittel reduziert. "Eine ganze Reihe kleinerer Ölfirmen hat den Erdölexport nach Deutschland sogar ganz eingestellt". Insgesamt habe der Ausfall der Lieferungen zu keinem Zeitpunkt ein kritisches Ausmaß angenommen. Im Juli seien 1,7 Millionen Tonnen durch die Druschba-Leitung gepumpt worden.
Die beschuldigte Ölgesellschaft Lukoil hüllt sich in Schweigen. Immerhin kündigte ein Lukoil-Sprecher "für die kommenden Tage" eine Erklärung an.
Derweil schießen die Gerüchte über die möglichen Gründe für den Lieferstreik ins Kraut. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters gibt es offenbar abermals Streit über die Bedingungen, zu denen das Öl geliefert werden soll. Ölhändler vermuteten, Lukoil wolle höhere Preise durchsetzen. Ein namentlich nicht genannter Mitarbeiter des Unternehmens sagte der Nachrichtenagentur Interfax, für die Einschränkungen gebe es "kommerzielle Gründe". Die Lieferung nach Deutschland sei schwieriger als in andere Richtungen. Die Lage habe sich verschlechtert, nachdem Weißrussland die Durchleitungsgebühren in diesem Jahr angehoben hatte.
Damit aber steht aufs Neue die Zuverlässigkeit der russischen Lieferanten in Frage, die mir nichts, dir nichts auf stur schalten, wenn ihnen die eine oder andere vertragliche Vereinbarung nicht passt. Anlass zu solcher Besorgnis gab es schon öfter. So hatten die deutschen Raffinerien Ende 2005 auf Lieferungen verzichten müssen, weil die Ukraine eine deutliche Preiserhöhung durch Gasprom nicht akzeptieren wollte: Die Ukraine verweigerte die Zahlung, Gasprom stellte daraufhin die Lieferungen ein. Erst nach zwei Wochen wurde der Streit mit einem Kompromissabkommen beigelegt. Anfang 2006 führten Differenzen über neue Preise mit Weißrussland zu einem Lieferstopp für drei Tage. Wenige Monate später war das Thema erneut auf der Tagesordnung, weil das Lukaschenko-Regime in Zahlungsverzug geriet.
Die Lieferengpässe im Juni und Juli wollen die deutschen Ölunternehmen jedoch nicht als Beleg für die Unzuverlässigkeit der russischen Vertragspartner gelten lassen. Die Drosselung sei rechtzeitig angekündigt worden, sagte etwa ein Sprecher der Raffinerie Schwedt, die den größten Teil ihres Öls aus der Druschba-Leitung bezieht. Die Raffinerie habe keinerlei Produktionseinbußen hinnehmen müssen, die fehlenden Lieferungen seien mit eigenen Lagerbeständen und über eine alternative Lieferroute ausgleichen können, sagte der Sprecher. "Wir haben Öl aus der Nordsee per Tanker nach Rostock transportieren lassen und von dort über eine Pipeline nach Schwedt gepumpt."
Dass der Lieferengpass keine Auswirkungen hatte, bestätigt auch Rudolf Schulze, Geschäftsführer des Wilhelmshavener Pipelinebetreibers Nord-West Ölleitung. Schulze ist in diesem Fall zwar nur Zaungast, weil sein Unternehmen keinerlei Verbindung zur Druschba-Leitung hat. Er hat jedoch einen guten Überblick über die Transport-Infrastruktur in Deutschland. "Man muss sich das vorstellen, wie in der Luftfahrt: Ein Engpass in München kann leicht zu Verspätungen in Hamburg führen, weil die einzelnen Slots eng aufeinander abgestimmt sind", sagt er. Es sei aber weder zu nennenswerten Verschiebungen gekommen noch habe jemand mit zusätzlichen Lieferungen einspringen müssen.
Entsprechend zurückhaltend geben sich auch die Eigentümer der Raffinerie Schwedt, die Mineralölkonzerne BP , Shell , Agip und Total , wenn man nach Erklärungen oder gar möglichen Konsequenzen fragt. Politische Gründe hätten in diesem Fall keine Rolle gespielt, heißt es.
Auch die Frage nach einem möglichen Preispoker wollte keines der betroffenen Unternehmen beantworten. "Das fällt unter die Rubrik Betriebsgeheimnis", teilten die Sprecherinnen von Total und Shell unisono. Von einer neuen Runde in dem Spiel habe sie jedenfalls nichts gehört, sagte eine Mitarbeiterin hinter vorgehaltener Hand. Ohnehin sei das Gefüge von Kontrakten und deren Klauseln über Lieferzeitpunkt und Liefermenge so vielschichtig, dass eine vorübergehende Drosselung keineswegs gleich eine Vertragsverletzung bedeute. "Es ist gut möglich, dass das Soll in den nächsten Monaten wieder ausgeglichen wird." Sie räumte allerdings ein, dass solche Schwankungen normalerweise abgesprochen und nicht von einer Seite diktiert werden.
Wenn überhaupt, dann dürfte dieses Problem ohnehin nur einen kleinen Teil der vertraglich festgelegten Liefermenge betreffen. Denn grundsätzlich ist für einen großen Teil davon ein Festpreis längerfristig vereinbart. Für den Rest sind zu definierten Zeitpunkten Anpassungen an das Preisniveau der Spotmärkte vorgesehen. Die Bedingungen unterscheiden sich von Gesellschaft zu Gesellschaft - und sind streng gehütetes Geheimnis.